Bravo! Bravissimo!

Bejubelter Auftritt der “Mehlprimeln” im Gasthaus Thaddäus.


Es war im September 1995, als ich die “Mehlprimeln”, das sind die Brüder Dietmar und Reiner Panitz aus Kaisheim, zum ersten Mal hörte: beim Bellman-Symposium des Nordkollegs in Rendsburg. Seitdem besitze ich auch eine CD von ihnen. Es war neben dem feinfühligen Gitarrespiel die bewundernswerte Klarheit und geradezu artistische Präzision ihres Duettgesangs, die ich als Besonderheit ihrer Darbietung in Erinnerung hatte, diese frappierende, makellose Synchronität auch bei schnellen Tempi, und die spielerische Bewältigung zungenbrecherischer Passagen. Das war mir noch vertraut, als ich die Mehlprimeln beim Symposium “Bellman och musiken” in Stockholm 2008 erneut hörte.

Heute, am 31. Oktober 2010, wollen wir von der Deutschen Bellman-Gesellschaft einmal ein volles Programm der Mehlprimeln erleben, hier in Kaisheim im “Thaddäus”, dem Gasthaus für Gourmets und Liebhaber brillianter Kleinkunst.

Die Präsentation des Dichters in der Programmvorschau allerdings ist nur in Teilen richtig. Bellman war ja nicht Generalzolldirektor, sondern hatte zwischen 1767 und 1772 nur eine kleine Position – mit Hungerlohn! – in der Generalzolldirektion. Wie fast alle seiner Zeitgenossen sprach auch Bellman regelmäßig branntweinhaltigen Getränken zu und in jüngeren Jahren vermutlich manchmal über das empfohlene Maß hinaus, Branntwein war Teil der Hygiene und galt als gesund, der Morgenschnaps war üblich. Darum war Bellman aber kein “Saufbruder”, und in den Kreisen von Fredman und dessen Kumpanen hat er nie verkehrt. (Siehe: Søren Sørensen, Bellman und Fredman – eine 200jährige Verwechslungskomödie in: Beiträge zu Bellman, Heft 1, München 2001, und - hier als PDF - meine Glosse Bellman ein bezechter Volksdichter?) In seinen Lebenserinnerungen schildert er, wie er einst als 19jähriger nach dem Genuß von Pontac “überlastet” war; es ist der einzige Bericht über Trunkenenheit von Bellman, und wir können als sicher annehmen, daß er die Aufnahmebedingung für den parodischen Bacchusorden, betrunken vor aller Augen im Rinnstein zu liegen, nicht erfüllt hat. Auch nicht in seinen Sturm- und Drangjahren, welche nicht im Suff, wohl aber in einer üppigen satirisch-anakreontischen Lied- und Lyrikproduktion ihren Niederschlag fanden und ihm 1773 den Titel “Anakreon des Nordens” einbrachten.

Der anfechtbaren Präsentation des Dichters in der Vorschau der Kleinkunstbühne “Thaddäus” folgt aber glücklicherweise eine stimmige und anregende Darbietung. Zuvor wurden wir auf Bellman eingestimmt durch einen informativen und kurzweiligen Einführungsvortrag, der die Präsentation in der Vorschau vergessen machte.

Beim heutigen Auftritt kommt zu den eingangs erwähnten Vorzügen des Duos noch etwas hinzu: eine Experimentierfreude, die mir ins Auge – und in die Ohren – springt. Etwa als “Fredmans unvermuteter Abschied an einem Sommermorgen bei Ulla Winblads Frühstück im Grünen” (Fredmans Epistel 82) von einer Tuba verkündet wird! Mit Harfe und Hackbrett beleben weitere selten oder nie gehörte Klänge die Epistelwelt im Thaddäus. Bellman selber, der in seinen Divertissements gerne die Rolle des “Charlatan” oder des “Marckschreijer” spielte, war berühmt dafür, mit dem jeweils vorhandenen Inventar immer wieder neue, überraschende Klangillusionen aus der Perücke zu zaubern.

Und noch etwas Unerwartetes bekommen wir geboten: Kabarett! Bellman selbst war “Vorläufer des Kabaretts”, wie Hans Ritte in seinem gleichnamigen Aufsatz gezeigt hat. Und Bellmans bevorzugte Arbeitsmethode war die Parodie. Auch die Episteln sind Parodien.

Die Idee, eine solche Parodie zu parodieren, ist ein Geniestreich, und die Umsetzung mit Fredmans Epistel 82 beachtlich! Gleiche Musik, gleiches Versschema, aber Variation des Themas. Variation 1: der Müll. Schon zu Bellmans Zeit blieb manches ausgediente Stück Zivilisation in der Natur liegen, wie die 1. Strophe der Epistel andeutet: “Klang! Ulla, siehe rollen / die leeren Pullen und die vollen, / die uns erquicken sollen”. In der Parodie aber gesellen sich zu den leeren Flaschen noch jede Menge leere Konservendosen, dazu Plastikgeschirr, Pappbecher, Papiersäcke mit Grillkohle, und was die fortschreitende Zivilisation noch so alles hergibt. (Das erinnerte mich an ein Lied einer Wiener Skiffle Group in den 70er Jahren: “Da Mensch is a Sau, verliert sein Dreck in da Natua und legt si’ selber no’ dazua...”) Variation 2: der Lärm. Bei Ulla Winblads Frühstück im Grünen waren außer dem Lachen, Schwatzen und Singen, und dem Klang der Laute und des Waldhorns vor allem die Stimmen der Natur zu hören: ein Stier brüllte, ein Lamm blökte, eine Elster lachte, der Wind rauschte, die Blätter säuselten. Im Text der Parodie werden solche Laute überdröhnt von Motorrädern und übertönt vom Kreischen einer Kettensäge (man benötigt ja noch etwas Holz für ein idyllisches Lagerfeuer) und von Handy-Klingeltönen. Begeisterter Schlußapplaus des Publikums, gut 50 Personen, unter ihnen viele junge Leute.

Den Panitz-Brüdern ist es im Gewölbe des “Thaddäus” gelungen, Bellman an die nächste Generation weiterzureichen. Auch der Parodiker Bellman hätte Beifall gezollt. Bravo! Bravissimo!

 

Klaus-Rüdiger Utschick,
1. Vorsitzender der Deutschen Bellman-Gesellschaft e.V.