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Aus der Bellman-Postille Nr. 4



Mein Weg zur Burg Waldeck.
Eindrücke eines neugierigen und unerfahrenen Besuchers

Bei meinem ersten Kontakt mit der Bellmangruppe in Wismar lernte ich so nach und nach die Mitglieder kennen. So gefiel mir das gut. Es war deshalb für mich keine Frage, daß ich in diesem Jahr auf Burg Waldeck mit dabei sein werde.

Mit etwas mehr Abstand zu Infos über Details mit begeisterten Berichten der Erfahrenen besonders zu dem hervorragenden Essen, gleichzeitig über Art der Unterbringung wurde ich zunächst nachdenklich, ob ich mich damit zurechtfinden kann. Wie komme ich als Bahnfahrer dorthin?

Eine kurze Anfrage bei Uta und Ali brachten rasch Klarheit über ausstehende Fragen. Auch die Aussicht, daß uns Happy mit seinem Bus abholt, wirkte beruhigend, und machte mich sehr neugierig, was mich erwartet. Eins war ja auf jeden Fall klar: Wir haben eine gemeinsame Basis – Bellman!!

Wie bin ich eigentlich zu Bellman gekommen? Meine Schwedenreisen vor langer Zeit stellten den Kontakt zu Bellman her. Meine Gedanken zur Vorbereitung der Waldeckreise lösten Erinnerungen an Zeiten von Jugendzeltlagern und gemeinsamen Singen in der Gruppe aus. Da schließt sich ein Kreis.

Bei unserem gemeinsamen Singen von Bellman- und vielen anderen Liedern kamen die Texte fast wie von selbst. Es ist eine Atmosphäre in dieser Umgebung und Gemeinschaft, die es leicht macht, sich auf das gemeinsame Erleben einzulassen. Auch kamen sehr intensive Gespräche zustande, für die ich sehr dankbar bin.

Das gemeinsame Rahmenprogramm war das schon angekündigte hervorragende Essen, das uns auch die weiteren Programmpunkte schmackhaft machte.

Das “zauber”-hafte Programm von Jochen brachte die Zuschauer zum Nachdenken und umrahmte die abwechslungsreich und launig von Annemarie vorgetragenen Chansons. Jetzt weiß ich endlich, wie ein “filet**stroganoff” entsteht.

Die Gruppe Molwert servierte vor einem bellmanerfahrenen Publikum ihr Programm “Na denn Prosit liebe Seele” in deutschen Übersetzungen. Herzlichen Dank für den anregenden Abend! Es ist doch spannend, darüber nachzudenken: was könnte eine angemessene Interpretation von Bellmans Werken sein? Ist es nicht sehr davon abhängig, welche Ersterfahrung jeder für sich selber damit hat? Sind es die schwedischen Versionen oder verschiedene deutsche Übersetzungen?

Im Gespräch mit Klaus-Rüdiger konnte ich einen Eindruck von seiner Übersetzungsarbeit mit ihren Feinheiten bekommen. Es war eine Freude, seine Begeisterung für diese Arbeit wahrzunehmen und dabei seine Identität zu erleben. Vielen Dank dafür.

Jürgen stellte mit seinem Vortrag über Bellman und die Musikinstrumente seine spannende Untersuchung vor. Mit unerwarteten Ergebnissen! Bellmans Werke sind sehr ergiebig, man muß nur richtig suchen.

Wilhelm C.F. Cohrs

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Bellmans Tod

“Bellman schreibt einen Brief, den 23. Jan. 1795”, schrieb Lovisa in die kleine Familienbibel.

Unruhe und Besorgnis um die Zukunft und das Auskommen Lovisas und der Kinder dokumentieren sich in einer Bittschrift an den König, die Bellman einige Tage vor seinem Tod diktierte. Er war schon zu schwach, um selbst die Feder zu führen. Nur die Unterschrift stammt von ihm selbst.

Das Schreiben lautet:

“Großmächtigster, allergnädigster König. In meinem bejammernswerten Zustand nutze ich nun eine frohere Stunde, um mich in Gedanken Eurem Thron zu nähern, dieser Zuflucht der Menschheit, von wo ich schon so oft unter Segnungen und begeistert zurückkehren durfte.

Allergnädigster König.

Erfüllt von der Erinnerung und im Herzen noch immer durchtränkt von der Gnade, welche Euer Königlichen Majestät unsterblicher Vater mich erfahren ließ, erhebe ich zu dem Erben der Eigenschaften und des Throns des Großen Gustav einen hoffnungsvollen Seufzer, vermutlich den letzten, welchen ich menschlicher Hoheit darbringe. Laßt Euch herbei, o König, und hört ihn an!

