Über Ernst Brunners Bellman-Roman


Ein bewegter und bewegender Roman. Präsentation des Romans im Albert Bonniers Förlag
Dichterleben voller Sinnlichkeit. Frank Schlößer im Hanseanzeiger, Rostock
Mit Tinte aus flüssigem Fleisch. Graziella Hlawaty (Spectrum) in der Presse (Wien)
Ein Mann mit Pferdeschwanz. Stefan Opitz in der Süddeutschen Zeitung
Ein unbezopfter Dichter! Replik auf Stefan Opitz. Von Klaus-Rüdiger Utschick
>> Weitere Stimmen im Bellman-Forum.
>> Trug Bellman einen Pferdeschwanz ?   >> Hat Carl Michael Mamsell Josefa ‘flachgelegt’?

Präsentation des Romans im Albert Bonniers Förlag

Ein bewegter und bewegender Roman.

slusstornet.jpg (17056 Byte)

Dieses Mal führt Ernst Brunner den Leser in das Stockholm des 18. Jahrhunderts, so verstörend und spannungsgeladen, daß einem der Atem stockt. Eine beängstigende und bezaubernde Epoche. Menschen sterben wie Fliegen, Häuserquartiere gehen in Flammen auf, Kirchenglocken donnern, Branntwein fließt in Strömen, und der Schmutz ist unbeschreiblich. Aber zugleich regt sich Lust zum Spielen. Liebe keucht, Lachen perlt, Musik klingt. Immer neu pulsierende Freude. Schreie, Gekicher. Pferdedreck und Parfüm. Beteiligt an allem: Brunners Hauptfigur, der erstaunliche Carl Michael Bellman, dem der Leser folgt von den Kindheitsjahren auf Söder durch die vielen wechselnden dramatischen Begebenheiten des Lebens.

Vielleicht kann man das Ganze so zusammenfassen:

Stockholm 1756. Polhems ziegelroter Schleusenturm steht auf seinem Platz. Lärm, Gewalt, Armut, Rinnsteinbäche, Läuse, Lust, Suff & Gestank. Schöne zahnlose Mädchen mit leicht aufzuschnürenden Miedern. Eine muntere und waghalsige Zeit. Auf wen kann man sich verlassen? Wer gibt einem begabten armen Teufel einen Kredit? Und wer den nächsten? Wem muß man in den Hintern kriechen, um Brot für die Kinder zu bekommen?

Doch sieh, Carl Michael Bellman, halbwegs ausreichend beschenkt, mitten im Gewimmel mit eleganter Perücke und geliehenen Herrschaftskleidern in glänzender farbiger Pracht. Seine Augen sind klar, sein Gehör schenkt ihm Geschichten und Klänge. Doch leider ist sein Cithrinchen gerade verpfändet. Seine Stimme aber trägt. Und bald werden seine Lieder überall zu hören sein. In Bierstuben, am Hofe Gustafs III. und bei den bacchanalischen Ausflügen nach Djurgården. Wo Ulla Winblad mit Strümpfen aus Seide im Grase liegt und etwas widerstrebend seine Muse wird. Doch die Intrigen gedeihen. Wie die Schwindsucht. Säuglinge verlöschen, ehe das erste Lächeln ihre Züge erhellt. Gelegentliche Festgelage nach Tagen wühlenden Hungers. Wechsel verfallen, und Schuldhaft droht. Wenn nicht irgendein Bürge eintritt. Carl Michael Bellman hustet Blut und stirbt verarmt am 11. Februar 1795. Doch sein Werk lebt.

Ein verstörender und verführerischer Roman, der ein ganz neues vielschichtiges Bild unseres Nationalskalden gibt. Zugleich ein bewegender Einblick in die Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts.


Nach oben

Frank Schlößer im Hanseanzeiger, Rostock, 27. Juli 2005

Dichterleben voller Sinnlichkeit.

