Bellman-Rede 2011 Eingangs der Rede singen alle gemeinsam:
(Hier unterbricht Henrik den Gesang.) Lieber Carl Michael!!!! Warum ständig diese Pimpernelle
???? Ja, eine schöne Weile im Grünen in idyllischer
Umgebung, das haben wir wohl alle verstanden, aber warum just mit Pimpernelle?! Viele Erklärungen hat es gegeben, darum habe ich
mir heute die Aufgabe gestellt, etwas Ordnung in das Wirrwarr zu bringen und einige
Hypothesen zu deiner Pimpernelle zu prüfen.
1. Die Anis-Spur In mehreren Gewürzbüchern ist zu lesen, daß es sich bei der Bellmanschen Pimpernelle um Anis handelt, ausgehend von der Tatsache, daß der lateinische Name von Gewürzanis Pimpinella anisum lautet. Somit würde "Rotwein und Pimpernelle" bedeuten: Roter Wein, gewürzt mit Anis. Eine gute Würzung der Weinbowle? Aber nein, nein, nein! Ich habe circa 15 alte Rezeptbücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert durchsucht. Kein einziges Weinbowlenrezept auf der Basis von Gewürzanis habe ich bis jetzt gefunden. Nirgends findet sich eine derartige Bowle. Anis ist dagegen ein wunderbares Gewürz für Branntwein und kein schwedisches Aquavit-Auge bleibt trocken, wo man von unseren gewürzten Lieblingen O.P.Andersson, Skåne, Norrlands, Nyköping etc. Aquavit spricht, die alle Anis enthalten. Und der letztgenannte, der ausschließlich mit Anis gewürzt ist, erhält dadurch einen deutlichen Lakritzgeschmack! ABER nicht im Wein! Laut vielen Büchern über Naturheilmittel hat Anis einen medizinischen Effekt. Es wirkt gut gegen Magenschmerzen und bei Blähungen. Bei Ammen regt es die Milchbildung an, es ist blutstillend, und es kann mit Vorteil zusammen mit Alkohol verabreicht werden. In Wein kann es also Medizin sein! Daß Bellman sich dann entschlossen hätte, von einem Liebesausflug ins Grüne mit blähungsdämpfender Medizin zu singen, erscheint schwerlich denkbar! Stellt euch das vor: Liebling, was hältst du von einem Picknick im Grünen mit Erdbeeren, Champagner und einem guten Laxativ!!! Nein, darüber pflegt man nicht zu reden. Das Poetische ginge so verloren und die Feinheit der 82er Epistel verkäme vom Pastoral zum Pekoral! Ich kann auch aus gutem wissenschaftlichem Grund konstatieren, daß Bellman selbst mitnichten an Milchmangel litt, und von Ulla Winbladh wissen wir ja, daß sie keine Kinder zu stillen hatte. Folgen wir der Anis-Spur bis zum Ende, so finden wir eine neue Spur ..
2. Die Saxifraga-Spur Eine These geht dahin, daß es sich bei der Bellmanschen Pimpernelle um Pimpinella saxifraga oder Kleine Pimpernelle handelt. Die Pflanze kommt verbreitet auf trockenen Wiesen vor, doch bei der Speisenzubereitung hat sie keine größere Bedeutung. In alten Gewürzbüchern liest man: Die kleine Pimpernelle (die in Schweden bockrot genannt wird, was so viel wie Bockwurzel heißt) hat einen brennenden aromatischen Geschmack mit einer deutlicher Ausprägung von Geißbock. Selbst habe ich sie im Wein probiert und kann nur schlicht folgenden Kommentar zu dieser Weinprobe abgeben: YAK! Darum, ernsthaft gesagt: Bellman hatte keine Bockwurzel im Wein!
3. Die literaturwissenschaftliche Spur Professor Henrik Huldén hat in einem Vortrag im Mai dieses Jahres eine spannende Deutung unserer Epistel 82 gegeben, deren Überschrift ja lautet: "Fredmans Epistel oder unvermuteter Abschied, verkündet an einem Sommermorgen im Grünen". Danach wäre die Epistel eine Paraphrase auf das Abendmahl. Was aber sollte die Pimpernelle dort wohl symbolisieren? Wein zu würzen in einem Land, in dem doch ausgezeichnete Weine erzeugt wurden? Nein, hier finden wir ebenfalls keine Klärung der Pimpernellenfrage.
4. Die poetische Spur Nachdem wir nunmehr die zwei in diesem Zusammenhang gängigsten Pflanzenvorschläge verwerfen mußten, sollten wir uns vielleicht dem poetischen Ausdruck zuwenden. Ja, laßt uns einen Blick auf den Reim tun:
Das klingt einfach, ist aber vielleicht doch nicht so einfach. Wir haben es hier mit dem Reimpaar källa (Quelle) und framställa (herstellen) zu tun und haben dazu noch ein passendes Kraut zu reimen. Aber warum just Pimpinella? Gibt es nicht vielleicht irgendwelche andere geeignete Reimvarianten? Machen wir einen Versuch, dachte ich, nahm mir "Die schwedische Flora" vor und überprüfte sämtliche Pflanzen. Was dabei herauskam? Nja .. Allzu viele Pflanzen, die sich auf källa reimen, fand ich nicht Hier haben wir nun alle.
Nein, alle diese Pflanzen sind entweder Giftkräuter oder Unkräuter, oder sie färben den Mund violett. Bei einem Picknick dürften sie der Stimmung wenig zuträglich sein, auch nicht im 18. Jahrhundert. Hmmm .. Wie wäre es dann, wenn wir uns zu Gunsten alternativer Reimpflanzen an andere Plätze begäben? Auch das ist freilich nicht so einfach. An welchem idyllischen Platz, sofern er zweisilbig ist, würde Fredman wohl sonst gerne weilen?
