<<    Post ille    >> 

Aus der Bellman-Postille Nr. 3





Bellmandagen

Am 26. Juli 1829 wurde die von J. N. Byström modellierte Büste Bellmans auf der Insel Djurgården am Fuße einer Eiche aufgestellt, an der Bellman oft gesessen haben soll. Von daher rührt auch der Name des nahe gelegenen Wirtshauses Bellmansro (gesprochen ‘Bellmans Ruh’). “Bellmans Büste wurde in großer Feierlichkeit von der Gesellschaft Par Bricole enthüllt. Der König, der Thronfolger und Menschen aller Volksschichten waren anwesend. Seit 1829 wird jedes Jahr der 26. Juli in Erinnerung an dieses große Ereignis als Bellmandagen (Bellmantag) gefeiert, als Volksfest mit Musik und Gesang von Par Bricoles Chor rund um die Bellman-Büste. Seit 1893 feiert auch Nordiska Museet jährlich diesen Tag auf Skansen mit festlichen Aufzügen, in denen Bellmans Lieder, gustavianische Tänze und eine Prozession von Bellmanfiguren aufgeführt werden” (Nordisk familjebok). Bellmandagen (früher war die Form Bellmansdagen gebräuchlich) wird auch anderenorts in und außerhalb von Stockholm, wie z.B. in Mariefred/Gripsholm oder in Huddinge/Fållan, um den 26. Juli herum mit Musik und Theater gefeiert.

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Erinnerung an Paul Britten Austin

Vor fast genau zwei Jahren, am 27. Juli 2005, starb Paul Britten Austin.

Paul erblickte das Licht der Welt am 5.4.1922 in Dawlish in England. 1951 heiratete er die Schriftstellerin Margareta Bergman, mit ihr wohnte er in dem Stockholmer Vorort Farsta. Zunächst machte er sich einen Namen mit Erzählungen und Essays. Ein besonderes Gewicht legte der begabte Orgelspieler auf die musikalischen Bezüge der Literatur. Wie kein anderer hat er Schwedens Dichtung in der Welt bekannt gemacht: als Schriftsteller, als Übersetzer – und als unwiderstehlicher Rezitator, der auch auf CD zu hören ist. Die beste Bellman-Biographie stammt aus seiner Feder. Für seine Verdienste um die Verbreitung der schwedischen Literatur in englischer Übersetzung wurde er mit dem Nordstjärneorden geehrt. 1979 erhielt er für seine Arbeiten von der Schwedischen Akademie den Extrapreis und einen Übersetzerpreis.

Was in der Bellman-Szene relativ wenig bekannt ist: Paul war ein hervorragender Napoleonkenner; mehrere umfangreiche Bände stammen aus seiner Feder. Sein Arbeitszimmer war zugleich eine kleine Werkstatt, in der er die Gelände der napoleonischen Schlachten und deren Schlachtordnungen nachbaute. Die Zinnsoldaten, die Standarten, die Uniformen der Soldaten und Offiziere sowie deren Abzeichen hatte er selbst aufgemalt. Eine unvorstellbare Arbeit, für die er eine sehr ruhige Hand und eine Uhrmacherlupe brauchte. Dabei war die schwierigste und langwierigste Arbeit die vorausgegangene Recherche-Arbeit! Im Stockholmer Spielzeug-Museum konnten wir ein Dutzend seiner Arbeiten bewundern. Es ist die gleiche unübertreffliche Perfektion, die auch Austins Bellman-Übersetzungen auszeichnet.

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Bellman “in Britten”

Der folgende Beitrag wurde abgedruckt in Hwad behagas? N° 1, 2007. Vorher war er in Stockholm Universitets studenttidning GAUDEAMUS Nr 4, 1982, erschienen.

Wer sich darauf einläßt, Bellman zu übersetzen, muß über viele mehr oder weniger bemerkenswerte Eigenschaften verfügen. Aber vor allem muß er Geduld besitzen. Unendlich viel Geduld. Das sagt der Bellman-Übersetzer Paul Britten Austin, der für seine Übersetzungen ins Englische zweimal den Preis der Schwedischen Akademie erhielt.

Bellman bekam den Preis ebenfalls verliehen, allerdings nur einmal.

Als Paul Britten Austin vor 34 Jahren zum ersten Mal seinen Fuß auf schwedischen Boden setzte, war Bellman ihm völlig unbekannt. Der erste Kontakt war eine verkratzte Tonbandaufnahme von Fredmans Gesang Nr. 35, Gubben Noak, gesungen von einem Dänen!

Damit begann das Karussell zu laufen. Paul Britten Austin entdeckte, daß die Übersetzungen ins Englische meistens Trinklieder waren, und daß die Übersetzer manchmal eine etwas eigenartige Einstellung zu ihrer Arbeit hatten.

Übersetzen mit Bacchi Saft?

“Eines Tages erhielt ich einen Brief von einem Übersetzer in Nottingham, der in 18 Monaten alle Episteln übersetzt hatte. Er betrachtete sein Werk als vollendet, und zwar aus zwei Gründen: erstens hatte er eine schwedische Frau, und zweitens war er jedesmal, wenn er zur Feder gegriffen hatte, trunken gewesen von den bacchanalischen Säften! Doch es wäre niemals möglich, unter solchen Umständen eine seriöse Arbeit abzuliefern. Ich habe für meine Arbeiten drei Forderungen aufgestellt: 1. Sie sollten so zeitgetreu wie möglich sein. 2. Sie sollten singbar sein. 3. Die reichen Möglichkeiten, die die Sprache bietet – damals waren sie noch reicher als heute – müssen genutzt werden, u.a. um unvermeidliche Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.

Eine weitere Schwierigkeit ist, das Niveau des Originals zu erreichen in allem Realistischen, Mythologischen, Gefühlsmäßigen und Satirischen, und Bellman verwendet diese ‘Ingredienzien’ so gut wie immer. Und es ist nicht ungewöhnlich, daß all diese Ingredienzien in ein und demselben Gedicht zusammengerührt sind.”

Der genarrte Professor

Paul Britten Austin gibt auch zu, daß er sich manchmal ein wenig schämt, nicht immer den Farbton wiedergeben zu können, in dem Bellman selbst gemalt hat.

– Die Farben der englischen Kopie sind vielleicht blasser. Aber Bellman muß es sein, unverkennbar Bellman, das auf jeden Fall!

Er erzählt dann, wie sein Freund, der Bellmanforscher Nils Afzelius, nach England fuhr, im Gepäck Austins Übersetzung von Fredmans Gesang Nr. 32 Träd fram du nattens Gud, auf handgeschöpftem Papier und in alten Lettern gedruckt. Dieses Kleinod landete in den Händen eines Literaturprofessors in Cambridge, der Feuer und Flamme war, da er glaubte, einen bisher unbekannten englischen Dichter des 18. Jahrhunderts entdeckt zu haben.

Die Erfindung des WCs

Was sind das für Probleme, auf die man beim Übersetzen stoßen kann? – “Die sprachlichen Aspekte sind unerhört wichtig. Bellman war ein Kind seiner Zeit; seine Sprache desgleichen. Viele der heute altertümlich wirkenden Ausdrücke und Wörter, die bei Bellman vorkommen, haben im Englischen jener Zeit ihre eigenen, saftigen Entsprechungen. Und genau diese hat man zu suchen.

Manchmal kann man von einem Wort in die Irre geführt werden. Ich hatte einmal eine längere Auseinandersetzung mit Carl Michael betreffend das Wort crap (Schiet), ich brauchte eigentlich einen Reim auf up – später entdeckte ich, daß das englische Wort crap sich ableitet von dem Namen eines gewissen Herrn Krapp, der in Deutschland im 19. Jahrhundert das Wasserklosett erfunden haben soll. Aber wir befanden uns ja im 18. Jahrhundert!