Meine Hütte, seit langem von Stürmen umtost und zuletzt von Fluten untergraben, droht zu fallen: ich nahe dem Ziel meiner Lebensbahn und werde bis zur Todespforte von dem schaurigen Gedanken verfolgt, dass meine geliebte Gattin und drei unschuldige Kinder bald des Brotes entbehren, ja, nichts mehr übrig haben werden als Armut und ihre eigenen Tränen.

Eure Kgl. Majestät kann mit einer Geste der Milde diesen Gedanken ersticken, den aller grausamsten für eine fühlende Brust. Gewährt mir die Gunst, dass meine Sekretärsbestallung in der Königlichen Nummernlotterie-Direktion an einen Mann von Geschick und Verdienst übertragen wird.

Euer Königlichen Majestät Milde wird die bewegendsten Anlässe für die Bewilligung dieser Gnade finden und ich werde mit Befriedigung dem Tod entgegen gehen und in meiner letzten Stunde einen König segnen, dessen Macht so wohltuend für die Kinder der Not ist. Mit tiefster untertäniger Ehrerbietung, Eifrigkeit und Treue verbleibe ich im Tode, o großmächtigster Allergnädigster König!,

Euer Königlichen Majestät alleruntertänigster und treupflichtigster Untertan und Diener C.M. Bellman.” 1


Drei dienstliche Vermerke befinden sich auf dem Dokument:

Unter dem Brief ist zu lesen: “Weiterleiten an den Direktionssekretär der Nummernlotterie, betr. Hofsekretär Bellman (...) zur weiteren Veranlassung”. Ganz oben steht: “Eingegangen den 9. Feb. 1795”

Und auf der Seitenmitte ist vermerkt: “Zu verfahren nach Weisung des Herrn Staatssekretärs”.

Zwei Tage nach dem Eingang der Bittschrift schrieb Märta Helena Reenstierna 2 in ihr Tagebuch:

“Febr. 11. Mittwoch (...) fuhr ich zu Frau Bellman und musste zu meiner Betroffenheit erfahren, dass unser Freund Carl Michael Bellman in der vergangenen Nacht um halb eins still entschlafen war, betrauert von seiner Frau und seinen drei Söhnen, sowie vielen seiner Freunde. Major Kempensköld und Kammerherr Lindström waren auch anwesend, und gemeinsam beweinten wir den allzu frühen Abschied unseres toten Freundes.”

Lovisa schrieb in die kleine Familienbibel: “Am 10. Februar starb Bellman”. Sie hatte nicht bedacht, dass die Uhr schon auf halb eins des 11. Februars vorgerückt war. Lovisa hatte sich anscheinend nicht allein am Sterbebett befunden. Irgend jemand – vielleicht Daniel Kempensköld oder Martin Lindström – hatte gewacht und die Uhrzeit notiert. Die Aufzeichnungen von Frau Reenstierna beschreiben die Situation an Bellmans Bett wohl zutreffend.

Im Sterbe- und Begräbnisbuch des Klara-Friedhofs wird Schwindsucht als Todesursache angegeben. Das war in jener Zeit ein häufig angegebener Sterbegrund. Um welche Art von Lungenkrankheit es sich bei Bellman tatsächlich gehandelt hat, ist nicht zweifelsfrei geklärt.

Nach den Aufzeichnungen von Märta Helena Reenstierna versammelten sich die Trauernden am 19. Februar zuhause bei Lovisa, und die Männer gingen bis zur Kirche mit. Es war in Stockholm nicht üblich, dass Frauen – besonders die Witwe des Verstorbenen – bei Beerdigungen anwesend waren.

Der Sarg wurde bei Sonnenuntergang in die Grube gesenkt. Der Par-Bricole-Chor sang, und es gab eine Fahnenparade. Die Söhne Gustav (13 Jahre alt) und Carl (7 Jahre alt) mit dem vierjährigen Adolph zwischen sich, mögen mit Erstaunen erlebt haben, wie ihr Vater geehrt wurde, jetzt, wo es zu spät war. Die Glocken der Klara-Kirche läuteten nicht, als Carl Michael Bellman begraben wurde. Für die dazu nötigen Kosten fand sich kein Geld.

