Bellman in Annaberg

Im Juli kam Besuch aus dem Erzgebirge nach München: Gerd Schlott, Schauspieler des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg-Buchholz, zusammen mit seiner Frau, Mitglied des Theaterchores. Sie hatten eine CD dabei mit dem Titel “Da ich bin, so will ich leben”, Lieder aus einem neuen Bellman-Projekt. “Das ist der derzeitige Arbeitsstand”, erklärten sie ein­schränkend. Erstaufführung 16. Oktober! Gerd, seit Anfang des Jahres Mitglied in unserer Gesellschaft, spielt und singt zusammen mit drei weite­ren Mitgliedern des Ensembles, unter ihnen die junge Theaterkapellmeiste­rin und Gesangsrepetitorin Cajsa Boström.

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Gerd Schlott, Maria Richter
vorn: Cajsa Boström, Daniel Koch

Was für hinreißende Frauenstimmen mit dem Abglanz von Ullas Winblads Stimme, von welcher der liebeskranke Krüger in der Epistel 36 schwärmt: Ihrem Sange / lauscht man lange, / solche Stimme, klar und rein / und geschmeidig, / das beeid ich, / hat nur sie allein. Die auf der CD zu hörenden Stimmen passen gut zu Ulla und Susanna, wie ich finde.
→ Stolze Stadt-fe33.mp3

Mein spontaner Gedanke war: Das will ich auch sehen, und das sollten viele Bellmanianer in Deutschland sehen und hören! Es wird sich doch wohl ein Anlaß finden lassen? Ja, am 4. De­zem­ber, dem Barbaratag 2009, feiert die Deutsche Bellman-Gesellschaft ihren 10. Geburtstag. Und so steht nun auf dem Spielplan dieses Tages: “Da ich bin, so will ich leben”. Wie viele von uns werden wohl kommen? wurde ich gefragt. Vielleicht 10? oder 15? oder …?

Der Tag der Aufführung nahte. Gerd Schlott rief an: Kommst du? – Nein, erst am 4. De­zem­ber. Aber die Neugier nagte – und siegte. So fuhr ich also mit dem Zug über Nürnberg und Chemnitz nach Annaberg-Buchholz. Eine schmucke Stadt! Und eindrucksvoll die berühmte Hallenkirche, die gleich einer großen Glucke auf ihrem Nest, einer Art Burghügel, liegt.

Der Theaterraum war eine Art Werkraumtheater, mit Tischen und Stühlen, man saß eng gedrängt; geplant war für 60 Zuschauer, es kamen an die hundert, es war also eng, aber keineswegs ungemütlich. Ich bestellte mir noch ein Bier an den Tisch. Rechts hinten auf der Bühne sah ich, an einem Schreibpult in Papieren blätternd, Bellman; in der Bühnenmitte, vor einer Art Kinderbett mit einem riesigen Plumeau, eine junge Mutter; und links vorne an den Instrumenten das Musikensemble: Cajsa Boström und ihr aus Uppsala angereister Vater. Dann setzte unvermittelt die Musik ein und die junge Mutter sang... Welches Lied? Das ist unschwer zu erraten; wie sich daraus in einer überraschenden Wendung das weitere oft spontan applaudierte Szenario ergibt, soll hier nicht verraten werden.

Es wurde ein Abend, der den Zuschauern Freude und Bellman Freunde brachte. Die Begeisterung war so groß, daß der Intendant erwog, vor dem 4. Dezember noch eine weitere Aufführung einzuschieben, wovon Gerd Schlott aber abriet. Wir saßen noch bis 1 Uhr nachts in dem netten Theatercafé im Hause (wo man außer Kaffee auch Faßbier bekommt und auch eine Kleinigkeit essen kann). Und weiter zog ein munteres Dutzend, darunter alle Mitwirkenden, zur Altbauwohnung der Boströms: Gespräch, Gesang und Musik bis um 5 Uhr früh!

Bei der Gelegenheit, den 10. Geburtstag unserer Gesellschaft zu feiern, werden wir Patrick Wilkinson wiedersehen und den Initiator unserer Gesellschaft und Vorsitzenden der ersten Jahre ehren.

Ich hoffe auf zahlreiche Teilnahme! Zwar ist Annaberg im Dezember immer so gut wie ausgebucht, aber Gerd Schlott hat angeboten, bei der Quartierbeschaffung behilflich zu sein.

  München, 28.10.2009
  Klaus-Rüdiger Utschick