Die Reime müssen treffend sein – falls ein reiner Reim fehlt, darf man unreine Reime verwenden. Ein anderes Problem ist, daß das Schwedische eher eine ‘trochäische’ Sprache und das Englische eigentlich eine ’jambische’ Sprache ist; so wird z.B. aus dem schwedischen ’huset’ [ ´ ] in der englischen Übersetzung ’the house’ [ ´ ]. Und das bereitet dem Übersetzer die größten Kopfschmerzen, weil er ständig Wörter umstellen muß und durch die geänderte Wortfolge der realistische Zusammenhang leidet.”

Ist das singbar?

Paul Brittens Übersetzungen werden von vielen Sängern gesungen und sind auch auf Platten und CDs aufgezeichnet. Das heißt sicher, daß hohe Anforderungen an das Musikalische gestellt werden?

“Daß die Übersetzungen singbar sind, ist ein ungemein wichtiger Anspruch, und oft sitzt man da und kämpft mit den verschiedenen Takten. Eine Silbe pro Ton muß es sein, außer bei Kadenzen – das war die strenge Regel zu Bellmans Zeit. Aber trotzdem darf es keine Schwächen geben, keine nichtssagenden Ausdrücke dürfen vorkommen, nur um einen lästigen, aber leider unvermeidlichen Ton zu besetzen.”

45 Minuten bis 1 Jahr

Noch immer hat Paul Britten Austin nicht alle Episteln und Gesänge übersetzt,und das läßt sich durch die lange Zeit erklären, die der Übersetzer für jedenText braucht. Für Fredmans Epistel Nr. 26 – Vår Ulla låg i sängen och sov – benötigte er fünf Wochen. Böljan sig mindre rör kam in 45 Minuten zustande,während er für Käraste Bröder, systrar och vänner – Epistel Nr. 9 – ein ganzes Jahr brauchte.

Es ist sehr wichtig, daß man sich an das hält, was gut ist, und nicht zögert, die eine oder andere Übersetzung in den Papierkorb zu werfen. “Man soll sich nicht ärgern, wenn etwas mißlungen ist. Denn irgendetwas mißlingt ständig ... was nicht heißt, daß man aufhören soll zu versuchen.”

Paul Britten Austin hofft, daß Carl Michael Bellman von den himmlischen Höhen des Parnaß mit Nachsicht herunterblickt auf die eine oder andere nicht so gut gelungene Wortwahl in einer Übersetzung. Der Übersetzer gibt sich unendlich viel Liebesmühe; Bellman, der ja selbst Gellerts Fabeln ins Schwedische übersetzte, weiß vermutlich, was für ein schwieriges Unterfangen das sein kann.

Bengt Jonshult

Bengt Jonshult ist Vorsitzender der schwedischen Mozart-Gesellschaft sowie Redakteur von Hwad Behagas?, dem Mitgliedsblatt von Bellmanssällskapet, deren Vorstand er angehört.

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Die Deutsche Bellman-Gesellschaft

Die Deutsche Bellman-Gesellschaft wurde am 4. Dezember 1999 als “Carl Michael Bellman Society zu Berlin e.V.” gegründet. Ort des denkwürdigen Geschehens war die Bellman-Bar in Berlin-Kreuzberg. Spiritus rector und treibende Kraft war Dr. Patrick Wilkinson. Außerdem anwesend bei der konstituierenden Versammlung, die von Notar Häusler beurkundet wurde, war der Wirt der Bellman-Bar Andreas Schmidt, außerdem Borghild Niemann, Ankin Häusler, Ursula Menn-Utschick, Klaus-Rüdiger Utschick und – damit die Mindestzahl von 7 Gründungsmitgliedern erreicht wurde – noch ein inzwischen vergessener Passant. Auch ihm Lob und Dank! Im Jahr 2002 erhielt die Society dann ihren heutigen Namen.

Der Gründungstermin war passend gewählt: der 4. Dezember ist der Barbaratag. Es ist der Tag der Schutzheiligen des von Bellman, Hallman und Kexél gegründeten Bacchusordens Par Bricole. Am 4. Dezember 1766 wurde im Hause von Anders Lissander das allererste Kapitel des Bacchusordens abgehalten. Die Zeremonien fanden in den folgenden Jahren jeweils am 4. Dezember ihre Fortsetzung – und in Fredmans Sånger Nr. 1-4 ihre Verewigung.

Auch die Deutsche Bellman-Gesellschaft feierte einige denkwürdige Feste!

Ein herausragendes Ereignis in vollen Hallen waren die Wismarer Bellman-Festtage im Oktober 2003, organisiert und geleitet von unserer 2. Vorsitzenden Borghild Niemann. Darüber wurde ausführlich in der Bellman-Postille Nr. 1 berichtet.

Am 4. und 5. Februar 2005 fand auf der Waldeck ein Burgfest zu Bellmans Geburtstag statt, von Jürgen “Jacky” Jacobi-van Beek organisiert und von Pit Klein moderiert. Wir hörten den Tenor Hans Erich Halberstadt, den Sänger und Liedermacher Günther Gall mit dem Gitarristen Konstantin Vassiliev, Dieter Möckel mit Sybille von Soden (Flöte) und Claudia Koch (Cello), und wir bekamen ein szenisches Potpourri serviert von einem Ensemble von acht Instrumentisten und weiteren Mitwirkenden unter Leitung unseres Mitglieds Joachim Buch. Und der schwedische Schriftsteller Ernst Brunner las aus der deutschen Fassung seines Bellman-Romans Fukta din aska, der in mehr als 10 Sprachen übersetzt wurde. Brunner gab dabei auch eindrucksvolle Kostproben seiner Fähigkeit, wie Bellman mit dem Mund und den Fingern die verschiedensten Laute wie etwa Pferdegetrappel auf Pflaster, auf weichem Boden, von schwappenden Wellen usw. zu erzeugen. Sein 526 Seiten umfassender Roman, deutscher Titel Ich lebte von Liebe und Wein, wurde als Jahresgabe an die Mitglieder ausgegeben.

Erneut auf der Waldeck trafen wir uns am 19. Mai 2006 im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Organisator war diesmal Ali Kuhlmann. Das dreitägige Bellmanfest zog viele Zuschauer und Zuhörer zur Burg Waldeck (siehe nächsten Artikel).

Weitere Bellman-Konzerte fanden anläßlich von Jahresversammlungen statt. Wir erinnern uns an Konzertabende, u.a. auf einem Theaterschiff, in der Bellman-Bar, im Labsalon von Lübars, im Kulturhaus Spandau. Wir hörten Andreas Frye mit dem Klarinettisten Tim Beeger, Achim Maas, das Möckel-Trio, Günter Gall mit dem Gitarristen Konstantin Vassiliev, Thelonius Dilldapp, Bömmes, Jörg Hensel und Hennes & Movitz! Und wer von den Glücklichen, die bei diesen Konzerten dabei waren, erinnert sich nicht an die anschließenden Allsång-Abende mit den unermüdlichen Achim Maas und Martin Bagge? Mit Jörg Hensel und seiner Geige, und Jacky van Beek und seiner Tuba?

Die Gesellschaft hat eine Internet-Präsenz: www.bellmangesellschaft.de. Es gibt einen kleinen internen Bereich, wo man z.B. die Adressen der Mitglieder einsehen kann. Und es gibt es einen großen öffentlichen Bereich. Man findet dort eine Bibliographie deutscher Bellman-Bücher und Bellman-Noten sowie eine Diskographie und eine Übersicht über die nächsten Bellman-Konzerte im deutschsprachigen Raum (alles von Uta Helmbold-Rollik bereitgestellt). Man kann nach beliebigen Wörtern in der Fredmandichtung suchen. Man findet eine Übersicht über das gesamte Werk von Bellman. Man findet ein Archiv über bisherige Veranstaltungen (auch Wismar mit Diaschau und Tonaufnahmen), Buchrezensionen, Postillenbeiträge und ein Forum mit Gästebuch und Pinntafel. Und man kann man sich natürlich über die Bellman-Gesellschaft informieren und über die nächste geplante Veranstaltung.