In der Todesanzeige werden die engsten Hinterbliebenen, Frau und Kinder, nicht genannt. Man weiß zu wenig über die Sitten und Gebräuche in den verschiedenen Gesellschaftsschichten jener Zeit, um die Hintergründe der Worte “Bitte keine Beileidsbesuche” deuten zu können. Frau Reenstierna hat berichtet, dass selbst (verstorbene) Kleinkinder in ein Sterbegewand gekleidet und die Särge im Innern für eine offene Aufbahrung ausgeschmückt wurden. Da kamen dann selbstverständlich auch Beileidsbesucher zu den Hinterbliebenen, und es dürfte ein Imbiss gereicht worden sein.

Lovisa Bellman konnte dergleichen gesellschaftlichen Verpflichtungen in ihrer ärmlichen Wohnung und dem heruntergekommenen Haushalt nicht nachkommen.

Auszug aus: Marianne Nyström “Lovisa Bellman född Grönlund”, Stockholm 1995. Übersetzung: Detlef Illemann. Übersetzung der Bittschrift: Klaus-Rüdiger Utschick

Nachtrag:

Die Beisetzung Bellmans fand in einem Armengrab statt. Im Jahre 1840 wurde die Klara-Kirche renoviert und der dazugehörige Friedhof neu gestaltet. Das Armengrab wurde ausgehoben und die darin befindlichen Überreste zum Norra-Friedhof in Solna überführt. Wo sie dort ruhen, ist nicht bekannt. Es gibt das Gerücht, dass der Dichter Johan Gabriel Carlén (1814-1875) den Schädel Bellmans bei der Umbettung sichergestellt und ihn auf seinem Schreibtisch verwahrt habe, während er die gesammelten Schriften Bellmans geordnet und herausgegeben habe. Im Jahre 1851 ließ die Schwedische Akademie den Bellman-Gedenkstein auf dem Klara-Friedhof errichten.

Bellmans jüngster Sohn, Adolph, seit 1830 geisteskrank, ertrank 1834 beim Baden im Strandbad Manilla Holm (Djur­gården). Ob es sich um Selbstmord gehandelt hat, blieb ungeklärt. Er wurde auf dem Norra-Friedhof begraben. In demselben Grab fand auch Lovisa Bellman 1847 die letzte Ruhe.

Lovisa Bellmans Grabstein.
Bildquelle: Wikipedia


1 Als Nachfolger Bellmans wurde der Sekretär Olof Kexel in die Planstelle eingewiesen, ein Freund der Familie Bellman. Das dürfte Bellmans Petition entsprochen haben, der sich davon wohl eine Unterstützung seiner mittellosen Hinterbliebenen erhoffte. Kexel starb allerdings schon im Jahr 1796.

2 Märta Helena Reenstierna war eine Adlige, die auf dem Gut Årsta unweit von Stockholm lebte. Sie ist bekannt geworden durch die Tagebücher, die sie von 1793-1839 geschrieben hat. Sie nennt sich darin „Årstafrun“. Diese Tagebücher bieten ein sehr lebendiges Bild der damaligen Zeit. Frau Reenstierna war u.a. mit Bellman befreundet.


Detlef Illemann

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Adolf von Winterfeld: “Der schwedische Anakreon”

Mit dem Buch von Adolf von Winterfeld “Der schwedische Anakreon”, Verlag von A. Hofmann & Comp., Berlin, 1856, erschien auszugsweise Bellmans Dichtung zum ersten Mal als Übertragung in deutscher Sprache.

Winterfeld hat in diesem Werk eine große Auswahl Bellmanscher Dichtungen, einschließlich religiöser, ins Deutsche übertragen, davon 38 Epi­steln und 32 Lieder. Er übernahm aber nicht Bellmans Numerierung, sondern numerierte fortlaufend nach eigenem Gutdünken. Als Beispiel Fredmans Epi­stel Nr. 27, die bei v. Winterfeld die Nummer XXXVIII trägt.

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Eine “Kalendergeschichte”.
Ist Bellmans Geburtstag wirklich am 4. Februar zu feiern?

Ja, Carl Michael Bellman ist am 4. Februar 1740 geboren. Dies ist durch Urkunden belegt, und deshalb läßt sich an diesem Datum nicht rütteln. Trotzdem wäre es korrekt, Bellmans Geburtstag in heutiger Zeit an einem anderen Tag zu feiern.

Als Bellman geboren wurde, galt in Schweden der Julianische Kalender. Er war von Julius Cäsar im Jahre 45 v. Chr. eingeführt worden und ihm zu Ehren später nach ihm benannt. Dieser Kalender sah für ein Jahr die Länge von 365 Tagen vor und jeweils nach vier Jahren einen zusätzlichen Tag – den so genannten Schalttag – einzufügen. Das julianische Jahr hatte somit eine durchschnittliche Länge von 365¼ Tagen. Damit sollte das Kalenderjahr einem Sonnenjahr, also einem Umlauf der Erde um die Sonne (damals galt noch: Sonne um die Erde) entsprechen.

