Klaus-Rüdiger Utschick

Bellman ein bezechter Volksdichter?

Anmerkung zum Artikel “Tausend Saiten …” im Harzkurier vom 17.09.08

Fredmans Epistlar und Sånger fanden und finden begeisterte Zuhörer. Und obwohl vielleicht nicht jeder die Bezüge zur antiken und nordischen Mythologie immer ganz versteht, hat Bellman mit diesen Werken doch immer die Seelen der Menschen zum Klingen gebracht. Insofern war Bellman ein “Volksdichter” – so wie jeder große Dichter.

Populär wurde Bellman schon als junger Poet. Seine Jugendwerke – mit den Themen Liebe und Trunk, Not und Daseins­angst, etwa in dem Lied “Der Selbstmörder” – brachten ihm bald den Ehrentitel “Anakreon des Nordens” ein.

Wie die zwanzig Bände der Werkausgabe, Standard­upp­lagan, ausweisen, hat Bellman aber auch andere Werke geschaffen: Kom­ödien, religiöse Dichtung, Singspiele, Kantaten, Versbriefe und Gelegenheitsdichtung, politische und patriotische Gedichte, Übersetzungen (darunter aus dem Deutschen Sonette und Kirchenlieder sowie 55 Fabeln von Chr. F. Gellert).

Teile dieser Werke gelangten über die Hofkreise und Literaturzirkel nicht hinaus, andere erlangten Popularität durch fliegende Blätter, das Kirchenliederbuch und die Stockholmer und Göteborger Zeitungen.

Hat Bellman viele Trinklieder geschrieben? Nein. In Fredmans 82 Episteln und 65 Gesängen muß man sehr lange suchen, bis man das eine oder andere Lied findet, das als Trinklied gelten kann. Der Trunk ist zwar ein Grundmotiv der Fredmandichtung, es sind aber auch die Schattenseiten des Trunks, die geschildert werden: die Lächerlichkeit, die Entwürdigung, die Tragik der Trinker.

Allenfalls in den Jugendwerken findet sich eine nennenswerte Anzahl Lieder, welche die äußeren Merkmale von Trinkliedern aufweisen (z.B. die Aufforderung zum Trinken), aber in ihrem Gehalt eher Gesellschaftssatiren oder Parodien sind.

War Bellman selbst ein Opfer des Trunks und hat er seine Existenz durch den Trunk ruiniert? Nein, dies trifft für Fredman zu, aber nicht für Bellman.1 Bellman trank nicht mehr als gesellschaftlich akzeptiert war, mit zunehmendem Alter trank er immer weniger oder fast gar nicht.2 Von Alkoholexzessen Bellmans wird nirgends berichtet. Er hätte die Eintrittsbedingung in den Bacchusorden, wäre sie je ernst gemeint gewesen, sicher nicht erfüllt. (Der Bacchusorden war kein Säuferklub, sondern so etwas wie ein literarischer Diskutierklub.)

Bellman war fast 36 Jahre alt, als er einen Posten in der Kgl. Nummernlotterie und den Titel eines Hofsekretärs erhielt. Um Zeit für seine Arbeit als Poet zu haben, mußte er mit seinem Gehalt einen Stellvertreter bezahlen, und so blieb Bellman nicht übermäßig viel von seinem Gehalt übrig. Hinzu kam, daß er allzu gutmütig und freigiebig bis hin zum Leichtsinn war, und mangelnde Rechenkünste waren ihm schon bei seinem Volontariat in der Reichsbank bescheinigt worden. Dennoch kam er mit seiner Familie über die Runden; er bekam häufig Entgelte für Gelegenheitsgedichte und mehrfach Belohnungen vom König. Als dieser 1792 einem Attentat zum Opfer fiel, verlor Bellman seinen großen Gönner und Beschützer. So konnte es geschehen, daß er wegen eines nicht einmal großen Betrags in Schuldhaft kam. Der Gläubiger, dem Bellman die Schuldhaft verdankte, war ein “guter” Bekannter der Familie gewesen. Er hatte Bellmans Frau Lovisa nachgestellt und war von ihr zurückgewiesen worden. Bellman wurde zwar nach zwei Monaten von Freunden ausgelöst, doch seine Schwindsucht hatte sich in der Haft verschlimmert. Nur acht Monate später starb er.



1 Søren Sørensen: Bellman und Fredman. Eine 200jährige Verwechslungskomödie. In: Beiträge zu Bellman, Heft 1. München 2001

2 Paul Britten Austin: Carl Michael Bellman. München 1998. S. 244 f.