Wir halten engen Kontakt zur schwedischen Bellmanssällskapet. Mehrere Mitglieder der schwedischen Bellmanssällskapet und der dänischen Selskabet Bellman i Danmark sind auch bei uns Mitglieder. Bei einer Feier in Stockholm im März 2004, zum Gedächtnis des im Januar verstorbenen Gunnar Hillbom, u.a. mit Bellmanianern aus Finnland und Dänemark, war unsere Gesellschaft ebenfalls vertreten.

Die Gesellschaft möchte jährlich eine neu erschienene Publikation an ihre Mitglieder ausgeben. Bisherige Jahresgaben waren: 2002: Beiträge zu Bellman, Heft 1 (Artikel von M. v. Platen, H. Ritte, S. Sørensen und K. Utschick); 2003: Bellmans Singspiel Das Bacchusfest (mit dem von James Massengale redigierten Melodieteil); 2004: Bellmans Singspiel Trauerzeremoniell für Lundholm; 2005: Ernst Brunners Bellman-Roman Ich lebte von Liebe und Wein; 2006: Bellman, Bacchi Tempel (mit einem Vorwort von Lars Lönnroth). Außerdem wurden 2003 und 2004 die ersten beiden Ausgaben der Bellman-Postille versandt.

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Bellmanfest auf der Waldeck 2006

Ein gutes Jahr nach der so gelungenen Jahresversammlung Anfang Februar 2005 war die Deutsche Bellman-Gesellschaft vom 19. - 21. Mai 2006 erneut auf der Waldeck im Hunsrück zu Gast, und auch dieses Fest wurde ein außergewöhnliches Erlebnis.

Ali Kuhlmann hatte alle Register gezogen, hatte alle seine Beziehungen im Himmel und auf Erden spielen lassen und ein Fest zustande gebracht, bei dem alles mitspielte: Das Gästehaus mit seinen Mitarbeitern, die schöne Umgebung und sogar das Wetter. Und natürlich vor allem das Programm.

Hochkarätige Musiker und Texter gestalteten den ersten Abend. Zum Auftakt sang Thelonius Dilldapp (Jürgen Thelen) zu seinen historischen Instrumenten, und als Moderator glänzte Pit Klein mit seinen launigen Versen. Dann wartete Jörg Hensel mit einer umwerfenden Neuentdeckung auf: Bellman hatte auf seiner Flucht vor den Schuldeneintreibern mitnichten in Norwegen Unterschlupf gefunden, sondern vielmehr unweit von Berlin, in Lübars. Dort entdeckte Jörg vor Jahren auf einem Dachboden eine Kiste mit angestaubten Manuskripten, lauter Bellmanlieder: “Bellman mit Berliner Schnauze”. Diese Lieder sang Jörg nun zur Geige, einfühlsam begleitet von seinem Gitarristen Christian Kühn.

Nach dem Konzert ging der Abend an der Bar weiter bis spät in die Nacht hinein mit bündischen Waldeck-Liedern.

Das Programm am Sonnabendnachmittag begann mit dem Auftritt des Möckel-Trios, mit Bellman-Liedern im Rokokostil. Dieter Möckel, unser ältester Bellman-Interpret, sang zur Barockgitarre, begleitet von Claudia Koch auf dem Barockcello und Sybille von Soden auf der Traversflöte. Beim Vortrag

von Fredmans Epistel Nr. 51, betreffend das Konzert im “Drei Bütten”, wirkte gar der Windgott Äolus mit, denn just als Dieter Möckel sang: “Äol kommt mit Sturmeswut, löscht die Fackeln der Nacht ...” – da riß der Wind die Fenster auf, und die Regenflut peitschte unter Blitz und Donner in den Saal! Doch Äolus wurde wieder friedlich und still, als Möckel die von ihm komponierten Variationen über das Thema des Haga-Liedes vortrug.

Danach berichtete Margarete Löwensprung über das Werk des Bellman-Übersetzers Peter Paul Wrede (1909 - 1975), der als erster in akribischer Kleinarbeit in zwanzig Jahren alle Episteln und Gesänge ins Deutsche übersetzte, aber leider keinen Verleger fand. Sie hat vor kurzem den Wrede-Nachlaß von dessen Familie übernommen und lädt alle Interessierten herzlich nach München ein.

Hochinteressant war der Vortrag, in dem Peter Ulrich Hein, ergänzt durch Gert Kreutzer, zwei deutsche Bellman-Romane aus den dreißiger Jahren vorstellte: Werner Jansen – “Die Insel Heldentum” und Haro Trüstedt – “Schänke, Gott und Saitenspiel”. Beide Romane sind von der herrschenden Ideologie jener Zeit nicht zu trennen. In Jansens Roman wird Bellman völlig verzeichnet und völkisch für das Deutschtum vereinnahmt; bei Trüstedt wird ihm keine Gewalt angetan, er wird allerdings in seiner Deutschstämmigkeit gegen das Französische mobilisiert.

Am Abend dann ein besonderes “Highlight”: Martin Bagge, Günter Gall und Bömmes (Hans Dietrich Mohr) traten zum ersten Mal gemeinsam in einem Konzert auf. Die drei Künstler ergänzten sich wunderbar, es war ein Genuß zu erleben, wie sie einander mit ihrer Spielfreude befeuerten. Dieses Konzert gab wohl den Ausschlag, daß in uns der Wunsch zu reifen begann, dieses herrliche Fest möge keinesfalls “einmalig” gewesen sein.

Am Sonntag klang das Fest sachte aus mit “Allsång” in Schwedisch und Deutsch – ein wenig wehmütig, doch glücklich gingen wir auseinander.

Großen Dank an Ali Kuhlmann und an die Waldecker für die beispiellose Gastfreundschaft.

Borghild Niemann, Sybille von Soden

 

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Verse von Pit Klein

Man kann auch Bellman verjazzen
doch braucht man, so pfeifen’s die Spatzen
vom Dache, vor allem den Blues,
sonst werkelt man Schmus
und tut sich den Schweden verpatzen.
So manch einer singt seinen Bellman
und geht an die Lieder zu schnell ran,
gerät so ins Schleudern
und Versevergeudern.
Nicht jeder, der bellt, es auch kann.
Gäb’s nicht Bellman auch im Dialekte,
so manches Bonbon man versteckte.
Mit plattdütscher Plautze
und Balina Schnautze –
nur Sächsisch vielleicht doch verschreckte.

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Bellmantradition der Burg Waldeck

Nun war die Deutsche Bellman-Gesellschaft schon zweimal auf der Burg Waldeck im Hunsrück, diesem traditionsreichen Ort kultureller Begegnungen, zu Gast – zum ersten Mal zur Jahreshauptversammlung im Februar 2005, und dann wieder im Mai 2006 zu einem höchst gelungenen Konzert-Wochenende. Sie hat sich dort wohl gefühlt, und das ist wohl der Grund dafür, daß Klaus-Rüdiger Utschick mich gebeten hat, für die, die nicht dabei waren, einmal aufzuschreiben, was denn die Waldeck mit Carl Michael Bellman zu tun hat. Das ist gar nicht so einfach, vieles verliert sich im Dunkel der Überlieferung.

Fest steht jedenfalls, daß Carl Michael Bellman nie auf der Waldeck war; zu seinen Lebzeiten war die Burg längst (seit 1689) eine Ruine. Erst in den 1920er Jahren erwachte sie als Treffpunkt junger Musikenthusiasten zu neuem Leben.