Später stellte sich eine deutliche Abweichung des Kalenders vom Sonnenlauf heraus, die im 14. Jahrhundert bereits mehrere Tage betrug. Daraus hatte sich ergeben, daß das julianische Jahr gegenüber dem Sonnenjahr um 11 Minuten und 14 Sekunden zu lang war. Dies wurde für die Kirche zum Problem, weil dadurch das vom Datum des Frühlingsvollmonds abhängige Osterdatum nicht mehr richtig bestimmt wurde.

Im Jahre 1582 führte Papst Gregor XIII. den nach ihm benannten Gregorianischen Kalender mit einer verbesserten Schaltregel ein, die diese Differenz ausgleicht. Die neue Schaltregel besagt, daß volle Jahrhunderte (wie 1700, 1800, 1900 usw.) nur dann Schaltjahre sind, wenn sie durch 400 teilbar sind (daher war das Jahr 2000 ein Schaltjahr, das Jahr 1900 dagegen nicht). Mit dieser zusätzlichen Schaltregel hat das Kalenderjahr jetzt im Durchschnitt 365,2425 Tage. (Mit der noch verbleibenden Differenz zum Sonnenjahr müßte jeweils nach ca. 3000 Jahren ein Schalttag entfallen, aber bis dahin bleibt uns noch etwas Zeit.)

Bei der Einführung des neuen Kalenders durch päpstliches Dekret im Jahre 1582 wurde die bis dann aufgelaufene Differenz durch Auslassen von 10 Kalenderdaten korrigiert: auf Donnerstag, den 4. Oktober folgte Freitag, der 15. Oktober. Die Länder Portugal, Spanien, Polen und teilweise Italien übernahmen den Kalender genau zu diesem Zeitpunkt, die meisten katholischen Länder wenige Jahre später.

Die protestantischen Länder lehnten den von einem Papst verordneten Kalender zunächst ab. Auf den evangelischen Territorien des Heiligen Römischen Reichs, also weitgehend auch auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, wurde der neue Kalender, der dann, um den Namen eines Papstes nicht nennen zu müssen, “verbesserter Reichskalender” hieß, erst 1700 übernommen, also 118 Jahre nach dessen erster Einführung. Zu dieser Zeit hatte sich die Differenz der beiden Kalender bereits auf 11 Tage erhöht.

Nicht so in Schweden. Als Bellman im Jahre 1740 geboren wurde, galt dort noch der Julianische Kalender. Am Tag der Geburt Bellmans, der in Schweden der 4. Februar war, war der Kalender in den Gebieten des heutigen Deutschlands, sowie in den meisten west- und zentraleuropäischen Ländern, bereits 11 Tage weiter, es war also der 15. Februar. In Schweden, einem der führenden protestantischen Länder, erfolgte die Einführung vom 17. Februar auf den 1. März 1753.

Im Alter von 13 Jahren

wurde Carl Michael Bellman somit vom 17. Februar auf den 1. März nur einen Tag älter. Ein jeweils volles Lebensjahr mit 365 Tagen (bzw. 366 nach Schaltjahren) vollendete Bellman in den Folgejahren deshalb immer erst am 15. Februar. Und auch in der heutigen Zeit würde Bellman immer erst an diesem Tag ein volles Jahr älter. Demnach müßten wir Bellmans Geburtstag eigentlich

am 15. Februar

feiern, zugleich dem Datum, das in den deutschen und vielen anderen Ländern bereits am Tag seiner Geburt galt.

Nachtrag:

In Bellmans Todesanzeige (siehe Artikel “Bellmans Tod”) mit Sterbedatum 11. Februar 1795 ist sein Alter mit 54 Jahren und 7 Tagen angegeben. Dies ist in zweierlei Hinsicht fehlerhaft: Wenn man fälschlicherweise vom einheitlichen Kalendersystem ausginge, wäre die Zahl der Tage korrekt, aber die angegebenen 54 Jahre wären eines zu wenig (wurde die Zahl bei der Königl. Nummerlotterie, bei der er auf der Gehaltsliste stand, mit der Lostrommel ermittelt?). Wenn man aber korrekterweise die unterschiedlichen Kalender bei Geburt und Tod berücksichtigt, ist er tatsächlich nur 54 volle Jahre, aber zusätzlich 361 Tage – und nicht nur 7 Tage – alt geworden.