Es gibt Menschen, die machen jeden Sommer Urlaub in Schweden und haben noch nie etwas von Carl Michael Bellman (1740-95) gehört. Doch das ist nicht unbedingt ihre Schuld. Die Schweden tragen die Lieder ihres Nationaldichters so alltäglich in ihrer Seele und auf der Zunge, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, ihn zum Gegenstand der touristischen Souvenir-Industrie zu machen. Statt dessen kann es ohne weiteres vorkommen, dass man auf einem x-beliebigen Campingplatz aus einer beschwipsten Schwedenrunde Bellmans “Haga” oder “Vater Noah” zu hören bekommt.

So wird auch der biografische Bellman-Roman “Ich lebte von Liebe und Wein” von Ernst Brunner in Deutschland wohl nur von Eingeweihten gelesen werden, obwohl die Resonanz auf das Werk mit dem Titel Fukta din Aska! (Befeuchte deine Asche!) in Schweden enthusiastisch war und die Auflage die 100 000er-Grenze überschritt.

Das ist aus zwei Gründen schade: Bellman ist ein Dichter, dem – fast möchte man sagen: trotz seiner Popularität – ohne weiteres ein künstlerisches Lebenswerk von Weltrang zugesprochen werden kann. Und: Brunners Buch ist gut. Es ist erdig, geradlinig und malt in kräftigen Bildern das Bild Stockholms im 18. Jahrhundert.

Ernst Brunner hat sich in die erste Person begeben und so ist eine fiktive Autobiografie Carl Michael Bellmans entstanden. Seine umfassende Recherche rechtfertigt diesen Anspruch: Historische Präzision ergänzt sich mit detaillierten Schilderungen des Alltags in der “stolzen Stadt” und einer außergewöhnlich plastischen Darstellung der Charaktere.

Wenn das Dichtergenie Bellman in einem seiner wenigen Selbstzeugnisse schreibt, dass er “ein Mensch von wenig Tiefsinn” sei, dann hat das durchaus seine Berechtigung. Denn Bellman reflektierte selten. Er blieb dran. Am Leben, an den Menschen – hier im besonderen an den Frauen, an der Natur, an der Flasche und am Tod. Das hat Brunner aufgenommen: Er beschreibt, was Bellman auf seinem Weg zugestoßen ist. Seine Kämpfe um Anerkennung beim geliebten König Gustav und dessen wechselhafter Gegenliebe. Sein Erstaunen und die Gewöhnung an ein unversiegbares Genie, alles, aber auch alles in Versen niederschreiben zu können. Seine Begegnungen mit dem Bellman, der in den Kneipen der Stadt Stockholm geboren wird – einem Mann, der so zu scheißen vermag, dass dabei der Latrinekahn im Hafen Stockholms in die Luft flog. Was nur natürlich ist – wird doch mit diesem energiereichen Rohstoff die Salpeterfabrik beliefert, die das königliche Schießpulver herstellt.

Diese Popularität ist durchaus zweischneidig: Bellman bekommt das Kleid für seine Mamsell Ulla Winblad zwar um einiges billiger, muss aber dafür auch erleben, wie sich die Buchdrucker seines populären Liedgutes annehmen, ohne dass er auch nur ein paar Kupfermünzen sieht. So bleibt ihm zeitlebens der Kampf ums Geld. Oder besser: Der Kampf um Kreditwürdigkeit, denn Bellman war jederzeit ebenso großzügig wie verschuldet.

Brunners Lebensbeschreibung ist dabei nicht oberflächlich, sondern sinnlich – voller Atem und Blut. So dass der Leser selbst Schlussfolgerungen zieht – wie eben diese: Ihre größten Fortschritte hat die Menschheit seit Bellman wohl nicht im Streben nach einer gerechten Gesellschaft gemacht. Sondern im erfolgreichen Kampf gegen die ständige Anwesenheit von Ungeziefer jeder Art: Läuse, Schaben, Milben, Wanzen, Ratten. Und gegen die verschiedenen Möglichkeiten, zu früh das Zeitliche zu segnen: Pocken und Skorbut, Gicht und Trunksucht, Schwindsucht und Pest, Cholera, Flecktyphus, Faulfieber, Hunger oder ein gewaltsamer Tod – wiederum bei verschiedenen Gelegenheiten: Massenpanik, Stadtbrand, Krieg, Aufruhr oder ein Schafott. Die Gelage, zu denen Bellman geladen wurde, um mit seiner Fähigkeit zur Improvisation und Stimmimitierung die Anwesenden zu unterhalten – diese Gelage waren dem Leben und dem Tod abgetrotzt.