Fest zu halten ist aber auch, daß die Musik von Bellman auf der Waldeck seit langem eine große Rolle spielt. So ist es zu erklären, daß einige Waldecker auch Mitglieder der Deutschen Bellman-Gesellschaft sind. Ungefähr ein halbes Dutzend Namen fallen mir da ein.

Ich vermute, daß bereits die Jungen vom “Nerother Wandervogel”, dem Vorläufer der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW), von ihren Fahrten nach Schweden in den 1920er Jahren Bellman-Lieder mitgebracht haben; in den Liedersammlungen aus dieser Zeit findet sich jedoch kein Beleg dafür.

Während der legendären Festivals in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts trat das Musikantenpaar Hai und Topsy aus Stockholm mehrfach auf der Waldeck auf. Zu ihrem Repertoire zählten natürlich auch Lieder von Bellman. Spätestens damals und bei vielen weiteren Konzerten der beiden sprang der Bellman-Funke auf die Waldecker über. Angefacht wurde das Feuer immer wieder durch den Waldecker Hans-Dietrich (Bömmes) Mohr, sicher einer der besten Bellman-Interpreten Deutschlands, der seine Waldeckfreunde immer wieder zu später Stunde mit Bellman-Liedern erfreut.

Diese Nähe der Waldecker zu Bellman ist leicht zu verstehen. Das Lebensgefühl, das aus den Liedern Bellmans spricht, ist auch das vieler Waldecker. Wie sollten wir ihn da nicht mögen?

Nur logisch ist es deshalb auch, daß das große Bellman-Konzert im Mai 2006, das viele für das beste halten, das sie je gehört haben, auf der Waldeck stattfand, mit drei kongenialen Interpreten, von denen – neben dem unbestritten berühmtesten Bellman-Sänger Martin Bagge – zwei (Bömmes und Günter Gall) Waldecker sind.

Waldeck und Carl Michael, das ist eine alte und sich immer wieder erneuernde Liebe.

Ali Kuhlmann

Ali Kuhlmann gehört wie Jacky (Jürgen Jacobi-van Beek) und Bömmes zu den rührigen Waldeckern, die auch Mitglieder der Bellman-Gesellschaft sind; über ihre erfolgreichen Aktivitäten kann man sich auf der Webseite www.burg-waldeck.de informieren.

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So wurde Bellman “Der nordische Anakreon”

Der legendäre griechische Poet Anakreon (etwa 580 – 495 v.Chr.) war zur Bellmanzeit in aller Munde. Nie war der Dichter, der die Lebens- und Liebesfreude – darunter nicht zuletzt den Weingott Dionysos und seine Freuden – verherrlichte, ganz aus der Literatur Europas verschwunden gewesen; und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert erlebte er eine Europa übergreifende Renaissance. Vor allem deutsche Dichter begeisterten sich für Anakreon; auch Goethe und Schiller wandelten zeitweise auf seinen Spuren.

Im August 1773 erschien ein kleines Gedicht von Olof Bergklint in der Göteborger Zeitung Hwad Nytt? Hwad Nytt?, die im Mai 1772 gegründet worden war und deren Hauptanliegen kulturelle Neuigkeiten waren. Was Neues? Was Neues? Von Bellman gab es immer wieder was Neues zu berichten und abzudrucken. “Über diesen frohen und glücklichen Skalden”, so liest man dort im August 1773, “hat der kunstreiche Herr Bergklint dieser Tage folgendes Impromptu geschrieben.” Hier das Gedicht, daneben die Prosaübersetzung:

Min Bellman, Phoebi son,
lät jämt din glädje flyta.
Med dig vår Nord kan skryta
av sin Anacreon.
Din glättighet och snille
har ej sin like fått,
och oskuld äga ville
ditt hjärtas lott.
Mein Bellman, Phoebi* Sohn,
laß immer deine Freude strömen!
Mit dir kann der Norden sich rühmen
seines Anacreon.
Deine Kunst, dein muntres Wesen
haben ihresgleichen nicht,
die Unschuld gern besäße
ein Herz wie deins.

*) Phoebus: Beiname des Apoll

Von da an titulierte ihn des öfteren auch der König mit dem ehrenvollen Beinamen “Anacreon des Nordens”. Und als der Dichter Kellgren 1778, soeben aus Finnland gekommen, in Mina Löjen schrieb “Anacreon, wo ist dein Lob? / Ein andrer raubte dir die Leier ...”, genügten diese Anfangszeilen, daß jedermann sofort wußte, wer gemeint war. Kellgren wurde mit der Zeit ein Bewunderer Bellmans und schrieb 1790 in seinem glänzenden Vorwort zu Fredmans Episteln, daß der Beiname ihm vielleicht “nicht genug Ehre antut”:

Es stimmt, beide Dichter haben die gleichen Dinge besungen, Wein und Liebe, und beide haben vortrefflich gesungen; das ist jedoch alles, was sie gemeinsam haben. Sie haben auf dasselbe Tuch gemalt, waren von demselben Geist beseelt; aber doch: welch Unterschied der Zeichnung, der Farben, der Formen und Stellungen der Figuren, der Wahl der Szenen! Zart, leicht, verführerisch, fein der eine, der andere taumelnd, heftig, staunenerregend, reich. Diese beiden miteinander zu vergleichen, hieße einen Wasserfall, seine Sprünge, seinen brausenden Schwall über Feld und Flur, mit einer Quelle vergleichen, die sich sanft und ohne tosende Wogen durch die Wiese schlängelt. - - -

Kellgren kommt zu dem Schluß:

Wir werden finden, daß der höchste Ruhm für jeden hervorragenden Dichter, für Bellman wie für Anacreon, der ist: Der eine war: Anacreon, der andere ist: Bellman.

Ursula Menn-Utschick

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Anakréon oder Anácreon?

Schon im Altertum gab es beide Schreibweisen und Betonungen. Bekanntlich wird das griechische ’k’ im Lateinischen als ’c’ geschrieben und umgekehrt; es gibt nur 1 lateinisches Wort mit ’k’: ’kalendae’ (das soviel wie ’Monatsanfang’ bedeutet). Gebildete Römer konnten selbstverständlich griechisch sprechen und schreiben. Cicero hat in seinen Briefen seine Gedanken häufig in griechischer Sprache formuliert oder griechische Zitate verwendet. Und Caesar konnte mit der griechisch sprechenden Kleopatra, wie man sicher annehmen kann, ohne Schwierigkeiten in ihrer Sprache parlieren. Das ’c’ im Namen dieser beiden römischen Politiker wurde übrigens stets wie ’k’ gesprochen, wie auch die griechische Schreibweise der Namen (hier in lateinischer Umschrift) zeigt: Kaîsar und Kikéron.

Der Name Anakreon wurde im Altertum so betont, wie es die griechische Schreibweise, mit einem Betonungszeichen auf der vorletzten Silbe, anzeigt (lat. Umschrift): Anakréon.

Im Mittelalter und in der Renaissance (teilweise bis in die neuere Zeit) schrieb man in den Klöstern und an den Universitäten in lateinischer Sprache. So wurde um 1200 die erste Geschichte der Dänen, die Gesta Danorum, in lateinischer Sprache geschrieben. Griechische Namen wurden latinisiert: Auf dem Olymp wohnten nun nicht etwa Zeus, Athene, Poseidon, Dionysos, sondern deren römische Ebenbilder Juppiter, Minerva, Neptunus, Bacchus. Griechische Namen wurden nun in lateinischen Lettern geschrieben und nach der lateinischen Betonungsregel betont. Diese besagt: Der Ton liegt auf der vorletzten Silbe, wenn sie lang ist (Neptunus), andernfalls auf der drittletzten Silbe (Juppiter, Helena). Da im Namen Anacreon das ‘e’ kurz ist, wurde der Name nun Anacreon betont. Im Gegensatz dazu gilt im Griechischen: Wörter mit langem Vokal in der Endsilbe können nicht auf der drittletzten Silbe betont werden; entsprechend wird betont: Penelópe, Sokrátes, Aristotéles, Anakréon.