wb

Bildquelle des Schwedischen Almanachs: Wikipedia

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Klaus-Rüdiger Utschick begeistert mit schwedischer Lyrik im Lyrik Kabinett

Der Lyrikübersetzer Klaus-Rüdiger Utschick begeisterte am 30.9.2013 eine zahlreich erschienene Schar von Lyrikfreunden im Münchner “Lyrik Kabinett” (www.lyrik-kabinett.de) mit im schwedischen Original und in eigener Übersetzung vorgetragenen Gedichten von Olof von Dalin, Carl Michael Bellman, Gustaf Fröding, Nils Ferlin und Dan Andersson. Die Bellmanlieder trug Utschick natürlich singend vor und wurde dabei einfühlsam von dem Pianisten Hans-Peter Riermeier begleitet. Mit einem gemeinsam mit dem Publikum gesungenen Bellmanlied schloss der literarische Teil der Veranstaltung. Danach wurde zu einem schwedischen Buffet eingeladen. (...)

Klaus-Rüdiger Utschick wurde in diesem Jahr für seine Verdienste um die Förderung der deutsch-schwedischen Beziehungen die Ehrenmitgliedschaft der Deutsch-Schwedischen Vereinigung e.V. München verliehen. (...)

Frank Senftleben

Auszug aus Bavariavikingen, Mitteilungsblatt der Deutsch-Schwedischen Vereinigung München, Weihnachtsausgabe 2013

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Eine Buchempfehlung: DER ZAUBERKÖNIG

Wir, die ^er der Bellman-Gesellschaft, kennen fast alle Ernst Brunners Roman “Ich lebte von Liebe und Wein”. Vor einigen Jahren bekamen wir das Buch als Jahresgabe. Vor drei Jahren entdeckte ich ein Buch ähnlichen Inhalts, das mir Bellman und die Verhältnisse, unter denen dieser im 18. Jahrhundert in Stockholm gelebt hat, noch besser nahe gebracht hat:

Ronald D. Gerste. Der Zauberkönig. Gustav III. und Schwedens Goldene Zeit. Steidl-Verlag Göttingen, 1996. ISBN 3-88243-418-X (1. Aufl. 1996). ISBN 978-3-88243-418-7 (2. Aufl. 1999)

Der Autor, geboren 1957, ist promovierter Historiker und Augenarzt. Gerste hat keinen Roman einzig über Gustav III. verfasst, aber auch keine trockene historische Abhandlung. Der Autor versteht es, die damaligen politischen, gesellschaftlichen Lebensumstände in Schweden und Stockholm gut lesbar und verständlich darzustellen. In 10 Kapiteln versucht er dies, wobei eines speziell C. M. Bellman gewidmet ist: Debüt eines Dichters. Aber auch in den anderen Abschnitten wird – wenn es der Sachverhalt verlangt – Bellmans Rolle dabei behandelt.

Gerste gibt zum Schluss Quellen und Literatur an, lässt uns wissen, woher die im Buch verwendeten Abbildungen stammen und beendet das Ganze auf S. 250 mit einem ausführlichen Personenregister.

Dem Buch fehlt die Brunnersche sprachliche Ausschmückung aller Vorkommnisse, was es mir allerdings leichter und angenehmer gemacht hat, mich über das Leben Carl Michael Bellmans zu informieren.

Wir wissen alle, dass Bellman ständig knapp bei Kasse war und zum Glück 1776 durch König Gustav den Posten bei der sog. Nummernlotterie bekam. In Gerstes Roman wird deutlich, dass der König sich in einem Brief an die Frau des Lotteriedirektors für die Anstellung Bellmans einsetzte. Mit Erfolg wie wir wissen. Dieser Brief ist wiedergegeben – köstlich zu lesen und aufschlussreich, was die Beziehungen in einem aufgeklärt-absolutistischen Staat angeht.

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit viel Vergnügen und großem Gewinn gelesen und empfehle es jedem, der genauer als durch eine trockene Zeittafel etwas über Carl Michael Bellmans Leben wissen möchte.

Manfred Eckert

Anmerkung: Das Buch ist leider vergriffen, wird aber oft antiquarisch unter www.zvab.com und www.abebooks.de angeboten.