Kann es sein, dass Brunner den Roman gar nicht selbst geschrieben, sondern ein Tagebuch von Bellmans Hand gefunden hat? Natürlich nicht. Aber die Illusion ist perfekt.

Ein solches Buch kann man leicht kaputtübersetzen: Ein paar stilistische “Verschönerungen”, ein leichtes Danebenliegen bei Formulierungen, ein bisschen weniger grammatikalisches Feingefühl – und Brunners Buch wäre hinüber gewesen. Er hatte Glück: Mit Klaus-Rüdiger Utschick und Ursula Menn-Utschick hat er Partner mit Erfahrung erwischt: Sie übersetzten und publizierten bereits das Gesamtwerk Bellmans. Für Bellmans Hauptwerk “Fredmans Episteln” auf Deutsch erhielten sie 1995 einen Extrapreis von den Damen und Herren der Schwedischen Akademie. Und die müssen es ja wissen!


Nach oben

Graziella Hlawaty (Spectrum) in Die Presse, Wien, 5.03.2005

Mit Tinte aus flüssigem Fleisch.

“Ich schrieb über wirkliche Menschen, gab ihnen am Schreibpult Körper und Gewicht und Geruch und Wärme. Ich tauchte meine Gänsefeder in Tinte aus flüssigem Fleisch.” Dies berichtet Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), der schwedische Nationalskalde, dessen Lieder aus den “Fredmans Episteln” noch heute in Skandinavien gesungen werden. …

“Ich schrieb über wirkliche Menschen”, dies gilt auch für den Schriftsteller Ernst Brunner. Seine österreichischen Eltern sind 1948 nach Schweden ausgewandert, 1950 wurde Brunner in Tullinge, einem Vorort von Stockholm, geboren. Heute ist er einer der wichtigsten Vertreter der schwedischen Gegenwartsliteratur, Verfasser zahlreicher Bücher, ausgezeichnet mit vielen Preisen. Im vorliegenden Roman sucht Brunner, zwischen Mythos und Fakten, den wirklichen Menschen Bellman. Scharfäugig, gleichsam mit Filmkamera und Mikrofon, ausgerüstet mit den Ergebnissen jahrelanger intensiver Quellenforschung, begibt sich Brunner als Reporter und Zeitzeuge ins Stockholm des 18. Jahrhunderts. …

Es ist ein historischer Monumentalfilm, der hier in Prunk und Elend vor uns abläuft, unterbrochen von schwärzesten Sequenzen der Armut, von gefühlvollen Naturschilderungen – fast geht Bellman, als Protagonist, in dieser Vielfältigkeit unter. Das Leben und Sterben um ihn, alle historischen Ereignisse scheinen, nein: sind wichtiger – für ihn. Und geht Bellman nicht auch in Wirklichkeit unter, in diesem Getriebe der Gegensätzlichkeit? Er durchhastet in dem über 500 Seiten starken Roman sein Leben von Geburt bis Tod. Langeweile gibt es da nicht! Dafür sorgt Brunners Textflut und Wortgewaltigkeit – zumeist in einer Sprache des krassesten Realismus. …


Nach oben

Stefan Opitz in der Südddeutschen Zeitung, 18.02.2005

Ein Mann mit Pferdeschwanz.
Ernst Brunners Kolportageroman über Carl Michael Bellman.

“Wünsch mir im Himmel einen Platz… bei Bellman, Benn und Ringelnatz”: Die Gedichtzeilen Peter Rühmkorfs aus dem Jahr 1999 deuten den Rang des schwedischen Dichters und Musikers Carl Michael Bellman (1740-1795) an. An sie muss hier erinnert werden, weil der schwedische Literat Ernst Brunner in seinem Roman-Wälzer “Ich lebte von Liebe und Wein” den literarischen Rang Bellmans, dieses “außerordentlichsten Menschen” (Ernst Moritz Arndt) auch nicht ansatzweise erkennen lässt.