Übersetzung:
Eine Nachdichtung könnte etwa so lauten...
Oder vielleicht in einer Felsspalte?
Übersetzung:
Eine Nachdichtung könnte so lauten...
Oder vielleicht gefällt diese etwas modernere poetische Fassung:
Übersetzung, im Geiste Bellmans farblich optimiert:
Eine Nachdichtung könnte z.B. so lauten:
Das klingt zugegebenermaßen eher spaßig und nicht so ganz wissenschaftlich. Doch es ist ein ernsthafter Kern in dem, was ich sage: Es ist nicht ganz leicht, auf Pflanzen zu reimen. Man versuche es nur einmal mit Arctostaphylos uva ursi! Also war die Pimpernelle vielleicht bestimmend für diese Dichtung . Oder? Wie machten es denn andere? Durch das Studium poetischer Texte des 18. und 19. Jahrhunderts habe ich versucht, jemand anderen zu finden, der sich der Pimpernelle bedient. Ein nahezu aussichtsloses Unterfangen! Es ergab sich ein schweißtreibender Durchgang der Resultate von über 20 verschiedenen Schriftstellern und Poeten, u.a. Almqvist, Benedictsson, Fredrika Bremer, Krusenstjerna, Lenngren, Nordenflycht, Runius und nicht zuletzt der allen Mitgliedern des Ordens Par Bricole wohlbekannte Johan Henrik Kjellgrenig, allein dort über 700 Seiten hochtönender Deklamation, Elegie und Königsdichtung!!!!! Nun verstehe ich plötzlich um so viel besser die schlichte Schönheit in einem Haiku!! In allen diesen Texten habe ich nur eine EINE EINZIGE entsprechende Notiz finden können, nämlich bei dem 1882 geborenen Schriftsteller Martin Koch, und dieser befindet sich zudem im Irrtum, wenn er sagt, daß es sich bei der Pimpernelle um Sanguisorba officinalis handelt. Doch darüber später mehr. Und Bellman selbst? Ja, er hat in seinen Schriften das Wort Pimpinella (oder Pimpenella) insgesamt 10 mal verwendet, davon 4 mal in FE, 1 mal in FS und 5 mal in seiner übrigen Dichtung. Wie ist das zu verstehen? Warum bedient sich Bellman der Pimpernelle so ausgiebig, während alle anderen es überhaupt nicht tun? Etwa deshalb:
5. Die Pimpernellen-Spur (Henrik hält eine Pimpernelle in die Höhe.) So haben wir also die anmutige Pimpernelle oder Sanguisorba Minor, ein heute wenig gebräuchliches Kraut, das im 18. Jahrhundert noch in gewissem Umfang verwendet wurde. Diese kleine süß schmeckende mehrjährige Pflanze, die bis 6 Dezimeter hoch werden kann, ist paarblättrig und hat gewöhnlich fünf bis sieben Paar gezähnte kleine Blätter und ein Blatt an der Spitze. Sie blüht von Juni bis Juli mit kleinen grün-braunen Blüten, die auf kugelförmig angeordneten dicht stehenden Ähren sitzen. Im späteren Mittelalter galt sie als Naturheilmittel, vor allem die Wurzel wurde gegen Brustschmerzen, d.h. Herzbeschwerden, verwendet. Im 17. Und 18. Jahrhundert begann man auch die Blätter zu verwenden, im Salat und auch im Wein. Der Geschmack dieser Blätter erinnert in seiner Herbheit entfernt an Gurke und mildert die Säure von billigem Wein. Die mildernde Wirkung ist vergleichbar der Wirkung von Salz auf rohen Radieschen, welche man so leichter hinunterkriegt. Jaaa .Hier haben wir nun einen sehr guten Kandidaten för Bellmans "Rotwein und Pimpernelle" und können somit getrost einige der Erklärungen über Sanguisorba officinalis vergessen, jene noch weit weniger namhafte Verwandte der Pimpernelle.
FAZIT Wir haben nun durch eine wissenschaftliche Reise zwei mögliche Erklärungsansätze für die Bellmansche Pimpernelle gefunden:
Beide haben Schwächen, und beide haben Stärken. Betrachten wir die poetische Erklärung, so fällt auf, daß allein Bellman die Pimpernelle in seiner Dichtung verwendet hat. Aber ist nun die Pimpernelle poetisches Signum oder nur Zufall? Das wird einer weiteren Untersuchung vorbehalten bleiben. Betrachten wir die Pimpernellen - Erklärung, die vorherrschende Theorie, so kann man ins Grübeln geraten, weshalb Bellman derart einfache weinverbessernde Mittel besungen hat; doch sage ich wie Babben Larsson: "Wozu Peeling Creme? Man braucht nur Nivea mit Katzenstreu zu mischen, dann hat man das gleiche Resultat." Was heißen soll: Halte dich ans Einfache! So, lieber Carl Michael, glaube ich, daß wir darin einen Anfang zur Erklärung deiner Pimpernelle gefunden haben .oder was sagst du? Abschließend möchte ich eine historisch einmalige Möglichkeit anbieten. Es werden jetzt gleich einige Bacchusknechte herumgehen und jedem, wer will, ein paar Tropfen Rotwein ausschenken. Danach gehe ich mit der Pflanze herum, so kann jeder ein Blättchen dazu kriegen. Wenn wir dann am Ende singen "Rött vin och Pimpinella", kann jeder von euch diese minimale Menge hinunterspülen, um danach mit Fug zu sagen: Ich trank Rotwein und Pimpernelle!!
Übersetzung: Klaus-Rüdiger Utschick |