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“Venus meine Herzmonarchin, Bacchus mein Kehlenfürst”

... Fredmans Epi­steln und Gesänge ... fügte Gall, begleitet von seinem Gitarristen Konstantin Wassiljew, zu einem stimmungsvollen Programm zusammen, in dem “Venus meine Herzmonarchin, Bacchus mein Kehlenfürst” wurde. “Graßhoffs Übertragungen haben mehr Biss als andere und sind bisweilen sehr erotisch”, schmunzelte Gall nach den ersten Liedern und ließ mit “Schön Ulla lag im Bette zur Ruh” gleich ein treffliches Beispiel folgen, in dem “alle um Ullas Oberfläche bemüht” waren. ... Und Gall gestaltete diese Lieder zu kleinen dramatischen Schilderungen aus der Lebenswelt der Unterschicht: “Dieses Drecksloch nennt sich Gasse, eine Kneipe dritter Klasse und ein billiges Bordell.” ... Besonders stark waren Galls Vorträge über die “Vergnügungen der Nacht und das vermeintliche Gleichgewicht zwischen Wein und Liebe”, wenn er die Verse in Szene setzte, etwa als Fredman in “Fredmans Monolog” angeschickert seine Mutter fragt, “wer dich sandte in meines Vaters Bett” und Gall sich in diesem Rollenspiel von einem Zuhörer aus der ersten Reihe quasi aus der imaginären Gosse ziehen ließ.

© Rolf-Dieter Diehl, in:  © Cellesche Zeitung vom 09.11.2013

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Bellman und die Musikinstrumente

Teil 1: Bellmans “Laute”

Aufgrund der unterschiedlichen Bezeichnungen und dem synonymen Gebrauch der Wörter “Laute” und “Cister” kommt es häufig zu Verwechselungen der Instrumente, was den Nachweis bei den historischen Zusammenhängen schwierig macht.

Bevor wir uns daher der “Laute” Bellmans widmen, müssen wir uns kurz mit der Entwicklung des schwedischen Instrumentenbaus befassen:

Spätestens seit 1760 gab es ein Importverbot für Musikinstrumente in Schweden. Man war also auf die einheimische Instrumentenproduktion angewiesen. Vor allem Matthias Petter Kraft (1753-1807), der zunächst Clavichorde baute, begann ab 1779 Cistern zu bauen.

Der Begriff Cister/Cittra/Zitter/Cittern war am Ende des 18. Jahrh. ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von verschiedenen Instrumenten, die z.T. Metallsaiten, manchmal auch Darmsaiten hatten. So bezeichnete man teilweise auch die Lauten als Cister. Das Vorbild für Krafts Cister war ein Instrument englischen Typs, meistens gestimmt in einem offenen A- oder G-Akkord, und man spielte sie mit einem Plektrum. Die englische Cister (English Guittar) wurde ein Übergangsinstrument für Kraft, und stufenweise wurden die Konstruktion und auch die Spieltechnik verändert. Es lassen sich drei Phasen der Entwicklung abzeichnen:

1. “Die Zitherperiode”, ca. 1776-1790: flacher Boden, beweglicher Steg, englische Stimm-Mechaniken, 11 oder 15 Saiten, Metallsaiten, Mensur der gegriffenen Saiten 50-55 cm.

Abb. 1: English Guittar, Stimmmechanik, ca. 1790

2. Die Übergangszeit, ca. 1790-1800: flacher oder gewölbter Boden, Lautensteg, seitlich eingesetzte Stimmwirbel, 12 oder 13 Einzelsaiten aus Darm, Mensur der gegriffenen Saiten: 50 cm.

Abb. 2: Svensk luta. Johan Jerner, 1792

3. Die Zeit der voll entwickelten schwedischen Laute, 1801-1820: gewölbter Boden, seitliche Wirbel, Umstimm-Mechanismen, Capodasta-Vorrichtung für Bass-Saiten, 15 Einzelsaiten aus Darm, Mensur der gegriffenen Saiten 50 bis 58 cm.

Abb. 3: Svensk luta. Anonym, ca.1800-15

Seit den 1820er Jahren verliert die Laute ihre Popularität gegenüber der Gitarre und dem Klavier, die ab dem Zeitpunkt auch wieder importiert werden durften. Teilweise wurden die schwedischen Lauten zu Gitarrenlauten umgebaut.

Während der 1880er Jahre begann Sven Scholander Lieder zu singen und wollte dann die schwedische Laute als Begleitinstrument benutzen. Er fand jedoch die Stimmung der schwedischen Laute des 18. Jahrhunderts als unpraktisch für das moderne Begleitspiel. Wahrscheinlich inspiriert von der Deutschen Schrammelgitarre und der Deutschen Basslaute ließ er eine alte Laute umbauen, gab ihr Metallsaiten, gestimmt wie eine Gitarre und 6 Baßsaiten. Das Konzept wurde dann Grundlage für die Lauten, die während des frühen 20. Jahrhunderts gebaut wurden. Besonders erwähnenswert ist hier der Instrumentenbauer Alfred Brock (1860-1935). In den 1950er Jahren hörte das Bauen der schwedischen traditionellen Laute wieder auf. Heute gibt es wieder vereinzelt Instrumentenbauer, die die historischen Instrumente nachbauen und einen Verein, der sich um die historische Aufarbeitung bemüht.