Gnadenlos kolportiert Brunner das Bellman-Bild des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – mit grobem Strich zeichnet er das Bild eines früh von seinem Vater gut angelernten Alkoholikers, der sich kurz vor seiner Entjungferung in irgendeinem drall besetzten Lotterbett zum erstenmal Geld leiht und schließlich im Bermudadreieck von Suff, Sex und Schulden an der Schwindsucht stirbt, das alles dann und wann unterbrochen durch in hehrer Melancholie verbrachte Dichterarbeit und Gesangsabende mit Freunden, manchmal beim König Gustav III. Wie dieser Brunner-Klon eines der größten Werke der europäischen Literatur, Fredmans Episteln, geschaffen haben soll, ganz zu schweigen vom Gesamtwerk, das mit Übersetzungen von Gellert beginnt und mit Opernlibretti nicht aufhört, bleibt ein unerklärliches Rätsel. Zu allem ehrfurchtslosen wie kenntnisfreien Überfluss schreibt Brunner auch noch in der Ich-Perspektive, als Carl Michael Bellman.

Wie vertraut Brunner die Kultur- und Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts ist, mag pars pro toto der “Pferdeschwanz” verdeutlichen – den sich Bellman bei ihm immer mal wieder umbindet – das 18. Jahrhundert war ja schließlich das bepferdeschwanzte, nicht wahr? Der zum Pferdeschwanz mutierte Zopf findet sich auch im schwedischen Original, er ist kein Übersetzungsfehler. Es kommen aber reichlich Übersetzungsfehler dazu: Ein Ich-Erzähler des 18. Jahrhunderts legt niemanden flach (im Original slå ikull, also etwa übereinander her purzeln) und in den Kneipen Stockholms aß damals niemand ein Steak (stek – jedes gebratene Stück Fleisch, also etwa Bratenstück o.a.).

Unerfindlich bleibt auch, warum ausgerechnet die Bellman-Zeile im Roman-Untertitel des schwedischen Originals (‘Fukta din aska’ aus der Epistel Nr. l – ‘befeuchte deine Asche’ oder “Netz deine Asche”, so H.C.Artmann) zugunsten des blöden deutschen Titels “Ich lebte von Liebe und Wein” weichen musste. …

Brunners unfroh machender Schmöker ist ein Ärgernis, über das man kaum Worte verlieren müsste, wären da nicht der große Bellman, die gute (also gut nutzbare) Dokumentations- und Forschungslage zu ihm und die im deutschen Sprachraum nicht unkomplizierte Bellman-Rezeption. … Brunner hingegen bedient die ewig-dämliche Nachricht vom Säufer und Schürzenjäger. …


Nach oben

Replik von Klaus-Rüdiger Utschick auf Stefan Opitz, 12.03.2005

Ein unbezopfter Dichter!

Ernst Brunner, der zu den bekanntesten skandinavischen Schriftstellern der Gegenwart zu zählen ist, erhielt für seinen Roman über Schwedens größten Dichter Carl Michael Bellman den Bellman-Preis der Stadt Stockholm. Er hat ihn verdient. Nicht verdient hat er aber Stefan Opitz’ Schelte in der Süddeutschen Zeitung von 18.2.2005.


Verwendung von Klischees?

Keineswegs “bedient” Brunner, wie Opitz moniert, “die ewig-dämliche Nachricht vom Säufer”. Aber er blendet den Trunk auch nicht aus. Bellman selbst erzählt, wie er als 19jähriger “zum ersten Mal vollgeladen” war. “In jungen Jahren war Bellman ein trinkfreudiger Epikureer gewesen… Aus seinen späteren Jahren liegen uns keine so klaren Aussagen vor, nur soviel, daß er, wenn er auch kein zweiter Fredman war, doch ein starkes Bedürfnis hatte zu trinken.” (Paul B. Austin) Über den älteren Bellman berichten Augenzeugen, “wie er mit ansehnlichen Mengen Wein aufgeputscht werden mußte, bevor er in Stimmung kam, und wie er dann die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und verzauberte… oder wie er nur ganz einfach vor seinem Glas sitzt, still und mürrisch.” (Magnus v. Platen) Und Bellmans Dichterkollege Leopold berichtete, daß er “in seinen letzten Jahren überhaupt nichts mehr trank, weil er sich dann körperlich nicht wohlfühlte”. Mit diesen Aussagen und Befunden stimmt der Roman überein.