Beide Schreibweisen und Betonungen sind also korrekt: Anakreon ebenso wie Anacreon. Heute gebräuchlich ist die Schreibweise mit ’k’ und die Betonung auf der drittletzten Silbe [ ´ ].

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Anakreon erwachte

In Hwad Nytt? Hwad Nytt? waren immer wieder Gedichte von Bellman abgedruckt. Am 17. Sept. 1777 liest man in einem Bericht des Stockholmer Korrespondenten von Hwad Nytt? Hwad Nytt?: “Ich beginne mit einem Stück unseres glücklichen Anacreon. Als er in diesem Sommer am Schloß Ulriksdal vorbeifuhr, wo gerade Ihre Majestät die Königin weilte, da ließ sich in diesem Moment ein Gewitter hören, vor welchem unser Skald eine angeborene Furcht hat.” Hier das Gedicht (StU 7, S. 41), dessen Überschrift lautet Vid Förbifarten af Ulrichsdal den 25. Juni 1777:

Nyss då morgonsolens strimma
nattens täcke genombröt
och det vita molnet flöt
färgat av en strålig dimma
uti Thetis’ sköte ner,
satt Anacreon och blunda
och i Morphei famn begrunda
vad han såg och vad han ser.

Hjulen på en hyrvagn trillar
efter tvenne hästars trav,
under det att dammets kvav
ögats ljuva blick förvillar
åt det vackra Ulrichsdal.
Men vad ögats lytnad sakna,
fylldes upp, då hjärtat vakna
med ett ömt och ljuvligt kval.

Undersåtlig tro och lydnad
stärkte själens rena fröjd.
Sveriges Drottning, mild och nöjd,
gav den bygden glans och prydnad,
och Zephirn – mig tycktes han
hennes namn så milt upphöjde.
åskan gick, och soln sig röjde
stolt i skyn och jag försvann.
Morgenstrahlen sah man glimmen
malen eine bunte Pracht,
und am dunklen Rand der
sah man weiße Nebel schwimmen.
Dort, wo Thetis’ Woge sprüht,
nun Anacreon erwachte
und in Morpheus’s Arm bedachte,
was er sah und was er sieht.

Räder einer Kutsche klirren
hinter dem Gespann im Trab,
Staub steigt auf und sinkt hinab
und läßt seinen Blick verwirren
auf das schöne Ulrichsdahl.
Aber was sein Aug entbehrte,
kehrte wieder und bescherte
Freude in der Herzensqual.

Und Gehorsamkeit und Treue
stärkte nun den frommen Sinn.
Schwedens milde Königin
gab dem Gaue Glanz aufs neue.
Und der Zephir flugs am Strand
ihren Namen stolz posaunte,
Donner rollte, Bächlein raunte,
Sonne glomm – und ich verschwand.

Tags zuvor hatte Bellman das Grab von Olof Dalin vor der Lovö kyrka besuchtund war dort zu einem Impromptu für den verehrten Dichter inspiriert worden. Hier die ersten Zeilen dieser Verse, deren nahe Verwandtschaft zu dem vorstehenden Gedicht augenfällig ist und die in der gleichen Nummer vonHwad Nytt? Hwad Nytt? abgedruckt sind (StU 7, Kommentarteil. S. 54f):

Nyss had’ solens bleka strålar
sig i Thetis sköte gömt,
o9ch nyss Bacchus sina skålar
under Floras lekar tömt,
då Anacreon visst skulle
vakna upp. Han vaknar blid.
. . .
Fahl die ersten Sonnenstrahlen,
sind entstiegen Thetis Schoß,
während Bacchus seine Schalen
über Floras Spiele goß,
um Anacreon zu wecken.
Wache auf! Und er erwacht.
. . .

Jedoch – Anakreon findet das Weinglas zerbrochen und die Leier zersplittert, und traurig dämmert er wieder fort, während er in Tränen und unter Seufzern nur einen Namen flüstert: Dalin!

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Anakreon-Verse und Bellman-Verse im Vergleich

Anakreon, der berühmte Dichter der Antike, besang die Liebe und den Trunk. Den Trunk? Eher war es der maßvolle und verständige Genuß des Weins, den Anakreon anmahnte: “Zehn Teile Wassers füll ein, und fünfmal schöpfe vom Wein”. Und auch der bittere Wermut der Vergänglichkeit und des Todes fehlt nicht im Freudenbecher. Hier die ersten Zeilen eines Gedichts in lateinischer Umschrift und mit Unterstreichungen, die das Versschema mit seinen drei Hebungen je Zeile verdeutlichen. Hinweis: ’ou’ wird wie ’u’ gesprochen):

Polioi men hemin ede
krotaphoi kare te leukon
chariessa d’ ouket’ hebe
para, geraleoi d’ odontes
glykerou de ouketi pollos
biotou chronos leleiptai
. . .
Mit der Zeit sind grau geworden
unsre Schläfen, weiß die Haare,
und die holde Jugendblüte
ist vorüber, vergilbt die Zähne,
und vom süßen Leben es bleibt uns
nur noch wenig Zeit mehr übrig
. . .

Mehr als bei Anakreon ist bei Bellman das Thema Tod beinah allgegenwärtig. Ein Beispiel dafür finden wir in einem Versbrief von 1793. Wenn man die Alexandrinerverse (mit ihren 6 Hebungen pro Zeile und der “Atempause” nach der 3. Hebung) jeweils auf 2 Zeilen aufteilt, sehen die (Halb-)Zeilen wie beliebige dreihebige Verse aus. Die Nähe zu Anakreons Gedicht ist merkbar.

Min skalle, gul och skör
min mun, uppsvälld och tjock
Vid tändrens vita skymt
det svarta svalget visar
Där på min murkna käk
en diger råtta spisar
Inunder svansens fläkt
kring mina ögna lock.
. . .
Mein Schädel spröd und gelb,
mein Mund geschwollen, dick,
wo hinter Zähnen weiß
vor schwarzen Schlundes Tiefe
die feiste Ratte speist
in meinem morschen Kiefer,
und um mein Augenlid
ihr Schwanz kreist keck und quick.
. . .

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Anakreon in Bellmans Dichtung

Der Name des griechischen Dichters taucht in Bellmans Werken nur ganz sporadisch auf. Bellman läßt Anakreon z.B. in Gesellschaft mit Göttern und unsterblichen Helden auftreten oder verwendet den Namen sozusagen als Alias für sich selbst, so wie er später mit dem Namen Mowitz unterschrieb. Bellman war allerdings erstaunlich zurückhaltend damit. Ich habe den Namen Anacreon in nicht mehr als acht Gedichten bzw. Briefen gefunden (davon einmal in der Schreibweise mit ’k’).

  1. Ein Versbrief vom 21. August 1775 (StU 9, Seite 18), vermutlich gerichtet an die Gräfin Löwenhielm [sprich Löwenjelm], Gattin des stellvertrenden Gesandten am kursächsischen Hof. Der Brief ist ein “Creditive för Herr Kongl. Legations-Secreteraren Ingman”. Diese schriftliche Vollmacht für einen Sendboten ist unterfertigt von Jupiter, Mars, einigen dahingegangenen Kriegshelden wie Carolus (vermutlich Carl XII.), Axel Oxenstierna und dem spartanischen Feldherrn Pausanias und, sozusagen in seiner Eigenschaft als Sekretär, von Anacreon.
  2. Ein Impromptu am Grabe von Dalin, um Mittsommer 1777 (ohne Überschrift; StU 9, 85); siehe “Anakreon erwachte”.
  3. Vid förbifarten af Ulrichsdal (Bei der Vorbeifahrt an Ulrichsdahl), 24. Juni 1777 (StU 7, 41); siehe “Anakreon erwachte”.
  4. Ein Gratulationsgedicht Öfver den 24 Januari 1774 (StU 12, 134) zum 28. Geburtstag von König Gustaf III. Hier der Wortlaut der ersten beiden Strophen, in denen Königinwitwe Lovisa Ulrica als Minerva unserer Tage bezeichnet wird.
Vid sin bål och vid sin lyra
Satt Anacreon och log,
Fröjas fröjd och Bacchi yra
Småningom hans bröst bedrog.
Pennan han ur handen fäller,
Suckar, somnar, men vad sker?
Sig Minerva stolt framställer
Och Anacreon beser.