Soweit dieser kleine Exkurs, den wir benötigen, um zu verstehen, dass die immer so betitelte Kraft-Laute, die Bellman gehörte, eigentlich keine Laute ist, sondern eben eine Cister. Daher werde ich auch im Folgenden von der Cister sprechen.

Die “Bellmanlaute” wurde 1781 gebaut, gehört damit in die erste Phase der Entwicklungsgeschichte und wird heute im Par-Bricole-Stammhaus aufbewahrt, in dem Haus, wo Bellman zwischen 1770 und 1774 wohnte.

Man muß sich vergegenwärtigen: Als das Instrument gebaut wurde, war Bellman bereits 41 Jahre alt. Wir finden keine Angaben darüber, ob er sie bei Kraft gekauft hat, oder ob es ein Geschenk war, und ob er sie wirklich gespielt hat.

Wenn das Instrument in Bellmans Besitz gewesen ist, muß man sich fragen, warum er am 05. März 1792 Madame Quiding bittet, eine Laute leihen zu dürfen. Ob die Ausleihe lange oder gar zu einer Dauerleihgabe wurde, wissen wir nicht. Im Nachlassinventar der Madame Quiding taucht keine Laute auf. So müsste man sich fragen, wann Carl Michael Besitzer der Kraft-Cister wurde.

Man vermutet, dass es aber das Instrument ist, welches bei dem Konkurs und der Pfändung eine Rolle spielte:

Am 14. Juli 1794 wurden die Gläubiger Bellmans vom Amtsgericht für den 12.01.1795 geladen. Dort wurde ermittelt, dass die Schulden Bellmans mehrere tausend Reichstaler betrugen. Unter den Gläubigern war der Schankwirt Fischer. Dieser machte folgende Eingabe an das Amtsgericht:

“Hochedele, Edele und hochgeachtete Herren Bürgermeister und Rat. Für meine Forderungen bei Herrn Hofsekretär Carl Michael Bellman nach der angefügten Rechnung groß 6 Reichstaler und 43 Schillinge 9 RST, verlange ich volle Bezahlung. Ich habe als Unterpfand eine Cittra (Zittra) mit Futteral erhalten und fechte das von Herrn Hofsekretär Bellman beantragte Konkursersuchen an. Mit aller Ehrfurcht verbleibet der gehorsamste Diener der hochedlen Amtsgerichtsbarkeit.”

Das Amtsgericht erteilte am 12. Dezember 1796 das Urteil, fast zwei Jahre nach dem Tod von Carl Michael Bellman. Fischer bekam das Vorzugsrecht, was bedeutet, dass entweder alle Güter aus dem schon armen Heim verkauft werden müssen, oder dass der Vormund oder jemand anderes die Schuld an Fischer bezahlt und danach Besitzer des Instrumentes wird. Dieses Instrument war von Fischer drei Jahre lang aufbewahrt worden. Darüber schrieb später Adolf Bellman, dass dieses “nach dem Tod meines Vaters nie gefunden wurde”. Also hat jemand das bei Fischer verpfändete Instrument ausgelöst und es behalten. Erst nach vielen Jahren und nachdem Adolf Bellman seine Erinnerungen nieder geschrieben hatte, wurde Lovisa Bellman Besitzerin eines Instruments. Dies könnte die Kraft-Cister gewesen sein, die Carl Michael verpfändete.

Wahrscheinlich war es erst gegen Ende der 1820er Jahre, dass Lovisa Besitzerin von der Cister wurde.

Das Instrument wurde von Bellmans Witwe, die ihren Mann 52 Jahre überlebte (sie starb 1842 fast 90 Jahre alt), an den Krämer A.W. de Frèse verkauft oder verschenkt. Nach dessen Tod im Jahre 1865 ging sie über an den Krämer C.M. Lemke; dessen Tochter Maria Lemke gab die Cister im Jahre 1879 an den Musikhändler Julius Bagge zum Verkauf in Kommission. Bagge suchte durch einen öffentlichen Notar die Echtheit des Instrumentes durch eidesstattliche Erklärungen der Witwe de Frèse und des Fräuleins Lemke zu untermauern. Kurz danach wurde die Cister mit zugehörigem Futteral und Urkunden in Stockholm vom Großhändler C.C. Söderström für 150 Kronen gekauft, der im Jahre 1897 die “teure Reliquie” an die Gesellschaft Par Bricole verschenkte.

Arvid Stålhane stellt nicht in Frage, dass es Bellmans Cister ist:

“Sie ist 1781 gebaut und der Dichter kann Sie die letzten 14 Jahre seines Lebens benutzt haben. Auf der Rückseite des Halses sieht man die Initialen C.M.B. Sicherlich hat Bellman selbst mit irgendeinem Werkzeug, was gerade zur Hand war, diese einfachen Buchstaben hineingestochen. Wo die Saiten befestigt sind, hört der kurze Hals mit einer konisch geschnittenen skulpturierten Öse auf.”

Stålhane zitiert danach August Kinberg, Chronist der Gesellschaft Par Bricole:

“Das Instrument, das Spuren trägt vom fleißigen Benutzen, ist vermutlich an manch einem Winterabend unter dem weiten Mantel des Besitzers zu einer fröhlichen Abendgesellschaft getragen worden, vielleicht auch im Sommer ins Grüne mitgeführt worden.”

Kinberg konstatiert, dass die Cister Spuren fleißigen Benutzens trägt. Cary Karp hat auch dieses Instrument 1990 untersucht. Beim Begutachten unter ultraviolettem Licht hat er festgestellt, dass das Instrument nie umlackiert worden ist. Die Spuren der Abnutzung seien nur gering. Sein Urteil lautet: “Dieses kann nicht Bellmans Arbeitspferd gewesen sein.”

Jürgen Thelen

Der Text ist ein Auszug aus Jürgens Thelens Vortrag, den er am 2. Februar 2014 auf Burg Waldeck bei der Jahrestagung der Deutschen Bellmangesellschaft gehalten hat.

Quellen:

Bücher:
Austin, Paul Britten: Carl Michael Bellman. Sein Leben und seine Lieder, Übersetzt und neu bearbeitet von Ursula Menn-Utschick, München 2000
Buchner, Alexander: Musikinstrumente von den Anfängen bis zur Gegenwart, Prag 1972
Hellwig, Günter: Joachim Thielke – Ein Hamburger Lauten- und Violenmacher der Barockzeit, Frankfurt 1980
Korth, Michael (Hg.): Carl Michael Bellman. Sauf-, Liebes- und Sterbelieder, München 1980
Kreutzer, Gert: Bellman vor dem musikalischen Hintergrund seiner Zeit, Vortrag zur Jahrestagung der Deutschen Bellmangesellschaft 2008
List, Ernst: Türen auf, Geigen her! Kaufungen 2001
Massengale, James: Did Bellman write music?, in: Scandinavian Studies, 1972/3: S. 439ff
Michels, Ulrich (Hg.): DTV-Atlas zu Musik, Band 1 und 2, München 1984
Nyström, Marianne: Citrinchen & porträtt som tillhört Carl Michael Bellman, o.O. 1990
Ruteskog, Christier: I bellmans anda, Booklet zur CD
Schlegel, Andreas; Lüdke, Joachim: Die Laute in Europa 2, Menzinken (Schweiz) 2011
Utschick, Klaus-Rüdiger: Carl Michael Bellman, Band 2, Fredmans Gesänge, München 2003

Bildquellen:
Abbildungen 1 bis 3 aus: Schlegel, Andreas; Lüdke, Joachim: Die Laute in Europa 2, Menzinken (Schweiz), 2011

Internetseiten:
www.sim-web.biz/MUSEUM/zist_hamb_cith.htm (Link nicht mehr verfügbar)
www.metmuseum.org/toah/works-of-art/1985.124
www.futuremuseum.co.uk/collections/people/key-people/collectors-explorers/charles-van-raalte/hamburger-cithrinchen.aspx
www.stockholmskallan.se/Soksida/Post/?nid=17810
www.svenskalutan.se/
www.tabulatura.com/SWELUTE1.htm (Link nicht mehr verfügbar)
de.wikipedia.org/wiki/Barockmusik



Impressum:


Aus der Bellman-Postille Nr. 4
Mitteilungsblatt der Deutschen
Bellman-Gesellschaft e.V.
© Juli 2014


Herausgeber:
Deutsche Bellman-Gesellschaft e.V


Redaktion:
Walter Barth
E-Mail: bellmanpostille@gmx.de


Beiträge:
Wilhelm C. F. Cohrs, Manfred Eckert, Detlef Illemann, Frank Senftleben, Jürgen Thelen



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