Brunner stellt Bellman auch nicht als “Schürzenjäger” hin, wie Opitz behauptet. Im Gegenteil: Er zeichnet das Bild eines Mannes, der, als er 37jährig heiratet, einen Schlußstrich unter “alle raschen Junggesellenvergnügungen” zieht und ein treuer Ehemann und liebevoller Vater wird. Wir sehen ihn bei gelegentlichen Festivitäten, wo er als Sänger, Spaßmacher oder Schauspieler auftritt, nach dem Schmaus die anderen fleischlichen Genüsse ausschlagen und zu Fuß den langen Heimweg antreten, um dort an Fredmans Episteln, an Bacchi Tempel oder einem Kirchenlied zu arbeiten. Und wir sehen ihn, wie er über einem Poem für den Gedenktag des Augustiordens brütet oder säuberlich einen Hymnus für das Königshaus zu Papier bringt, oder wie er den Text einer Kantate oder ein Lustspiel entwirft.


Sorgfältige Recherchen

Brunner recherchierte in Originalquellen des 18. Jahrhunderts: Gerichtsakten, Zeitungen, Briefen. Über die Details von politischen Ereignissen wie dem Staatsstreich Gustafs III., dem schwedisch-russischen Krieg 1778-1780, dem Attentat auf den König beim Maskenball. Über den Bildhauer Sergel, den Philosophen Swedenborg, den Komponisten Josef Martin Kraus und andere Zeitgenossen. Über die Lebensumstände der schwedischen Bevölkerung und über Stockholms Baugeschichte. Und baute Stockholm gleichsam zurück auf den damaligen Zustand.

Opitz wettert: “Wie vertraut Brunner die Kultur- und Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts ist, mag pars pro toto der Pferdeschwanz verdeutlichen, den sich Bellman bei ihm immer mal wieder umbindet”. Bellman bindet ihn, aber nicht “um”, und zwar ein Mal und nicht “immer wieder”, wie der Leser feststellen kann. Und warum sollte Bellman seinen Zopf nicht als Pferdeschwanz bezeichnen dürfen? Bellman benutzt zuhauf bildhafte Ausdrücke, die damals so nicht im Konversationslexikon standen; z.B. in der Szene, wo Ulla in “Neptuns Zimmer” tritt und “ihren Rock läßt fallen, steigt gespreizt in Bett und Daun, nach ihr Mowitz mit Posaun…” (Epistel 48). Muß man näher ausführen, daß hier nicht das Musikinstrument gemeint ist? Wie auch immer, ein bezopfter Dichter war Bellman nicht!

Bellmans Charakterzüge sind in zeitgenössischen Berichten gut dokumentiert: Er war die Gutmütigkeit selbst, mitfühlend, freigiebig, spontan, aber auch zu verbalem Zorn fähig, dünnhäutig, zur Leichtfertigkeit neigend. Aber seine Gefühle und Gedanken schien Bellman weitgehend für sich behalten zu haben. “Sehr wenige Berichte über ihn belegen... eine Meinungsäußerung von ihm selbst... Es ist, als ob er nie Gespräche geführt hätte.” (v. Platen) Auch seine Briefe sind eher poetische Miniaturen, die “wenig den Charakter einer persönlichen Botschaft tragen”. Bellman singt, wie Olof Lagerkrantz es ausgedrückt hat, “mit halb abgewandtem Gesicht”. Eine gute Forschungslage, wie Opitz meint? Wir besitzen lediglich zwei autobiographische Fragmente und eine begrenzte Anzahl von Briefen und Schriftstücken Bellmans in eigener Sache. Brunner hat sie sorgfältig in seinen Roman eingearbeitet, wie der kundige und aufmerksame Leser entdecken wird. Die Ereignisse werden freilich nicht rapportiert, sondern aus der subjektiven Wahrnehmung des Romanhelden geschildert.