Upp utur din sömn och dvala,
Upp Anacreon, och sjung!
Så vår tids Minerva talar
Om sin Son och Sveriges Kung:
Han är född på denna dagen
Jämt för tjugu åtta år,
Världen, av hans dygd betagen,
Honom Nestors ålder spår.
Vor der Bowle und der Leier
saß Anacreon mit Lust;
Freias Freuden, Bacchi Feuer
brannten bald in seiner Brust.
Seine Feder ihm entgleitet,
und er schlummert. Was geschieht?
Sieh, herein Minerva schreitet
und Anacreon besieht.

Auf! Zum Sange dich bereite,
auf und sing, Anacreon!
Die Minerva unsrer Zeiten
spricht von Gustaf, ihrem Sohn:
der im Glanze seiner Jugend
nun wird achtundzwanzig Jahr,
dem die Welt für seine Tugend
weissagt Nestors weißes Haar.
  1. Ein spätestens 1777 geschriebener an J. F. Granschoug adressierter Scherzbrief (StU 9, 117), in dem Bellman angesichts seiner bevorstehenden Hochzeit mit Lovisa Grönlund Abschied von seinem Junggesellenleben nimmt. Der Brief ist mit “Anakreon” unterschrieben.
  2. Mit “Anakreon” unterschrieben “im Auftrag des Bacchanalischen Capitels” ist ein vermutlich 1777 entstandenes achtzeiliges Gedicht Dedikation af Österman till Kgl. Sect. Skröderheim. (StU 9, 118)
  3. Auch in einem Versbrief vom April oder Mai 1794 an den Regenten Herzog Carl (StU 7, 179), kommt einmal Anacreons Name vor. Bellman beginnt mit dem Hinweis, daß er nicht weit von den königlichen Gemächern “wohnt” und den “stolzen Vorsatz hat, die Milde des Regenten zu ehren”, ob die Gitter auch beschweren, / wo mein Schatten findet Platz. [. . . ] Und Anacreon verdrießlich / nun auf seiner Laute schlägt. In den weiteren Strophen malt er die Schönheit der Natur auf der Mälarinsel Lovö im Quartier Canton und appelliert an den Regenten, ihm dort “auf ein Jahr” ein Haus zur Verfügung zu stellen.
  4. Etwa zur gleichen Zeit, um den 10. Mai 1794, schreibt er auch an Hedwig Elisabeth Charlotta, die Gemahlin des Herzogs (StU 18, S. 115): In dem Raum, in dem mein Wesen auf bequeme Weise dahinschmilzt, geschieht es nicht selten, Allergnädigste Herzogin! daß Anacreon, der gefühlvolle Anacreon in der Morgendämmerung aufgeschreckt wird vom Gebrüll einer trampelnden Schildwacht und einem schmetternden Trompeter, der mir die Feder aus der Hand trompetet . . . Auch Hedwig Charlotta beschwört er, ihm und seiner “von einem Wucherer ins Unglück gestürzten” Familie zu helfen, indem man ihm ein kleines Haus in Canton überläßt. Dort, “wo Schwedens Erster Skald ruht” (gemeint ist Dalin, der auf Lovö begraben ist), wolle er dann seine “poetischen und musikalischen Arbeiten vollenden und in Form eines von Künstlern mit Vignetten verzierten Wochenblatts herausgeben und für die Glückseligkeit der Königsfamilie singen, und Reime werden mir nicht fehlen”.

Es ist, zumindest auf den ersten Blick, erstaunlich, daß der Name Anacreon lediglich in sechs Gedichten bzw. (Vers-)Briefen von 1775 bis 1777 vorkommt und dann nur noch in den beiden Bittbriefen von 1994, als Bellman im Schloßgefängnis saß und sich in einer schier aussichtslosen Lage befand, wirtschaftlich wie gesundheitlich. Warum hat Bellman aus seinem Ehrentitel nicht mehr gemacht? Das mag damit zusammenhängen, daß Kellgren 1778 in Mina löjen ätzenden Spott über Bellman ausgoß mit seinen Versen Anacreon, var är ditt lov? Aber es ist natürlich ebenso denkbar, daß Bellman, genau wie Kellgren in seinem Vorwort zu Fredmans Epistlar schrieb, Anakreon schon bald hinter sich gelassen hat. Das traf ja auch für Goethe und Schiller zu.

kru

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Bellman – Gustavianer der ersten Stunde

postille-2007_img_3.jpg

Project til Äreport wid Kongl. Maj:ts återkomst ifrån Sina Utrikes Resor,
execquird d. 30 Maj 1771 på Hornsgatan (Projekt einer Ehrenpforte zur Rückkehr
Seiner Kgl. Maj. von Seinen Auslandsreisen, errichtet am 30. Mai 1771 in der Hornsgatan).
Lavierte Farbzeichnung von Erik Palmstedt.

Am 30. Mai 1771 hielt Gustaf III. seinen feierlichen Einzug in Stockholm, wohin er von seiner Reise nach Frankreich durch die Nachricht vom Tode seinesVaters zurückgerufen worden war. Unter den festlichen Arrangements in der Hauptstadt ist vor allem eine große Ehrenpforte in der Hornsgatan zu erwähnen, ein achtkantiges Bauwerk mit dorischen Säulen, nach Zeichnungen von Bellmans Jugendfreund, Architekt Erik Palmstedt. (Ernst Brunner schildert die Feierlichkeiten in seinem Bellman-Roman auf den Seiten 230 ff.) Die Ehrenpforte ist geschmückt mit Symbolen, welche die Tradition von Gustaf Wasa und Gustaf II. Adolf beschwören. In gleicher Weise stellt auch Bellmans Huldigungsgedicht (StU 7, 8) Gustaf III. in eine Reihe mit beiden Heldenkönigen: der erste hatte das Land vom Joch des dänischen Königs Christian befreit, der zweite den lutherischen Glauben verteidigt. Und der Dichter bittet den Himmel, er möge den dritten ebenso groß wie die anderen Gustavs werden lassen:

Käre Bröder,
drickom Gustafs skål!
Hjärtat blöder
Vid det föremål
Se regerings-roret
Vevas in i floret.
Och på Kungens hjärta sorgen rår.
Adolph bör ock sörjas;
Men vår sällhet börjas:
Skål, gutår!
Gustaf Wasa
Såg Tyrannen rasa,
Slet en blodig spira ur dess klor;
Och till Sveriges ära
Samt vår himla-lära
Gustaf Adolphs lager ännu gror.
Himmel, vi dig bedje:
Gör du nu den Tredje
Lika stor!!!

Liebe Brüder,
trinkt auf Gustafs Wohl!
Unsre Lieder
doch sind kummervoll.
Sieh umflort, mein Bruder,
das Regierungsruder
und das Herz des Königs trauerschwer.
Adolph wir beweinen,
und im Trost uns einen
umso mehr!
Gustaf Wasa
den Tyrann sah rasen,
riß ihm aus den Klau’n das Zepter kühn.
Und für Schwedens Ehre
und des Himmels Lehre
sehn wir Gustaf Adolphs Lorbeer blühn.
Himmel, hör die Bitten:
Mache nun den Dritten,
groß, auch ihn!!!

kru

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Gib dem Zorne freie Zügel!

Bellman war, wie wir wissen, ein glühender Gustavianer, er war es ganz besonders, wenn der König Unrecht und Willkür in die Schranken wies. In diesem Geiste schrieb Bellman 1772 das Lied Gustafs skål, das zum Revolutionslied und zur inoffiziellen Nationalhymne der Gustavianischen Zeit wurde. Ein weiteres Lied dieser Art ist am 10. Juni 1776 in Hwad Nytt? Hwad Nytt? abgedruckt. Der Stockholmer Korrespondenten der Zeitung schrieb dazu folgende Einleitung: “Unser allzeit glücklicher Skald, der Sekretär Bellman, der dem Schwedischen Geist so viel Ehre tut, übergab mir die nachfolgenden Verse, als er das Schreiben unseres wohltätigen Königs in der Sache des ehemaligen Obersten Gyllenswan durchgelesen hatte.” Oberst Gyllenswan, der frühere Führer der Mützenpartei und Chef von Helsinge Regiment, war wegen eigenmächtigen Eingriffs in ein Rekrutierungsverfahren angeklagt worden. Der König trieb die Sache im Reichsrat voran, so daß der bereits früher mißliebige Gyllenswan zur Entlassung aus dem Dienst verurteilt wurde – ein Urteil, das großes Aufsehen erregte und dessen Rechtmäßigkeit vielfach bestritten wurde. Bellman, der den Unwillen des Königs gegen den eigenmächtigen Oberst und Mützenpolitiker lebhaft teilte, hatte den Brief des Königs zum Ratsprotokoll vom 13. Mai durchgelesen, in dem dieser die Strenge des Urteils rechtfertigte und gleichzeitig die Milde als höchste der königlichen Tugenden postulierte, indem er darlegte, daß diese nicht in Schlappheit ausarten dürfe, die das einfache Volk den Übergriffen mächtiger Staatsbürger ausliefern würde. (StU 7, Komm. S. 43f.)

Havet skvalpar, jorden gungar
Solens glans blir mörk och svag,
När med åskans dunderslag
Jofur vred på fästet ljungar
Mot ett Folk, som flyr hans råd
Som med all den nåd han röjer
Likafullt hans spira böjer
Med ett dristigt överdåd.

Milde Kung! Ditt hjärta talar
Med all kunglig kraft och ton:
Förd af Himlen på din tron,
Du omfamnar och hugsvalar
Sveriges trogna Menighet.
Lät då fritt din vrede blottas!
Aldrig den mot Oskuld måttas,
Ty ditt hjärta ont ej vet.
Meere wallen, Berge zittern,
Sonn’ erlischt am lichten Tag,
Jofur läßt mit Donnerschlag
seinen Zorn im All gewittern.
Denn ein Volk mit kaltem Blut
Gunst und Gnade für sich nutzte
und zugleich dem Zepter trutzte
mit gar dreistem Übermut.

Welch ein Herz wir hören reden,
milder König, klar im Ton!
Ja, der Himmel gab dem Thron
einen Herrscher, der in Schweden
für die treuen Bürger ficht.
Gib dem Zorne freie Zügel
und der Unschuld leihe Flügel!
Denn dein Herz kennt Bosheit nicht.

kru

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“Der Selbstmörder”

Ein fast unbekanntes Gedicht Bellmans ist Sjelfmördarn. Ob Bellman selbst je konkrete Selbstmordabsichten gehabt hat, kann man füglich bezweifeln, zumindest ist darüber nichts bekannt. Dennoch kann man ein wenig darüber spekulieren, warum der junge Dichter den Selbstmord in seiner Phantasie durchgespielt hat. Er schrieb das Gedicht im Sommer 1765 (Datum der Abschrift, abgedruckt in StU 13, Nr. 14). Das im gleichen Jahr datierte Gedicht Var skall jag födan taga (StU 13, Nr. 13) beschreibt seine bedrückende finanzielle Lage – und sie war vermutlich noch dramatischer, als es der Galgenhumor dieser Verse erahnen läßt (s. S. 129 ff in Ernst Brunners Bellman-Roman). Dennoch kann man wohl davon ausgehen, daß das Gedicht nur ein poetischer Reflex auf seine katastrophale Situation war.

Brunblåa bölja
Värdes du dölja
I ditt djup ett hjärta
Som så brinner
Men ej finner
Bot för all sin smärta
Brusande vågor
Släck mina plågor
Jag är bränd och bunden
Ja, jag hastar
Och mig kastar
I Norrström på stunden.
Hjälp, hjälp, hjälp, hjälp mig snart
Iris jag beder
Ett tu tre, eller i en fart
Rusar jag neder.
Iris lilla
Jag mår illa:
Täcka själ
Ack! Farväl
Ack farväl mitt hjärta.
Braunblaue Welle
an dieser Stelle
bette mein Herze
das verbrennet
nimmer kennet
Ruhe vor dem Schmerze
brausende Fluten
löschet die Gluten
kühlet die Wunden
und nun spring ich
komm verschling mich
Norrström in Sekunden.
Hilf, hilf, hilf, hilf mir bald
Iris ich flehe
eins zwei drei und ohne Halt
jäh untergehe.
Iris kleine
sieh ich weine
sag mit Weh
ach! Ade
ach ade mein Herze.

Interessant ist die Gegenüberstellung des Gedichtes Strandvisa von Gustaf Fröding (1860-1911), der im Gegensatz zu Bellman in der Tat depressiv war und zeitweise von Selbstmordgedanken geplagt wurde und sich deshalb immer wieder in Behandlung begeben mußte.

Är det ljuvt att sköljas
under sorl och sus
av en klangfull böljas
gång till dödens hus?
Är det skönt att drunkna
i en havsvågs famn,
är för alla sjunkna
djupt i djup en hamn,
där för brott och ånger,
vilka stormat vilt,
ljuda sorgens sånger
sonande och milt?
Men vem vågar språnget,
fast ens liv är ött,
fast ens hopp är gånget,
från en värld, som dött,
dött, där ögat skådar,
dött, där örat hör,
och fast allt bebådar
att du ändä dör?
Ist es schön, zu fühlen
wenn mit plätscherndem Klang
dich die Wellen umspülen
auf dem Todesgang?
Ist es lind, zu ertrinken
in der Woge dort
und dann tief zu sinken
und zu finden den Hort,
wenn dich Sünden bedrängen
und dich zeihen wild,
dort bei Trauergesängen
dir wird Sühne mild?
Doch den Sprung zu wagen,
auch wenn Dasein heißt Not,
wenn die Hoffnung zerschlagen
und die Welt ist tot,
wenn sie tot fürs Auge,
wenn sie tot fürs Ohr,
und zuletzt ich schaue
meines Todes Tor?

kru

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Zwei Bellman-Pastorale

Bellman schrieb eine größere Anzahl Pastorale. Die meisten überschreiten die Genregrenzen: zum Trinklied, zur Satire, zur Burleske. Hier sind vor allem zu nennen Liksom en herdinna (FE 80), Vila vid denna källa (FE 82), Blåsen nu alla (FE 25) und Storm och böljor tystna re’n (FE 39). Ein besonders markantes Beispiel eines bacchanalischen Pastorals ist Fredmans Sång Nr. 58 Stadshagen. Wie es sich für ein Pastoral gehört, beschreibt es die Natur – aber zeigt vornehmlich ihre Schattenseiten auf. Hier die Strophen 1, 2, 4, 6, 7:

Nej fåfängt! Var jag ser,
Ej minsta Nymph ger ögat ro;
Om ej i grus och ler
En klacklapp av en sko.
Ej visar mig en täck Bergère
Sin fot i språnget blyg.
Vad ser jag? Toffeln ligger där
Förutan övertyg.