Opitz tadelt: “Zu allem ehrfurchtslosen wie kenntnisfreien Überfluss schreibt Brunner... in der Ich-Perspektive.” Kenntnisfrei? Nein, aber gewiß frei von unangebrachter Ehrfurcht! Brunner ist es mit diesem biographischen Roman gelungen, Bellman greifbar und begreifbar zu machen, dazu trägt die Form der Ich-Erzählung wesentlich bei. Fazit: Ein ungeschminktes und lebendiges Bild des Dichters.


Übersetzungsfehler?

Auch die Übersetzung wird bemäkelt: “Es kommen... reichlich Übersetzungsfehler dazu: Ein Ich-Erzähler des 18. Jahrhunderts legt niemanden flach”. Oh doch, und der etwas vulgäre Ausdruck ist hier auch durchaus gewollt. Opitz aber meint, in Stilkunde unterweisen zu müssen. Auch Bellman wurde einst vorgeworfen, die Regeln “des guten Geschmacks” zu mißachten, an die er sich tatsächlich nicht immer hielt, z.B. in der ursprünglichen Fassung der Epistel 48, in der er eine Symphonie von Klängen malt: Segel knattern, Wogen klatschen, während der “Kutter knarrt und ächzend geht, Wimpel hoch am Maste weht, Kerstin furzt und Gockel kräht.” (“Tuppen gal och Kerstin fes”) Bellmans Dichterkollege Kellgren meinte es allerdings gut, als er Bellman zu einer Änderung der anstößigen Zeile drängte. “Glocke schlägt und Gockel kräht.”

“Und in den Kneipen Stockholms aß damals niemand ein Steak.” Aha? Wir müssen einräumen, daß wir das nicht überprüft haben. Da das Wort ’Steak’ mehrmals vorkommt, gäbe es also reichlich Übersetzungsfehler. Pardon. Nur wer nicht übersetzt, macht keine Übersetzungsfehler.

Am Romantitel haben auch wir unsere Zweifel. Die Bezeichnung ‘Liedermacher’ wird dem bedeutendsten Dichter Schwedens nicht gerecht; einen ’Dichtersänger’ (der ohne Vorbild war und ohne Nachfolger blieb) könnte man ihn dagegen wohl nennen. Und natürlich vermissen wir an dem Titel “Ich lebte von Liebe und Wein” die Tiefe, die dem Originaltitel eigen ist: Fukta din aska! – Tränk deine Asche! Das ist Trunk und Tod, Lebenslust und Memento mori: der Spannungsbogen von Fredmans Episteln.

Opitz hätte sich bei den zitierten Gedichten “zum Trost” zumindest teilweise “die Verwendung anderer als der Utschick-Übersetzungen” gewünscht. Aber wäre dem Roman gedient, wenn er mit Highlights unterschiedlicher Übersetzer-Nachdichter garniert würde? Und warum sollten wir auf Übersetzungen verzichten, die von der Schwedischen Akademie mit einem Extrapreis und einem Stipendium belohnt worden sind?


Dank der Bellmankenner

“Gnadenlos kolportiert Brunner das Bellman-Bild des 19. und frühen 20. Jahrhunderts”, kritisiert Stefan Opitz. Nein; aber er selbst scheint nostalgisch der Bellman-Rezeption der 60er und 70er Jahre nachzutrauern. Anita Ankarcrona, die Vorsitzende der schwedischen Bellmanssällskapet, schrieb in deren Mitgliedsblatt 1/2003: “Ernst Brunners Roman ist ein großer Erfolg geworden. Von den über fünfzig Rezensionen waren gut vierzig glühend enthusiastisch... Das Wissen über Bellman und seine Zeit gelangt also in die ganze Welt; dies dürfte den Boden bereiten für ein Interesse am Werk des Dichters selbst, vor allem an den in fast alle europäischen Sprachen übersetzten Fredmans Episteln. Danke, Bruder Brunner!”

 


Nach oben

>