Fast soln vart tak förgyllt,
Vid tusen fåglars morgonsång,
Syns ändå ingen skylt
På minsta krögar-stång.
Ack hade Fredman blott förlag,
Sågs här i vart ett hörn
En målad kanna med beslag,
Och på dess lock en örn.

Syns åkrens gyldne prål
Nedbugnande vid vädrens sus?
Hörs skördemännens skrål
Bland lior, glas och krus?
Nej fåfängt söks en stackad vålm,
Och ingen lyra hörs,
Fast vägen bär till Drottningholm,
Dit Sång-Gudinnan körs.

Vad skvalpning i vart stig!
Tallkottar, stickor, ris och barr!
Där uven gruvar sig
Vid gamla stammars knarr.
Ej plockar Herdens trogna hand
Åt lilla sin Jeanette,
Ur dessa tuvors skvalp och sand,
En enda bröst-bukett.

Så sitte längre hin
Här törstande, och intet jag!
Glatt hjärta och gott vin
Är livets sammandrag.
Du som från släp och gräl och tvång
Till Bacchi vinpress går,
Sjung här din rätta frihets sång,
Ditt glas islagit står.
Umsonst! Wohin ich schau,
nicht eine Nymph mein Aug erfreut,
vielleicht im Lehm der Au
ein Schuh ist hingestreut?
Nicht eine liebliche Bergère
zeigt scheu im Lauf den Fuß.
Ach! Ein Pantöffelchen, sieh her,
liegt da als stiller Gruß.

Die Dächer glänzen mild,
froh tönt der Vögel Morgensang,
doch quietscht kein Wirtshaus-Schild
an irgendeiner Stang’.
Ach hätte Fredman noch Verlag,
säh man an jedem Eck
’ne Deckelkanne mit Beschlag
und einem Adler keck.

Sag, wo man Ähren sieht
sich ducken unterm Wind wie Gras?
Hört man der Schnitter Lied
und klirren Sens’ und Glas?
Umsonst sucht man die Garben hoch
und harret Lyraklangs,
nach Drottningholm flieht hier jedoch
die Göttin des Gesangs.

Welch Schwappen unterm Schritt
auf zapfenübersätem Damm!
Der Kauz herübersieht
von seinem Aussichtsstamm.
Doch nirgends eines Hirten Hand
als Gabe für Jeanette
aus diesen Büscheln und dem Sand
je pflückt ein Brust-Bouquett.

Hier mag der Teufel sein
und dürsten, aber nimmer ich!
Ein frohes Herz, gut Wein,
das ziemt im Leben sich!
Drum von Gekeife, Joch und Zwang
zu Bacchi Kelter flieh!
Sing deiner Freiheit Lobgesang,
hier steht dein Gläschen, sieh!

Bellman hat aber auch Pastorale geschrieben, bei denen er sich sehr wohl an die Genreregeln hält. Populäre Beispiele sind: Fjäriln vingad (Fredmans Sång 64), Fiskafänget (FS 31), Aftonkväde (FS 32), Ulla, min Ulla (Fredmans Epistel 71), das Chorlied Böljan sig mindre rör aus Bacchi Tempel und das prächtige Poem FS 65, das den Abschluß der Fredmandichtung bildet. Ein fast unbekanntes Beispiel nannte mir Martin Bagge: Sommarmorgen – 2. Augusti 1787 (StU 17, Nr. 72). Hier die Strophen 1, 2, 5, 6:

Natur! Din prakt vid dagens timma
Hjärtat ömt upprör.
Vad ljusa sken som ur sin dimma,
Morgonrodnan strör!
Ditt öga till skyarne för,
Se solen ur molnen bestrålar
Och målar
Båd vikar och sjöar och dälder och näs,
Förgyller var blomma, försilvrar vart gräs.

De öppna fällt sig grönt utsträcka
Under blom och säd
De gula åkrar glatt betäcka
Här och där ett träd.
Sjung herde i lunden och kväd!
Sjung nu om din frihet herdinna,
Besinna
Hur herden vid källan han lyss och han ler,
Hur lammena springa kring kullarna ner.

Natur! Din fröjd förtjusning väcker
I fördubblat prål.
Det ljusblå valv sin glans utsträcker
Över ögats mål.
Ett svävande kvittrande skrål
I luften utbreder naturen,
Och djuren
Begynna sin högtid till pris för den makt,
Som sirat sitt tempel med blommor och prakt.

Kom Thirsis, sätt dig i det gröna
Bredvid mig – sätt dig;
Och Amarillis, du min sköna,
Närmre källan sitt!
Tag cittran och spela för mig;
Och jag tar min flöjt och spelar
Och delar
Min frihet min sällhet i lyckliga år
Med dig min herdinna, ty lunden är vår.
Natur! Die Schönheit dieser Stunde
Herz und Sinn erfreut.
Welch lichten Schein im grünen Grunde
Morgenröte streut!
Am Rande der Himmel sich bläut,
und Sonne aus Wolken erstrahlet,
bemalet
das Tal und die Höhen, die Bucht und den See,
vergoldet die Blume, versilbert den Klee.

Die weiten Wiesen grün sich strecken
unter Blütenflaum, [Hecken
den gelben Acker schmücken
wie ein grüner Saum.
Sing, Hirte, im Schatten am Baum!
Und Hirtin, sing du deine Weise
und preise,
wie frei und wie glücklich dein Leben sich fügt,
wie Lämmer auf Hügeln sich tummeln vergnügt.

Natur! All deine Zierden werben
just für Lust und Spiel. [färben,
Du läßt den Himmel blau sich
jedem Aug als Ziel,
gibst Fische dem See und dem Siel,
und Vogelgezwitscher den Lüften
voll Düften.
Geschöpfe sich paaren zum Preise der Macht,
die schmückt ihre Tempel mit blumiger Pracht.

Komm, Thirsis, setze dich ins Grüne,
Thirsis, neben mir –
beim Quell auf unsrer Blumenbühne,
Amaryllis, hier!
So nimm nun die Zither herfür,
ich spiele die Flöte – und weile
und teile
mit dir meine Freiheit im glücklichen Bund,
mit dir, meine Hirtin, im unserem Lund.

kru

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Tintenspritzer von Bellmans Feder?

Bellmans Pastoral Sommarmorgon erinnert mich an die ersten Abschnitte von Gustaf Frödings Poem En morgondröm aus seinem Gedichtband Stänk och flikar (’Spritzer und Schnipsel’). Nicht nur die frohe und schwärmerische Stimmung haben beide Gedichte gemeinsam, sie weisen auch eine formale Verwandtschaft auf.

Aus Bellmans Sommarmorgon
...
Die Sonne aus Wolken erstrahlet,
bemalet
das Tal und die Höhen, die Bucht und den See,
vergoldet die Blume, versilbert den Klee.
Die weiten Wiesen grün sich strecken
unter Blütenflaum,
den gelben Acker schmücken Hecken
wie ein grüner Saum.
...
Aus Frödings En Morgondröm
...
Ich träumte von Apfelbäumen zuhauf
im Hag an dem glitzernden Wasserlauf,
von Kirschenhainen und Beerengesträuch
im Tälchen am Fluß und am Hang beim Teich
vom Korn, das vom Winde gesät, sich neiget
im einsamen Tal, wo alles schweiget,
vom Hopfen, der klettert und klammert sich fest
im stillen Wald in Gestrüpp und Geäst.
...

kru

Aus der © Bellman-Postille Nr. 2, Mitteilungsblatt der Deutschen Bellman-Gesellschaft e.V., August 2007

Redaktion: Klaus-Rüdiger Utschick (kru), Bengt Jonshult, Ali Kuhlmann, Ursula Menn-Utschick, Borghild Niemann, Sybille von Soden

Mailadresse der Redaktion: