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Aus der Bellman-Postille Nr. 5


AUSFLUG ZUM BELLMANTAG NACH STOCKHOLM

Ein Reisebericht

Aus allen Teilen Deutschlands kamen wir angereist - mit Flugzeug, Bahn oder Auto. Alle aus den gleichen Beweggründen: Freunde wiedersehen, Bellmans Musik erleben, erfahren, leben.

Und so bezogen wir nacheinander unsere Zimmer im Örlogshotellet, ein uriges Hotel auf Blasieholmen, also ganz zentral zwischen Skeppsholmen und Gamla Stan (Altstadt). Es hatte den Charme eines Seemannsheims, die Spiegel im Bad Bullaugen, alles ein wenig verstaubt, überall Hinweise auf bessere Zeiten.

Freitagabend: Come-together beim gemeinsamen Abendessen. Treffen mit Freunden, selbst wenn man sich noch nie gesehen hatte, alle in freudiger Erwartung der kommenden Tage. Die Sitzordnung im Hasselbacken wurde bekanntgegeben und löste leichte Verwunderung aus: wir würden beim Galaessen mit Par Bricole weitgehend unter uns bleiben. Nun, das tat der Stimmung keinen Abbruch.

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Der Samstag begann mit einem wunderbaren Sonnenaufgang und wurde mit 30 Grad richtig warm. Kein Wölkchen am Himmel. Und so zogen wir per pedes oder mit der Straßenbahn Richtung Djur­går­d­en, am Hasselbacken vorbei zum Skansen-Park. Dort lauschten wir zunächst dem Männer-Chor von Par Bricole. Der Vortrag der Bellman-Lieder unter freiem Himmel war stimmig und zumeist sehr getragen.

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Dann Sarah Riedel, die “schwedische Perle des Jazz”, und Band: Eine junge Sängerin, begleitet von ebenso jungen Musikern: Pianist, Bassist und Bassklarinettenspieler.Nach wenigen Minuten wusste man, warum diese Frau Echo-Preisträgerin ist. Sie trugen auch Lieder Carl Michael Bellmans vor. Jetzt ist Bellman keine Domäne von Sängerinnen. Zu Unrecht! Ein ans Herz gehendes, hervorragendes Konzert, vorgetragen mit heller, lyrischer Stimme, welches am Nachmittag wiederholt wurde. Ich habe es mir nochmals angehört: Begeisterung.

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Die Gruppe teilte sich, durchstreifte auf eigene Faust den Park, das Freiluftmuseum, den Tierpark, kehrte zum Teil ins Hotel zurück, um sich chic zu machen für den Abend mit Par Bricole. Wir trafen uns am Hasselbacken im Garten. Empfangen durch C.M. Bellman, zwei Künstler interpretierten Bellman Lieder, die ersten Kontakte zu Vertretern von Par Bricole.

Dann der gemeinsame Gang zur Bellman-Büste. Ein Horn-Quartett interpretiert Bellman, der Chor singt, eine lange Rede auf schwedisch, die ich leider nicht vollständig erfasste. Dennoch eine schöne Veranstaltung. Kranzniederlegung. Gemeinsames Singen von Bellman. Ja. Dafür sind wir angereist. Dann der Abend mit Par Bricole. Es war ein Logen-Abend, speziellen Ritualen und Regeln verhaftet, ungewohnt. Hörner und Chor ließen Bellman-Melodien erklingen, irgendwann wurden auch wir aufgefordert zu singen. Und nach dem offiziellen Teil wurde es ganz gemütlich: wir sangen gemeinsam Bellman – mal auf deutsch, mal auf schwedisch, mal hatte ein Schwede die Klampfe, mal ein Deutscher. Es wurde ein langer Abend. Für die letzte Heiterkeit des Tages sorgte dann die Heimfahrt mit der Tram.

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Am Sonntagmorgen eine wunderbare Führung durch Gamla Stan. Uta hatte Orte ausgesucht, die in Bezug zu Bellman stehen. Bei jedem Halt eine Erklärung von Uta, ein Lied, vorgetragen von Tom und dann ein gemeinsames Lied. Bellmans Lebenswirklichkeit begann sich uns zu erschließen. Dann ein Gewitter mit Starkregen. Beeindruckend. Egal, ob man es auf dem Wasser oder in der Stadt erlebte. Ich war für Wilhelms Beistand dankbar! Nachdem wir und unsere Hotelzimmer trockengelegt waren, ging es zum Bellmanshuset. Dort erfuhren wir, empfangen mit Wein und Gesang, viel über Par Bricole und Bellmans Leben und konnten u.a. einen Blick auf Bellmans Laute (die eine Cister ist) werfen. Uta und Achim unterhielten mit Flöte und Gitarre, und natürlich schwelgten wir auch wieder gemeinsam in Bellmans Liedern und Episteln.

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Zum Abschluss am Abend das Konzert von Thord Lindé. Wegen der großen Hitze im Zelt. Ein Erlebnis! Zum Schluss: Darbietung nach Zuruf. Alle waren zufrieden.

Und so trollten wir uns nach Gelage und Gesang wieder mit einer erlebnisreichen ÖPNV-Fahrt in unser Hotel.

Am Ende waren sich alle einig: ein wunderschöner Ausflug, traumhafte Konzerte, eine Gemeinschaft, die etwas ganz Besonderes ist. Dankbar für die wundervolle Organisation machte sich jeder wieder auf seinen eigenen Weg.

Gabriele Frühwald, Mitarbeit von Wilhelm Cohrs

BELLMAN-WOCHE 2014 IN ERLANGEN

Als Vorgeschmack auf das Jahr 2015, in dem sich der Geburtstag von Carl Michael Bellman zum 275. Mal jährt, veranstaltete der Studiengang Nordische Philologie der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg vom 21. bis 23. Mai 2014 eine Bellman-Woche. Es war zwar eine interne Veranstaltung der FAU, die Mitglieder der Deutschen Bellman-Gesellschaft aber waren auch eingeladen.

Schwedisch-Unterricht an deutschen Universitäten hat eine lange Tradition. An der Universität Greifswald wurde bereits etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts Schwedisch gelehrt (Greifswald gehörte damals infolge des Dreißigjährigen Kriegs zu Schwedisch-Pommern und war damit schwedisches Staatsgebiet). Allerdings ist nicht auszuschließen, daß mit dem Ende der Schwedenzeit in Greifswald (ca. 1815) auch der Schwedisch-Unterricht auslief.

In neuerer Zeit wurde in Deutschland das erste Lektorat für Schwedisch 1913 in Jena eingerichtet, danach folgten Greifswald, Kiel und Rostock. An der FAU Erlangen-Nürnberg wird Schwedisch seit 1935 unterrichtet. Wichtige Inhalte in den Lehrplänen sind zunehmend auch die Kultur Schwedens, seine Literatur und Musik. Und so gehört zwangsläufig auch Bellman zu den zu vermittelnden Themen.

Zum Auftakt der Bellman-Woche am Mittwochabend fand auf der Kellerbühne des “Kulturzentrums E-Werk” ein Bellman-Abend statt. In lockerer Folge traten auf:

  • Sten Magnus Petri, Bellman-Interpret aus Stockholm, und der Gitarrist Christer Karlberg
  • Mitglieder des Katarina-Männerchors in Stockholm
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Dieses meisterliche Konzert mit herrlichen und präzisen Stimmen hat nicht nur mich begeistert und sehr beeindruckt.

Der Donnerstag war geprägt vom Symposium im Bürgersaal des Palais Stutterheim mit vielen Referaten, u.a.:

  • Prof. Dr. Lars Lönnroth sprach über Bellman als “Estradeur” (auf schwedisch).
  • Dr. Hans Ritte hielt einen Vortrag mit dem Titel “Der schwedische Anakreon” … (siehe seine nachfolgende Zusammenfassung unter dem gleichen Titel)
  • Klaus-Rüdiger Utschick gab einen Einblick in die Besonderheiten und Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Bellman-Texten.
  • Prof. Dr. Seelow stellte uns Per Ulrik Kernell vor, ein junger, schwedischer Dichter der Romantik, zugleich begnadeter Bellman-Interpret, der im Sommer 1823 Erlangen besuchte und dort im Frühjahr 1824 27-jährig starb und begraben ist.

Einzelne Vorträge wechselten sich mit Auftritten des Männerchors oder Sten Magnus Petris ab. Im Anschluß an die Vorträge besuchten alle gemeinsam das Grab Per Ulrik Kernells auf dem Neustädter Friedhof, es wurde ein Kranz niedergelegt, und der Chor sang zu Ehren Per Ulrik Kernells.

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Am gleichen Abend gab zusätzlich noch Jürgen Thelen ein Konzert.

Die Bellman-Woche endete am Freitag im Club International in Erlangen mit einem weiteren Konzert von Sten Magnus Petri und dem Gitarristen Christer Karlberg, sowie Mitgliedern des Katarina-Männerchors in Stockholm und fand ihren gemütlichen Abschluß in der Kitzmann-Bräuschenke. Wir bedanken uns herzlich für das gebotene Programm, die hervorragende Organisation dieser Bellman-Woche und ganz besonders auch dafür, daß wir dabei sein durften, bei Karina Brehm, Lektorin für Schwedisch an der FAU.

wb

“DER SCHWEDISCHE ANAKREON” - Ehrentitel? Lachnummer? Notabene: Eine Verwechslung!

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Hans Rittes Zusammenfassung seines gleichnamigen Vortrags auf dem Bellmn-Symposium in Erlangen im Mai 2014

Die auch heute noch gelegentlich verwendete Bezeichnung Bellmans als “der schwedische Anakreon”, die auf ein Gedicht Olof Bergklints aus dem Jahr 1773 zurückgeht, war schon mehrmals Gegenstand biographischer Untersuchungen. Mein Vortrag setzte früher an und befasste sich mit der Frage, welche Bedeutung die Anakreon zugeschriebenen Gedichte, die im 18. Jahrhundert unter der Bezeichnung “Anakreontik” eine Anakreon-Renaissance auslösten, für den jungen Bellman hatten, bevor dieser mit Anakreon in Verbindung gebracht und so seine literarische Einschätzung durch die Gesellschaft beeinflusst wurde. Ich vertrat die Auffassung, dass Bellman zunächst eine distanzierte und vielleicht sogar ablehnende Haltung gegenüber der Anakreontik einnahm und zog zur Begründung zwei Beispiele heran, nämlich eine Strophe aus dem 1770 entstandenen Lied Der Poet und ein 1767 erstmals auftauchendes Lied, das vermuten lässt, dass Bellman das Motiv des tanzenden Anakreon kannte, und zwar in seiner typischen Kombination von Alter, Tanz und Jugendlichkeit, auch wenn der Tanz hier in eine persönliche Niederlage des Tänzers umgedeutet ist.

Ein Greis mit Mädchen im Tanz will sich drehn,
er wippt mit dem Hintern und hüpft auf den Zeh’n,
neiget sich niedlich,
zärtlich und friedlich,
himmelt und will vergehn;
plinkt und scharwanzet,
krümmt sich und ranzet,
kniet und will Liebe erflehn. 1
Greis, mach dich fort von den Schönen,
Venus vermag deine Brust nicht zu löhnen.
Fort aus dem Hause!
Zeche und schmause,
kannst du am Humpen bestehn?
Vielleicht kann dich Bacchus noch krönen,
deine Hörner mit Rosen versehn. 2

Zum Vergleich hierzu Zitate aus der Übersetzung Anakreons durch Johann Nikolaus Götz aus dem Jahr 1760:

anakreonverse

Hierzu mein Kommentar im Wortlaut: 3

Die unbefangene Schilderung des antiken Tanzes mit seiner üblichen Gruppierung der Personen hat hier einer Szene Platz gemacht, die einer komischen Oper entstammen könnte. Der Tänzer ist ein lüsterner Greis, eine Art von Don Pasquale, der sich in der Rolle eines jugendlichen Galans gefällt, ohne ihr gewachsen zu sein: “Die Kinnlade zittert gleichwohl”. Der Kommentator des Liedes prangert ihn wegen seines Verhaltens an und rät ihm, lieber zu Bacchus zu gehen. Der Wein, in der Anakreontik ein Verbündeter der Liebe, ist zum Tröster geworden. Die Bekränzung des Tänzers mit Rosen, ein gängiges Attribut, ist hier ebenfalls ins Lächerliche gezogen, indem die Hörner und nicht die Stirn bekränzt werden, eine Anspielung auf die Redensart “jemandem Hörner aufsetzen”.

Die auffälligen Übereinstimmungen zwischen dem frühen Lied Bellmans und vergleichbaren Textstellen in den Anakreon zugeschriebenen Gedichten machen es aus meiner Sicht wahrscheinlich, dass es sich hier um eine Anakreonparodie handelt, in der das wachsende Selbstbewusstsein und die realistische Sehweise des erfolgreichen jungen Dichters zum Ausdruck kommen.

Die Liedstrophe, die ich anführte, lautet folgendermaßen:

Lustig ist es bei Poeten,
wenn es Speise gibt und Wein
und ‘nen Krüger, einen fetten,
der zum Schmausen ladet ein.
Dann sind sie erst Poeten
und Anakreonter klein! :|| 4

Dazu hieß es in dem Vortrag:

Die reichliche Versorgung mit Speis und Trank durch den Gastgeber generiert Poeten und “kleine Anakreontiker”, eine gerade für die Blütezeit der Anakreontik ungewöhnlich realistische und ernüchternde Sehweise!

Durch den Vergleich Bellmans mit Anakreon (vgl. oben) ändert sich die Situation. Bellman ergreift die Chance, die sich ihm zu bieten scheint, obwohl er sich dichterisch bereits in einer anderen Richtung entwickelt hat. Schon seit Ende der 1760er Jahre entstehen ja die Episteln, die das literarische Hauptwerk Bellmans, “Fredmans Episteln”, bilden. Sie passen in vielerlei Hinsicht nicht zu dem Beinamen “der schwedische Anakreon”, dessen sich inzwischen sogar der König bedient. Aber Bellman fährt unverdrossen mit der Episteldichtung fort und versucht andererseits, seinem Ehrentitel der schwedische Anakreon gerecht zu werden. 5 Die innere Widersprüchlichkeit wird schließlich von Johan Henrik Kellgren aufgedeckt, dessen Schmähgedicht von 1778 6 Bellman vor allem deshalb verletzen muss, weil es Kellgren gelungen ist, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen:

Zuvor schon hatte Bellman das Bier zur Travestierung der Bibel benutzt - aus den Ephesern wurden Ölepheser - jetzt bediente sich seiner Kellgren in belustigender, vor allem aber demaskierender Absicht. Das poetische Bild, das die Wirkung des Weines veranschaulicht - die Adern sind mit Wein statt mit Blut gefüllt - wird entwertet, indem der Wein durch eine vulgäre Alternative ersetzt ist: Bier!

Besonders verletzend war diese veränderte Metapher deshalb, weil sie von Bellman selbst schon einmal verwendet worden war, und zwar in Fredmans Gesang Nr. 4: “Aus Branntwein besteht all mein Blut”, heißt es dort. Was für den Verfasser von Fredmans Gesängen eine selbstverständliche Motivwahl innerhalb einer Sammlung bacchanalischer Lieder gewesen war, wird hier zum Zitat, das den, der “Anakreon die Lyra gestohlen” hat (gemeint ist Bellman), als Verseschmied auf der untersten Ebene, der Bier- bzw. Branntweinebene, denunziert.

Der Vortrag lenkte die Aufmerksamkeit vor allem darauf, dass die satirische Charakterisierung Bellmans durch Kellgrens Gedicht einer zeitgenössischen Beschreibung der opéra comique durch Carl Israel Hallman, der ein Ordensbruder Bellmans war und selbst burleske Stücke verfasste, sehr nahekommt. Ungewollt hob Kellgren also das Besondere und Zukunftsweisende in Bellmans Schaffen hervor.

In seinem Vorwort zu “Casper und Dorothea” (1775) schrieb Hallman, dass jetzt “Korporale, Flickschuster und die Wirtshausnymphen” den Platz einnähmen, den Apoll seit der Entstehung der Oper “Helden, Hirten und Hirtinnen” geweiht hätte. Wenn es bei Kellgren heißt, dass “seine Musen vom Spinnhaus (eine Art Zwangsunterkunft) leben und seine Grazien sich einer Liegekur unterziehen”, dass er die Sprache des Liebesgottes im “Harem” der Platska, einer berüchtigten Kupplerin, erlernen musste, so klingt das ähnlich wie Hallmans Gattungsbeschreibung der opéra comique.

In seinem Vorwort zu “Casper und Dorothea” (1775) schrieb Hallman, dass jetzt “Korporale, Flickschuster und die Wirtshausnymphen” den Platz einnähmen, den Apoll seit der Entstehung der Oper “Helden, Hirten und Hirtinnen” geweiht hätte. Wenn es bei Kellgren heißt, dass “seine Musen vom Spinnhaus (eine Art Zwangsunterkunft) leben und seine Grazien sich einer Liegekur unterziehen”, dass er die Sprache des Liebesgottes im “Harem” der Platska, einer berüchtigten Kupplerin, erlernen musste, so klingt das ähnlich wie Hallmans Gattungsbeschreibung der opéra comique.

Vor diesem Hintergrund ist auch der zweite, kaum beachtete Beiname Bellmans zu sehen, den Fredrik Sparre schon etliche Jahre vor Kellgren vorgeschlagen hatte: “Le Vadé de la Suède.”

Ein Ehrentitel war es diesmal nicht, denn mit dem Erfinder des “genre Poissard”, d.h. von Vaudevillen, in denen die Sprache der Pariser Markthallen Verwendung fand, ließ sich keine Ehre einlegen. Sparre bezog sich auch nicht auf Bellmans Versuche mit Theaterstücken; von “Fiskarena” (er nennt es eine “Oper in 3 Akten”) sagt er, dass sie “vom allerschlechtesten Geschmack” seien. Es sind vielmehr seine “Chansons poissards”, die es ihm angetan haben. Er beschreibt sie als “voller Esprit”, wenn auch in einem “niederen, burlesken und wollüstigen Ton”. “Es ist Schwedens Vadé” befindet er und fügt hinzu: “Dieser Mann ist mit einer poetischen Ader geboren!” Kein Ehrentitel also, aber eine Würdigung von Bellmans Fähigkeit, “Esprit” und “le ton bas” (Sparre) miteinander zu verbinden.

Kellgrens Auffassung wandelt sich im Laufe der Jahre, wenn auch nicht in der von Sparre eingeschlagenen Richtung. Sein Vorwort zu “Fredmans Episteln” (1790) lässt Bellman zu seinem Recht kommen, allerdings wiederum im Vergleich mit dem vermeintlichen Urheber der anakreontischen Dichtung! Bellmans Werk vergleicht er mit einer “Kaskade”, die Dichtung Anakreons mit einem Bächlein, das sich durch einen Wiesengrund schlängelt. Der Vergleich dient also nicht mehr der Abwertung Bellmans, sondern der Hervorhebung der Eigenwertigkeit seiner Dichtung: beide sind genial, jeder auf seine Weise!

Weder der von Bergklint, noch der von Sparre eingeführte Beiname, noch die nachträgliche Ehrenrettung durch Kellgren in der Druckfassung von “Fredmans Episteln” konnten Bellman davor bewahren, wegen unbezahlter Schulden in einem dafür vorgesehenen Flügel des Schlosses eingesperrt zu werden. Die gut bezeugten Auftritte Bellmans in bürgerlichen Salons, die seine Talente als Alleinunterhalter zur Geltung kommen ließen, waren ebensowenig geeignet, seine finanzielle Situation zu verbessern, obwohl hier ein “Theaterpublikum außerhalb des Theaters” 7 entstanden war, das seine Auftritte genauso genoss wie die opéra-comique-Aufführungen der Stockholmer Theater. Der Vortrag zeichnete den Leidensweg Bellmans bis zu dem Punkt nach, an dem er, bereits vom Tod gezeichnet, aus Sorge um seine Familie erneut in die Anakreonrolle schlüpfte (Er wählte also das “Bächlein” und nicht die “Kaskade”!) und das Regentenpaar um Hilfe anflehte.

In “Fredmans Gesang” Nr. 56 wird das zuvor Gesagte am Ende durch ein vorangestelltes Notabene relativiert oder sogar in sein Gegenteil verkehrt. Das Notabene des Vortrags war der Hinweis auf die leider viel zu wenig beachtete Tatsache, dass man im 18. Jahrhundert fälschlicherweise glaubte, in den Anakreonteen das Originalwerk Anakreons vor sich zu haben, während es sich in Wirklichkeit um byzantinische Nachahmungen handelte.

Es ist kein Geheimnis, dass die “Oden Anakreons”, die sog. “Anakreonteen” bis auf höchstens drei Ausnahmen, die sich auf den antiken Dichter zurückführen lassen, alles andere als Werke Anakreons sind.

Seitdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Positivismus zu einer intensiven Beschäftigung mit den literarischen Quellen geführt hat, lässt sich in jedem besseren Lexikon nachlesen, dass die Anakreonteen (diese Bezeichnung hat sich gegen den “Pseudoanakreon” durchgesetzt) in ihrer Mehrzahl ein Jahrtausend jünger sind als das Opus Anakreons und dem byzantinischen Raum entstammen.

Es gab in spätbyzantinischer Zeit die Anthologie des Kephalas, die in Abschriften verbreitet wurde und wohl auch die Hauptquelle für die Anakreonausgabe durch Henri Estienne (Henricus Stephanus) im Jahr 1554 war und wahrscheinlich auch für die Anthologia palatina (nach der Heidelberger Biblioteca Palatina), eine Handschrift, die im frühen 18. Jahrhundert entdeckt wurde. Man hielt die “Oden” für echt und übersetzte sie in die einzelnen Nationalsprachen. 8

Man fragt sich heute zu Recht, wie es sein konnte, dass die Authentizität damals nicht durch inhaltliche und stilistische Kriterien in Frage gestellt wurde. Statt dessen formte sich ein Bild von Anakreon, dem diese Nachahmungen als Anhaltspunkte dienten.

“Zeit und Qualität dieser Gedichte sind nicht einheitlich, im allgemeinen ist es seichtes Geplätscher, mitverantwortlich für das falsche Bild, das lange galt” – so abwertend wie der Autor der Geschichte der griechischen Literatur Albin Lesky muss man das Ganze nicht sehen, aber es finden sich zweifellos Züge, die für massenhaft verbreitete Gebrauchsliteratur sprechen. Hierzu gehört die Beschränkung auf wenige Motive, die ständig wiederholt werden und beliebig austauschbar sind, sowie die sich hinter dem Namen Anakreon verbergende Anonymität. Während von Anakreons Werk nur spärliche, fragmentarische Reste erhalten sind, ergießt sich hier ein Strom von 60 gut erhaltenen Gedichten über den Leser!

Durch die Wahl eines falschen Bezugspunkts wurde Bellman mit Maßstäben gemessen, die seiner zukunftsweisenden dichterischen Leistung nicht gerecht wurden. Seine Notlage zwang ihn, die Deutungshoheit der Bildungsschicht zu akzeptieren, die in den Anakreonteen ein Beispiel für gehobene Literatur sah.

Bellman nur im Kontext der damaligen Zeit zu interpretieren, hieße die persönliche Tragik Bellmans auszublenden, die sich aus der Verwechslung der literarisch unbedeutenden Anakreon-Nachahmungen mit dem griechischen Original ergab. Zu diesem Schluss gelangte der Vortrag, der meine früheren Beiträge in einem wesentlichen Punkt ergänzt.

Von unserem Ehrenmitglied Hans Ritte


1 Hier wäre zu ergänzen: Die Kinnlade zittert gleichwohl. Die Ergänzung entspricht Käftarna darra ändå und erwies sich für die Interpretation unverzichtbar, impliziert aber keine Kritik an Utschicks Übersetzung, in der die Situation sehr gut erfasst ist. Eingangszeile des Originals: En gubbe dansar med flickorna små.

2 StU XIII; Nr. 67 S. 128; Übersetzung: Klaus-Rüdiger Utschick, innerhalb meines Beitrags Bellman und die deutsche Literatur in: Beiträge zu Bellman, Heft 1, München 2001, S. 94

3 Johann Nikolaus Götz, Die Gedichte Anakreons und der Sappho Oden, Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1760, Stuttgart, 1970

4 Poeten, 1770; StU XVII, Nr. 16, 1. Strophe; Übersetzung: Klaus-Rüdiger Utschick

5 Vergleiche: Stefan Ekman, Anakreon i skuggan (...), in: Bellmansstudier, utg. av Bellmanssällskapet. (21/2001) S. 144 sowie Anm. 12, sowie Bellman-Postille Nr. 3 (8/2007) S. 19ff

6 Siehe Kellgrens Schmähgedicht auf deutsch in: Paul Britten Austin, Carl Michael Bellman – Sein Leben und seine Lieder, übersetzt von Ursula Menn-Utschick, München 1998, S. 169

7 Diesen Begriff verwendete ich schon 2001 in meinem Aufsatz Carl Michael Bellman – Geselligkeit und Gesellschaft im Stockholm des ausgehenden 18. Jahrhunderts, u.a. in: Beiträge zu Bellman, Heft 1, München 2001, S. 72ff.

8 Vergleiche: Nachwort von Herbert Zeman in oben zitiertem: Johann Nikolaus Götz, Die Gedichte Anakreons und der Sappho Oden, Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1760, Stuttgart 1970, S. 19ff

AUS BELLMER WURDE BELLMAN

Die Vorfahren des schwedischen Rokokodichters stammen aus Schwanewede.

Das war die glanzvollste Epoche Schwedens, als in der Zeit des Rokoko König Gustav III. in Stockholm regierte, jener jugendliche, kunstbegeisterte König, nach dem seine Zeit als das Gustavianische Zeitalter bezeichnet wurde und der bei einem Maskenball der Mörderhand einiger Adliger zum Opfer fiel, ein Ereignis, das Verdi zum Inhalt seiner Oper Ein Maskenball nahm. Eine der hervorragendsten Künstlerpersönlichkeiten, ein Genie als Dichter, Lautensänger, Komponist und Schauspieler am Hofe des Königs war Carl Michael Bellman, dessen Hauptwerke, die Fredmans Episteln und Fredmans Lieder, in die Weltliteratur eingingen. Sie trugen ihm aus dem Munde seines Königs den ehrenden Beinamen des schwedischen Anakreon ein. Er lebte in Stockholm von 1740 bis 1795 und hat seine Vaterstadt niemals verlassen.

Studiert man die schwedische Fachliteratur, so stößt man immer wieder auf den Hinweis, daß Bellmans Familie aus Deutschland, genauer gesagt aus der Gegend von Bremen stamme. Bisher aber fehlte es an Versuchen, über seine deutschen Vorfahren Näheres in Erfahrung zu bringen. So blieb die älteste Urkunde, die bisher über die Familie des Dichters bekannt war, ein Protokoll aus dem Jahre 1663 über das Ersuchen eines Schneidermeisters Martin Bellman auf Zubilligung des Stockholmer Bürgerrechts. Dieser Martin Bellman war der Urgroßvater des Dichters, der um 1660 mit der Zuwanderung nach Stockholm den Schlußpunkt hinter seine Wanderschaft als Schneidergeselle setzte.

Von Martin Bellman führt eine gerade Linie über den Großvater des Dichters Johann Arent Bellman, der sich vom Schneidermeisterssohn zum Lateinprofessor und Rektor der Universität Uppsala emporarbeitete, und über Carl Michaels Vater, der ebenfalls die Vornamen Johann Arent trug und als Hofkanzleibeamter seinem König diente, bis zu Carl Michael Bellman selbst.

In dem Einbürgerungsprotokoll vom 20. Januar 1663 heißt es: Meister Martin Bellman, Schneider, geboren im Stift Bremen, erschien mit dem Begehren, das Bürgerrecht zu erhalten, welches ihm nicht verweigert werden konnte, weil er mit seinem Handwerk ordentlich und klar war und gute Fürsprache seiner Berufsbrüder hatte.

Hauptsächlich auf dieses Protokoll konnte sich die Annahme der deutschen Herkunft stützen, obwohl hierin leider weder der genaue Geburtsort im Stift Bremen, noch ein genauer Geburtstag oder die Namen der Eltern des Schneidermeisters angegeben sind. Bei dem Stift Bremen handelt es sich um jenes Gebiet des ehemaligen Erzbistums Bremen, das zusammen mit dem südlich angrenzenden Fürstentum Verden als Folge des Dreißigjährigen Krieges im Westfälischen Frieden von 1648 schwedisches Territorium geworden war. Der Herkunftsort des Schneidermeisters konnte also irgendwo zwischen der Mündung der Weser und der Elbe gelegen haben. Auch hier behebt alle Zweifel eine Eintragung im Kirchenbuch der Deutschen Gemeinde von Stockholm, die nur wenige Wochen nach der erfolgten Einbürgerung mitteilt, daß am 10. Februar 1663 Bellman, Marten, von Schwaneweven aus dem Herzogtumb Bremen, Bürger und Schneider allhie, mit Jungfrau Barbara Klein, Herrn Johann Klein, dieser löblichen Gemeine Eltesten, ehelicher Tochter die Ehe geschlossen habe.

Der hier eindeutig genannte Ort Schwanewede wurde somit zum Ausgangspunkt weiterer Nachforschungen. Zu der Zeit, als Martin Bellman nach beendeter Lehre als Schneidergeselle durch Deutschland und Frankreich auf Wanderschaft ging, die er in Schweden beendete, bestand Schwanewede nur aus drei Gutshöfen der adeligen Familie v. Schwanewede und einer geringen Anzahl von Bauernhöfen Leibeigener. Die Herren von Schwanewede hatten diese Bauern entlang einer Straße angesiedelt, die durch ein sumpfiges Gelände über einen Bach führte und den Namen Auf dem Damm trug, den sie noch heute hat. Dort liegt auch bis zum heutigen Tag noch eine Reihe der gleichen Bauernhöfe wie schon vor 300 Jahren.

Erfolglos waren zunächst die Versuche, Martin Bellmans Herkunft aus Schwanewede und das Datum seiner Geburt oder Taufe urkundlich aus den Kirchenbüchern zu belegen und im Staatsarchiv Bremen aus den Akten der Schneiderzunft Näheres zu entdecken. So blieb nur noch die Hoffnung, Spuren der deutschen Vorfahren des Dichters Bellman in Urkunden zu finden, die im Niedersächsischen Staatsarchiv in Stade aufbewahrt werden. Sämtliche Archivalien aus der Schwedenzeit des vormaligen Erzbistums Bremen befinden sich nämlich dort, weil die befestigte Stadt Stade unweit der Elbemündung Sitz des schwedischen Statthalters war, denn die Stadt Bremen selbst war nicht schwedisches Hoheitsgebiet geworden. Und tatsächlich fand sich hier für Schwanewede ein im Jahre 1640 aufgestelltes Schatzregister, in dem man zu steuerlichen Zwecken eine Bestandsaufnahme aller Gebäude und des Viehs vorgenommen hatte. Dieses Schatzregister trägt die Überschrift: Verzeychniß weylandt Arent und Jürgen von Schwanewedelx Meyer und Köther auff dem Damme daselbst, und in der folgenden Aufzählung der PflugKaten, die mit 4 Pferden und Pflug dienen, liest man in der dritten Zeile, daß ein leibeigener Bauer Arent Bellmer 5 Vachhauses, 4 Vachschauren, 5 Pferde, 6 Kühe und 30 Schafe sein Eigen nannte, also immerhin einen recht ansehnlichen bäuerlichen Besitz! Dabei ist mit den fünf Fachwerkhäusern und den vier Fachwerkscheunen allerdings nicht etwa die Anzahl der Gebäude gemeint, sondern ihre Größe charakterisiert, denn man zählte hier bei jedem Haus die Anzahl der Fächer, das heißt den Zwischenraum zwischen den Pfosten, die das Dach trugen. Aus der üblichen Länge der tragenden Balken ließ sich die Größe des Hauses abschätzen.

Der Name des leibeigenen Bauern Arent Bellmer in diesem Schatzregister war der erste Fingerzeig, der die Richtigkeit der Herkunftsangabe durch den Urgroßvater des Dichters bestätigte, wenn auch der Name Bellmer nur eine allerdings große Ähnlichkeit mit dem Namen Bellman erkennen ließ. Zum Nachweis, daß Carl Michaels Vorfahren in Deutschland mit dieser Bauernfamilie Bellmer identisch waren, bot sich die auffällige Tatsache an, daß sowohl Bellmans Vater, der Hofkanzleibeamte Johann Arent Bellman, als auch sein Großvater, der Universitätsprofessor Johann Arent Bellman, den gleichen, für Schweden sehr ungewöhnlichen Vornamen Arent trugen, der auch der Vorname des Bauern in Schwanewede und seines Gutsherrn Arent v. Schwanewede war. Dieser in Schweden fast unbekannte Vorname hatte in der Bellman-Fachliteratur auch bereits Kopfzerbrechen verursacht und die Vermutung aufkommen lassen, der Name Arent sei in der streng pietistischen Familie Bellman aus Verehrung für den deutschen Pietisten. und Theologen Johann Arndt für ihre Kinder zum Vornamen genommen worden. Die lange Kette des Vornamens Arent vom Vater des Dichters über den Großvater und den Ururgroßvater in Schwanewede ist deshalb sicher ein untrügliches Indiz für die direkte Abkunft des Poeten von dem leibeigenen Bauern. Damit aber wäre zugleich bewiesen, daß der schwedische Anakreon Carl Michael Bellman eigentlich Bellmer heißen müßte. Trotzdem aber besteht natürlich keinerlei Veranlassung, ihn künftig unter seinem eigentlichen Familiennamen weiterleben zu lassen, wenn auch dahingestellt bleiben möge, aus welchem Grunde sein Urgroßvater bei Einwanderung nach Schweden seinen Namen leicht veränderte. Lag der Grund darin, daß das so hart und deutsch klingende Bellmer zugunsten des melodischer und damit schwedischer klingenden Bellman aufgegeben wurde?

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Der Bellmer-Hof in Schwanewede mit der historischen Scheune. Foto: 1969

Erwähnt sei noch, daß auf dem alten Bellmer-Hof gegenüber der alten Kirche von Schwanewede, noch heute eine letzte direkte Nachfahrin der Familie des Dichters, Anneliese Marquart, geb. Bellmer, lebt, und daß neben dem modernen Bauernhause noch eine uralte Scheune von hohen Bäumen beschattet wird, die möglicherweise schon vor 300 Jahren an dieser Stelle gestanden hat.

In gleicher Weise wäre es absurd, aus der deutschen Abkunft des Dichters herleiten zu wollen, er sei ein Deutscher gewesen, denn wer Carl Michael Bellman und seine Dichtungen kennt, der weiß, daß dieser Sohn der Stadt Stockholm wie kein anderer zum Sänger seiner Heimatstadt und ihrer Bewohner, ja des ganzen schwedischen Landes und Volkes geworden ist.

Dr. Peter-Paul Wrede

Abschrift aus: WESER-KURIER vom 17.10.1969, Seite 27

Nachtrag:

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Der Bellmer-Hof in Schwanewede mit der historischen Scheune, die sich wahrscheinlich schon vor der Übersiedlung von Carl Michael Bellmans Urgroßvater Martin Bellmer nach Stockholm hier befand, nach ihrer Restaurierung durch unser Mitglied Claas Marquart. Foto: 2013


PETER-PAUL WREDE (1909-1975)

Bellman-Forscher, Sammler und Übersetzer

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Auf täglichen Zugfahrten von Braunschweig nach Hannover und zurück arbeitete Peter-Paul Wrede in den 50er Jahren an der ersten vollständigen Übersetzung der Episteln und Lieder des Rokokodichters und -sängers Carl Michael Bellman von der schwedischen in die deutsche Sprache. Zu Hause angekommen tippte er zunächst die Manuskripte ab. Er übersetzte nach dem strengen Kriterium, bei möglichst akribischer Worttreue den Rhythmus und die Leichtigkeit der schwedischen Sprache Bellmans beizubehalten. Dazu verglich er in langen nächtlichen Sitzungen seine Texte mit den Tonbandaufnahmen schwedischer Sänger. In schier unendlichen Start-Stop-Wiederholungsschleifen horchte er in Poesie und Musik hinein. Die Anregung zur Übersetzung von Bellmans Liedern und Episteln kam bei Peter-Paul Wrede nicht von der Musik her, sondern vor allem aus Begeisterung für Bellmans Lyrik. “Mein Vater hätte Bellman auch übersetzt, wenn er nur Dichter gewesen wäre”, hebt seine Tochter Jutta Hegemann hervor.

“Schlaf ist eine dumme Angewohnheit”, war ein typischer Ausspruch von Peter-Paul Wrede. So lautete auch der Titel des Vortrags von Margarete Löwensprung über den Bellman-Übersetzer im Rahmen des Bellman-Festes auf der Burg Waldeck am 20. Mai 2006, veranstaltet von der Deutschen Bellman-Gesellschaft e.V.

Peter-Paul Wrede wurde am 19. Juni 1909 in Berlin geboren. Nach dem ersten Weltkrieg hielt er sich auf Einladung des Schwedischen Roten Kreuzes als Berliner Kriegskind in Järdala-Hamra bei Linköping auf. In den Jahren 1921-29 kam er als Austausch-Schüler regelmäßig nach Saltsjö-Järla bei Stockholm.

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Als Schüler und Student sang Peter-Paul Wrede Lieder zur Gitarre, was ihm bei Freunden den Spitznamen Bellman eintrug. Wrede studierte Jura und Zeitungswissenschaften. Nach wenigen Jahren als Werbeleiter in der Industrie war er ab 1935 als Lektor und Referent für Skandinavien am Arbeitswissenschaftlichen Institut in Berlin tätig. 1935 heiratete Wrede, drei Kinder gingen aus der Ehe hervor. 1940 promovierte er in Berlin zum Dr. jur. mit der Dissertation Der Weg zur öffentlichen Verantwortlichkeit der Presse. Nach dem Wehrdienst und kurzer englischer Kriegsgefangenschaft arbeitete er ab 1945 als freier Journalist. Ab jetzt reiste Peter-Paul Wrede wieder häufig nach Stockholm, Värmland und Lappland. In den 50er Jahren war Wrede Sachbearbeiter im Industriedezernat der Industrie- und Handelskammer in Bielefeld und wissenschaftlicher Begleiter von Studienreisen nach Skandinavien. Dann folgte von 1960-74 seine Tätigkeit als Ministerial-Pressereferent in der Pressestelle der Niedersächsischen Landesregierung in Hannover.

Peter-Paul Wredes Töchter berichten über ihren Vater, dass er eine herausragende umfassende Allgemeinbildung besaß, sehr viel Zeit mit Lesen verbrachte und viel Geld für antiquarische Bücher ausgab. Journalistische, bibliothekarische und archivarische Neigungen und Fähigkeiten ließen ihn ruhelos forschen, sammeln und aufzeichnen. Zur Familiengeschichte sowie dem Leben und Werk Carl Michael Bellmans legte Peter-Paul Wrede ein umfangreiches Archiv an, das neben seinen eigenen Forschungsarbeiten viele Bücher, Zeitschriftenartikel, Schallplatten und Tonbänder in schwedischer und deutscher Sprache enthält. Mit Leidenschaft sammelte er Aufnahmen aller bekannten Bellman-Interpreten. Jede neue Aufnahme trug er sorgsam in Tabellen ein. Darüber hinaus stellte er Textvergleiche verschiedener Übersetzungen und Nachdichtungen von Bellmans Versen an. Alle Archivalien wurden auf Karteikarten und in Oktavheften akribisch genau verzeichnet. “Rauchend und mit viel kaltem, schwarzem Kaffee saß mein Vater unermüdlich an seinem Schreibtisch. Er lebte am liebsten ungesund, war aber nur sehr selten ernsthaft krank”, berichtet Jutta Hegemann, geb. Wrede.

1950 begann Peter-Paul Wrede mit den Bellman-Übersetzungen “für sich selbst”, wie seine Tochter heute erinnert. 1954 gründete Wrede die Deutsch-Schwedische Gesellschaft in Bielefeld. 1971 vollendete er seine Übersetzung sämtlicher Fredmans Episteln und Lieder. Jahrelang suchte er für sein Werk – bestehend aus 600 Seiten Text, Notenteil und Melodien auf Tonband – einen Verleger. 1973 ließ er eine handwerklich schön gebundene private Prachtausgabe mit Notenteil und Tonband anfertigen, gewidmet Seiner Majestät dem König Gustav von Schweden. Wredes Verhandlungen mit Verlagen blieben aber weiter ohne Erfolg. Als Begründungen für die Ablehnung der Manuskripte nannten Lektoren und Verleger die “mangelnde Bekanntheit Bellmans”, “zu aufwändige Gestaltung mit Notenteil und Tonträgern” sowie bereits getätigte Vertragsabschlüsse mit Schwarz, Graßhoff oder Zuckmayer. Wrede führte umfangreiche Briefwechsel auf deutsch, schwedisch und englisch mit diversen Verlagen, Zeitungsredaktionen, Rundfunkanstalten, Institutionen, Bibliotheken, Künstlern und Freunden, darüber hinaus mit seinen Mitstreitern in der Herren-Künstlervereinigung Schlaraffia, bei deren Sitzungen er gern seine Verse vortrug. Nachdichtungen, die sich nicht eng an die schwedische Vorlage hielten, kritisierte Wrede in seinen Briefen mit Leidenschaft. Um Bellmansänger, -forscher und -freunde auf sein Werk aufmerksam zu machen, scheute Wrede keine Kosten und Mühe. Er schrieb an Carl Zuckmayer, Graßhoff und Carl Raddatz, korrespondierte mit Paul Britten Austin, Jerker Engblom, Karl Wolfram und Hai & Topsy Frankl, um ein paar Beispiele zu nennen.

Ein Höhepunkt, der bereits in den 60er Jahren stattfand, war die erste offizielle Einladung Wredes nach Stockholm. Am 20. Januar 1965 hielt er auf Einladung vom Germanistenverein des Deutschen Kulturinstituts (Zweigstelle des Goethe-Instituts München) im Studentenheim Nyponet in Stockholm den Vortrag Hundert Jahre Carl Michael Bellman in deutscher Sprache. Da Wrede selbst kein guter Sänger war, bat er den schwedischen Sänger Bo Sundblad, die Bellman-Lieder auf deutsch zu singen. Obwohl Peter-Paul Wredes Bellman-Übersetzungen in Schweden und Deutschland großes Lob ernteten und viele Lieder und Episteln von Carl Michael Bellman mit der Wrede-Übersetzung erstmalig in deutscher Sprache vorlagen – allein über 30 Erstübersetzungen von Fredmans Liedern – , wurden nur wenige von Peter-Paul Wredes Übersetzungen auf Schallplatten und in Rundfunksendungen veröffentlicht oder in Konzerten aufgeführt. Er litt seelisch und gesundheitlich immer mehr an Zurückweisungen und Nichtanerkennung seiner großen Leistung. Abgesehen davon musste der Autor ständig um die Tantiemen für Musikproduktionen kämpfen. 1973, kurz vor dem Tod Gustav VI. Adolf, erhielt Peter-Paul Wrede die Anerkennung des schwedischen Königs für sein Lebenswerk. Am 3. November 1975 verstarb Peter-Paul Wrede nach schwerer Krankheit.

Margarete Löwensprung


Abschrift aus: www.klangfiguren.de/bruecke_wrede.htm
Mit freundlicher Genehmigung von Margarete Löwensprung, Wrede-Archiv


AUS FREDMANS EPISTEL Nr. 1

Übertragen von Peter-Paul Wrede

1.
Prosit bei Nacht und Tag!
Wieder ein neu’ Gelag!
Netz’ Deine Asche!
Her Branntweinflasche!
Folgt Bacchus nach!
Prosit bei Nacht und Tag!
Woll’n bei Cajsa Stina trinken!
Seht, wie ihre Flaschen blinken!
Liebste, her den Becher!
Liebste, her den Becher! – Lache,
Lach’ und trink’, wie ich es mag!

4.
Prosit! Ein Hoch dem Trank!
Mein Sorgentag ist lang!
Schlank sind Bouteillen!
Trommelt Reveillen!
Und wieder Becherklang!
Mein Sorgentag ist lang!
Cajsa Stina, zapf das Faß hier!
Ach mein Herz klopft ohne Maß mir!
Fülle schnell mein Glas mir!
Fülle schnell mein Glas mir! – Bruder,
Denn sonst wär’s mein Schwanengesang!


Quelle: LP Hai und Topsy, Carl Michael Bellman,
Happy Bird Musikproduktion, 1975



Bellman und die Musikinstrumente – Teil 2

BELLMANS CITHRINCHEN

Wenn man sich mit Bellman beschäftigt, stößt man schnell auch auf das Cithrinchen, das er gespielt habe. Es ist – damals wie heute – schon wegen seiner Form ein nicht alltägliches Musikinstrument. Bevor wir uns Bellmans Cithrinchen näher ansehen, betrachten wir kurz allgemein diese Instrumentenart:

Vom Wort her ausgehend ist “Cithrinchen” oder “Citrinchen” eine Verkleinerungsform der Cister. Und in der Tat ist das Instrument eine kleine Cister. Nach der Laute war die Cister das weitverbreitetste Zupfinstrument der Renaissance. Sie war immer mit Drahtsaiten bezogen und wurde bis weit in das 17. Jahrhundert hinein ausschließlich mit einem Plektrum gespielt. 1 Die Cister wurde im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend in bürgerlichen Haushaltungen benutzt und fand dank ihrer verhältnismäßig leichten Erlernbarkeit als Volksmusikinstrument Verbreitung. 2 Zur Illustration der Wertigkeit sei Johann Mattheson zitiert, der 1713 in Hamburg schrieb:

Wir wollen (…) die platten Guitarren aber mit ihrem Strump den Spaniern gern beym Knoblauch-Schmauß überlassen (…), die reisenden Pandoren werden den altfränkischen Lieder-Leuten geschencket; die wiedrige Cittern und das abgeschmackte Citrinchen, alias Huhr-Laute, den Kindern empfohlen… 3

Was genau ist nun ein Cithrinchen?

Das Cithrinchen ist ein kleines Zupfinstrument, dessen Charakteristikum ein dem Querschnitt einer Glocke ähnlicher Umriss ist und mit fünf Chören doppelter Metallsaiten bezogen ist. Boden und Decke sind leicht gewölbt, die Zargen verjüngen sich vom Hals aus nach unten… 4

Die weitere wissenschaftliche, detailreiche Definition und Beschreibung will ich uns ersparen. Wissenswert ist, dass diese Art von Instrument vermutlich in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand und in der zeitgenössischen Literatur auch als “Hamburger Cithrinchen” benannt wird. So heißt es z.B. auch in der “Musicalischen Gemüths-Ergötzung” von Jacob Kremberg 1689:

An statt der Guitarre kann man auch ein Hamburger Citringen / so mit fünff Chören ist / gebrauchen / welche ich in Niederland an vielen Orthen gefunden habe / darauff man denn alle Sachen eben so gut als auf der Guitarre mit den Fingern tractieren kann. 5

Wegen der dem Querschnitt einer Glocke ähnelnden Form wird sie auch als “bell cittern” bezeichnet.

Vielfach war in Musikhistorikerkreisen die Rede davon, dass der Instrumentenbauer Joachim Tielke (1641 - 1724) der Erfinder des Hamburger Cithrinchens gewesen sei, weil das älteste aller heute bekannten Cithrinchen eben aus dem Jahr 1676 von Tielke stammt. Hellwig vermutet in seinem Buch über Tielke 6 jedoch, dass die Erfindung des Cithrinchens eher auf den Instrumentenbauer Hinrich Kopp zurück geht, dessen Instrumente verhältnismäßig schlicht gearbeitet sind.

Die Frage, warum man dieses Instrument überhaupt entwickelt hat, lässt sich schwer beantworten. Es gab Mitte des 17. Jahrhunderts eine Fülle von Cister-Modellen, die verschiedenen Nutzerwünschen nachkamen. Klanglich macht es keinen Sinn, ein Instrument in der Form des Cithrin-chens zu gestalten. Lediglich die relative Kleinheit gibt den Hinweis, dass man es als zierliches Reiseinstrument benutzt hat. Dem widerspricht allerdings die prachtvolle Ausgestaltung der Instrumente bei Tielke.

Über die Stimmung des Instruments sei hier nur so viel gesagt, dass anhand von französischen Tabulaturen für das Hamburger Cithrinchen durch Hellmuth Christian Wolff 1957 eine Stimmung c e g h e’, also eine Terz-Quint-Stimmung abgeleitet werden konnte. Neuere Forschungen meinen: 7 ... dass die in der Regel angegebenen Stimmungen (höchste Saite = e’) sehr mit den Diskantmensurierung in Widerspruch geraten.

Aus den Angaben zur Besaitung in einer Tabulatur schlussfolgerten Dieter Kirsch und Lenz Meierott 8 nach Versuchen folgende Stimmung: b d f a d’, also einen Ton tiefer als die von Wolff angegebene. Auf jeden Fall unterscheiden sich diese Stimmungen deutlich von den in der Renaissance gebräuchlichen offenen Cister-Stimmungen.

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Abb. 1

Historische Hamburger Cithrinchen finden sich belegt in der Zeit zwischen von 1676 bis 1769. 9

Zur Verdeutlichung von Bauart und Stil nebenstehende Abbildung:


DIE GESCHICHTE DES CITHRINCHENS VON BELLMAN

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Abb. 2

Die Geschichte des Instrumentes, das heute im Stadtmuseum von Stockholm liegt, und dem zugeschrieben wird, dass es Bellman besessen hat, ist hochinteressant und dennoch in manchen Phasen lückenhaft. Ich versuche hier eine Darstellung der bekannten Fakten:

Damit wir die Geschichte des Cithrinchens verstehen, müssen wir uns zunächst in der Familiengeschichte der Bellmans umschauen. Beginnen wir bei dem Großvater von Carl Michael:

Johan Arndt Bellman wurde 1664 in Stockholm geboren. Die Eltern waren Deutsche, der Vater Martin Bellman, Schneider, stammte aus der Bremer Region und heiratete 1663 Barbara Klein.

Man bemerkte sehr früh die musische Begabung von Johan. Er sang, spielte mehrere Instrumente, und wirkte als Kind in der königlichen Kapelle, Karls XI. Hofkapelle, mit. Seine Begabung, Intelligenz und Leselust waren so überzeugend, dass die Eltern trotz ihrer begrenzten Vermögenslage ihn nach Uppsala sandten, um ihm dort akademische Studien zu ermöglichen. Er wurde 1678 an der Universität eingeschrieben und bekam bald ein Stipendium für fünf Jahre. Neben dem Studium war er als Musiklehrer bei Familien in Uppsala tätig. Auf mehreren Instrumenten soll er virtuos und ein guter Sänger gewesen sein. 1685 nach dem Tod seines Vaters zog die Mutter Barbara Bellman mit ihrer Tochter Margareta nach Uppsala, wo sie wahrscheinlich eine Wohnung mit Johan teilten und ihm den Haushalt führten.

1694 wurde Johan Studienrat an der philosophischen Fakultät der Universität in Uppsala, und 1698 wurde ihm angeboten, als Lehrer und Reisebegleiter einen jungen Studenten, den Grafen Herman Fleming, auf einer längeren Auslandsreise zu begleiten. Dieser war der einzige Sohn von Claes Fleming, der 1685 gestorben war und ein großes Vermögen hinterlassen hatte. Die Reise ging über Dänemark nach Deutschland, durch die Schweiz nach Rom, dann nach Frankreich, in die Niederlande inklusive dem heutigen Belgien und schließlich nach England. Johan Arndt hat in Deutschland, die Vermutung liegt nahe, dass es in Hamburg war, ein Cithrinchen erworben, welches als Reise-Instrument recht handlich war. Nach fast zwei Jahren im Ausland kam der arme Magister Bellman als Weltmann nach Hause. Während der Reise wurde er am 27. Juni 1699 von der Universität in Uppsala zum Professor für Römische Rhetorik und Poesie ernannt. Zu seinen Qualifikationen zählte man Schriften zu verschiedenen Themen mit dem Schwerpunkt Rhetorik. Er war vertraut mit toten und lebendigen Sprachen: Latein, Griechisch, Hebräisch, Deutsch, Französisch, Flämisch, Italienisch und Englisch. Er wurde beschrieben als eine sanfte und feinfühlige Person.

Margareta blieb in Uppsala wohnen, und wahrscheinlich teilten sie sich eine Wohnung, als Johan von der Reise zurück kam. 1702 erwartet sie ein Kind von dem 18jährigen Studenten Olof Brandberg. Margareta blieb, soweit man weiß, unverheiratete Mutter.

1704 wurde die Hochzeit zwischen Johan Arndt und Catharina Daurer, 17 Jahre alt und in einem wohlhabenden Heim auf Södermalm aufgewachsen, gefeiert. Doch das Glück sollte nicht lange halten: fünf Jahre später im Herbst 1709 stirbt Catharina Bellman, und Johan Arndt ist nun alleine mit drei kleinen Kindern. Ein paar Monate später stirbt er selbst während eines Besuchs in Stockholm.

Ein guter Freund von Professor Bellman, Professor Johan Upmarck, erwirkte ein Gnadenjahr für die Kinder. Danach wurde Catharina, auch Cajsa genannt, bei den Großeltern Daurer untergebracht. Vermutungen, dass auch die beiden Brüder Jacob und Johan Arndt d.J. dort aufwuchsen, konnten nicht bestätigt werden. Wo sie aufwuchsen, konnte man bisher nicht feststellen, da Angaben aus diesen Jahren fehlen. Es ist denkbar, dass sie in verschiedene Heime kamen, und dass dies auch der Grund ist, warum sie sich als Erwachsene so verschieden entwickelten. Eine Vermutung ist, dass Margareta Bellman (also die Schwester des Vaters) sich um die Brüder kümmerte. Wir haben auch keine Angaben über ihr Schicksal, ob sie heiratete, wann sie starb, und ob ihr Sohn das Erwachsenenalter erleben durfte.

Man kann davon ausgehen, dass, als 1710 das Heim an der Björngårdsbrunnsgatan in Uppsala aufgelöst wurde, ein urteilsfähiger Mensch die Interessen der Kinder bewachte und wertvolle Dinge und Erinnerungen an die Eltern in seine Obhut nahm, dazu gehörte ein Portrait von Johan Arent Bellman und jenes Cithrinchen. Als dann die drei Geschwister aufgewachsen waren, wurde Johan Arndt der Jüngere der Erbe des Cithrinchens. 1739 heiratete Johan und bekam viele Kinder, die vielleicht wie Carl Michael auf dem alten Instrument zu spielen lernten. Alt war es in der Tat, denn als Carl Michael 1740 geboren wurde, war das Instrument bereits ca. 45 Jahre alt.

Verschiedene Bellmanforscher schrieben dazu: 10

(S. 122, Stålhane:)
“Schon als Knabe lernte der Dichter dieses Instrument zu spielen und wurde bald so geschickt, dass er auch Unterricht im Spiel auf der Cittra gab.”

(S. 48, Carlén:)
“Allgemein war es aber die Mandoline und die Laute, die er gerne selbst spielte. Aber auf der genannten Cittra war er in jüngeren Jahren sein eigener Lehrer.”

(S. 77, Fryxell:)
“Im Elternhaus gab es eine Cittra, die der Großvater aus Italien mitgebracht hatte. Auf dieser lernte jetzt der Enkel Carl Michael schon im Knabenalter zu spielen und selbst Melodien hervorzubringen.”

Man kann erkennen, dass nicht alle Aussagen in Einklang zu bringen sind. Auf jeden Fall ist die häufig in zusammenfassenden Biographien zu lesende Aussage, dass Carl Michael das Cithrinchen von seinem Großvater geerbt hat, so nicht richtig, denn er hat seinen Großvater nicht mehr kennengelernt.

Carl Michael schreibt in seiner Lebensbeschreibung in einer längeren Episode über den Sommer 1759 (als er 19 Jahre alt war): 11

Nachdem ich einige Stunden die Yachten betrachtet hatte,…kam der berühmte lateinische Sänger Lövensköld daher zusammen mit dem berühmten Sprecher des Reichstages von 1756, Bedinus Renhorn, um an Bord einer Yacht nach Arboga zu gehen, wo er sein Amt als Bürgermeister antreten sollte. Ich hatte seine Tochter….im Zitherspiel unterrichtet, selbst spielte ich dieses Instrument damals unvergleichlich gut. Dieser unbedeutende Umstand führte dazu, dass der Herr Bürgermeister mich einlud in die Kajüte zu kommen, was ich auch tat…

1763 musste Carl Michael wegen seiner Verschuldung nach Norwegen fliehen. Als er zurück kam, wohnte er bei den Eltern. Er erlebte die Krankheit und den Tod der Mutter und das Hinscheiden des Vaters. Er müsste anwesend gewesen sein, als das Heim seiner Jugend auf einer Auktion verkauft wurde. Ein Verwandter oder Freund der Familie kann dann die Kostbarkeiten der Familie erstanden haben. Aber es ist weder selbstverständlich noch belegt, dass Carl Michael zu dieser Zeit Besitzer des Instruments wurde.

Am 4. Dezember 1769 war Johan Gabriel Oxenstierna bei einer Abendgesellschaft zugegen, bei der auch Bellman auftrat. Oxenstierna hat darüber in seinem Tagebuch geschrieben und Austin hat dies in seinem Buch m.E. sehr stark ergänzt, so dass man nicht mehr wirklich erkennen kann, was von Austin und was von Oxenstierna ist. So beschreibt Austin z.B. die Oxenstierna’sche Schilderung u.a. wie folgt: 12

Vielleicht steht er zuerst ein wenig abseits, in Gedanken versunken und zieht an seiner leeren Pfeife. Aber dann, nach dem die Gesellschaft den Erfrischungen zugesprochen hat, nimmt Bellman einen Stuhl und stellt ihn mitten ins Zimmer vor einen Tisch, “auf dem verschiedene Dinge liegen, die er zur Begleitung braucht.” Sein Cithrinchen, ein kleines mit Perlmutt eingelegtes Instrument, das sein Großvater vor vielen Jahren aus Italien mitgebracht hatte, liegt auf seinen Knien. Erwartungsvolle Stille breitet sich über die Gesellschaft aus, der Sänger legt seine Pfeife von sich und beginnt das Instrument mit großer Gewissenhaftigkeit zu stimmen. In diesem Stadium der Vorbereitung, sagt ein Augenzeuge, kann die kleinste Störung, “und seien es nur ein paar vorbeifliegende Tauben oder ein paar leise gemurmelte Wörter, ihn aus der Stimmung bringen.

Wie gesagt, ist dies eine sehr ausschmückende Beschreibung. Im Originaltext Oxenstiernas (nachfolgend in Übersetzung) heißt es: 13

Montag, der 4.Dezember 1769

Bergklint und Kexel kamen zu mir und überredeten mich, sie zu Kommissar Lissander zu begleiten, um Bellmans Späße anzusehen. Ich ging mit, und ich habe in meinem ganzen Leben nicht so gelacht wie heute abend. Bellman hat einen Orden zu Bacchi Ehren gegründet, in den niemand aufgenommen wird, der nicht mindestens zweimal vor aller Augen im Rinnstein gelegen hat. Er sitzt manchmal diesem Orden vor und schlägt einige Kandidaten, die dieser Ehre würdig sind, zum Ritter; heute abend hielt er eine Parentation über einen toten Ritter, alles in Versen, die nach Opernszenen verfaßt sind. Er singt selbst, und er begleitet sich auf dem Cithrinchen. Seine Gesten, seine Stimme, sein Spiel sind unvergleichlich und erhöhen das Vergnügen, das allein schon die Verse bereiten, die immer schön sind, manchmal lustige, manchmal sublime, aber immer neue, starke unerwartete Gedanken enthalten, über die man staunen und außer sich geraten kann vor Verwunderung oder vor Lachen.

Oxenstierna erwähnt also lediglich: Er singt und spielt auf dem Cithrinchen. Leider ist bei Austin auch nicht angegeben, woher er die Tagebucheinträge von Oxenstierna hat. Hier gäbe es sicher Nachforschungsbedarf.

Ca. 1788 schenkte Carl Michael ein Porträt seines Großvaters und das Cithrinchen an Dr. Anders Blad als Bezahlung für unbezahlte Arztrechnungen. Nyström vermutet, daß Bellman bei Gelegenheiten, da ihm ein eigenes Instrumente fehlte, das alte Cithrinchen bei Anders Bald holte.

Von Adolf Bellman, Carl Michaels Sohn, wissen wir, wie es mit der Geschichte des Instrumentes weiterging. Er schrieb in seinen Erinnerungen: 14

Dasselbe Instrument, auf dem er die ersten Fundamente der Musik erlernte, wird noch bei mir verwahrt und ist von meines Vaters Großvater an ihn vererbt worden. Mein Vater schenkte diese Cittra zusammen mit einem Porträt von meinem Urgroßvater (siehe S. 29) an einen seiner innigsten Freunde, Herrn Professor Blad, und damit kam diese Cittra aus der Verwandtschaft heraus, die sie seit einem dreiviertel Jahrhundert besessen hatte. Mehrmals habe ich die Möglichkeit gehabt, diese Familienreliquie bei dem achtungsvollen grauhaarigen Mann zu sehen. Aber jedes Mal, wenn ich meinen innerlichsten Wunsch äußern wollte, das Instrument wieder in die Familie zurück zu führen, hat mein Feingefühl meine Zunge gebunden. Wie groß wurde dann mein Erstaunen, als ich durch den seltsamsten Zufall erfuhr, dass dieses Instrument in ein fremdes Land gewandert war. Ein einziges Mittel verblieb für mich, um es wieder zu gewinnen. Dieses Mittel, das Gebet eines trauernden Erben gelang. Der Besitzer davon, Herr Professor Böcker in Åbo, verzichtete darauf mit einer edlen ungewöhnlichen Selbstentsagung in Bezug auf den hohen Wert, den er für den Besitz ansah. Bald kehrte das geliebte Kleinod wieder und wird von mir als das teuerste, was ich besitze, geschätzt.

Mit der Reise des Instrumentes nach Finnland verhielt es sich folgendermaßen: Professor Blad stand in privaten nicht unbedeutenden Verbindungen zu Professor Böcker in Åbo. Der letztere kam nach Stockholm und Professor Blad äußerte seine Verlegenheit, wie er seine Verbindlichkeiten gegenüber Böcker wieder gut machen könnte. Böcker, ein großer Bewunderer von Bellman, wollte kein Honorar für die gemachten Dienste, aber äußerte bei einem Besuch bei Blad seine Achtung vor Bellman und schätzte Blad glücklich, eine so teure Erinnerung wie die besagte Cittra des verstorbenen Dichters zu besitzen. Blad froh, in irgendeiner Art seine Anerkennung zeigen zu können, entschloss sich, Böcker zum Besitzer der Cittra zu machen. Und schickte diese zusammen mit einem Medaillon in Gips von meinem Vater Carl Michael Bellman auf einem Fischerboot aus Åbo, um nach Åbo überführt zu werden. Über dies alles war ich unwissend. Ein Jahr danach fragte ein Schiffer aus Åbo, ob ich an seinen Heimatort vorherigen Sommer ein Portrait und eine Cittra geschickt habe. Ich verneinte und fragte zurück, wie er darauf käme. Der Schiffer erklärte dann, dass seine Besatzung diese Sachen in seiner Abwesenheit in Empfang genommen habe, ohne Frachtzettel, und erst bei der Ankunft merkten sie, dass auch die Adresse fehlte. Der Schiffer hatte auf keine Art den Besitzer ausfindig machen können. Da aber der Name Bellman auf der Cittra stand, hat er mich, den er kannte, als Absender angesehen. Noch ahnte ich nicht, dass sie dieselbe Cittra war, die Professor Blad besessen hatte, sondern glaubte, dass sie eine größere Cittra war, die mein Vater in den späteren Jahren benutzt hatte, und die nach dem Tod meines Vaters nie mehr auftauchte. Ich annoncierte in den Zeitungen mit der Bitte, dass der Absender sich bei mir melden sollte. Professor Blad kam, und das Rätsel wurde zu meiner großen Überraschung geklärt.”

Im Protokoll von Bellmanska Sällskapet vom 4. Februar 1825 über das Ritterkapitel zur Geburtstagsfeier für Carl Michael Bellman, Snillets Son och Glädjens Fader, lesen wir: 15

Eingeführt im Capitel, besichtigt und gebührend angestimmt wurde ein vorzeitliches Saiteninstrument, genannt Cithara, auf welchem der leibliche Professor Bellman, Großvater des großen Carl Michael Bellman, zu Lebzeiten vor mehr als 100 Jahren in der Stadt Roma im Welschland höchst eigenhändig gespielt und unterrichtet hatte, und man wunderte sich nicht darüber, daß Apollos erstgeborener Sohn wie Orpheus älterer Bruder einen edlen Virtuosen zu seinen leiblichen Vorfahren gezählt hat. Aber man ehrte mit Entzücken die ziemlich wohlerhaltene Reliquie.

Die ziemlich wohlerhaltene Reliquie, so schreibt Nyström in ihrem Heft,

das ist eine wertvolle und bemerkenswerte Angabe über das alte Instrument. Nach 130 Jahren, wo es u.a. während Reisen durch Europa genutzt wurde, gerettet vor dem großen Brand in Uppsala 1702, aufbewahrt an einem unbekannten Platz, bis Carl Michael und wahrscheinlich auch seine Geschwister als Kinder darauf spielten und dann während eines Jahres auf einem Fischerboot aus Åbo gelegen hat, sollte es ziemlich wohlerhalten sein?

Als am 26. Juli 1829 auf Djurgården Bellmans Statue enthüllt wurde, lag das Cithrinchen am Fundament, umhüllt von einem Lorbeerkranz. Als der König und die Kronprinzessin ankamen, wurden Lovisa Bellman und Adolf ihnen vorgestellt und saßen danach auf der Ehrenempore zusammen mit Dr. Blad.

Adolf Bellman starb bei einem Badeunfall 1834. In seinem Nachlassverzeichnis war kein Cithrinchen enthalten, auch nicht 1847 nach dem Tod seiner Frau Maria. Mit Adolf verlor Lovisa den letzten ihrer Söhne: Gustaf, geb. 1781, war 1808 in Napoleons Krieg gegen die Spanier gefallen; Elis, geb. 1785, war als kleines Kind gestorben, Carl geboren 1787 wurde Sergeant in der schwedischen Marine, aber erbat 1803 Urlaub, um ein Jahr Auslands-Seefahrt zu machen. 1804 kam aus Nantes ein Gesuch auf Verlängerung, geschrieben von einer nicht namentlich genannten Person. Carl war damals 17 Jahre alt.

Einige Jahre von geistiger Verwirrtheit waren Adolfs Tod vorausgegangen, als er wechselweise glaubte, reich zu sein und manchmal ruiniert. Wenn wir Atterbom folgen, so hat Adolf Bellman vor seinem Tod, 1834, das Cithrinchen entweder verkauft oder verschenkt, vermutlich im Jahre 1830.

Nun kommt Dr. Minton ins Spiel: Seit Beginn des Jahres 1841 wirkte er als Chirurg und Spezialist für Augenkrankheiten in Stockholm. Thomas Minton hatte seine Praxis in der Drottninggatan 20, nicht weit weg von der Wohnung von Maria Bellman, wohin sie nach dem Tod von Adolf gezogen war. Er pflegte sie während der letzten Krankheitszeit. Sie starb an Krebs 1847, einige Monate nach Lovisa Bellman. Maria hatte Dr. Minton zu ihrem Testamentsvollstrecker ernannt. Dies galt sowohl für das Inventar, als auch für die hinterlassenen Notizen von Adolf und das Manuskript von Carl Michael. Im Nachlassverzeichnis ist das Cithrinchen nicht aufgeführt.

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Beschriftung des Cithrinchens

Wann und wie Dr. Minton an das Cithrinchen gekommen ist, ist nicht bekannt. Er wurde aber Besitzer des Instrumentes und übergab es 1850 an die Vitterhetsakademien (Akademie der schönen Dichtung). Zu diesem Zeitpunkt gab es auf dem Instrument eine Aufschrift: Auf dieser Cittra hat Prof. Bellman in Rom gespielt, geerbt von seinem Enkel Carl Michael Bellman.

Dr. Minton behauptete, dass diese Aufschrift von Carl Michael geschrieben wurde. Dies ist eine Behauptung, die man bezweifeln kann.

Wenn Bellman das Instrument 1788 dem Dr. Blad überreicht hat, konnte er ja mündlich erzählt haben, dass es seinem Großvater gehört hat. Das Instrument war offenbar über 30 Jahre bei Dr. Blad. Adolf Bellman besaß es mindestens sieben Jahre und dann war es bei unbekannten Personen für ca. 20 Jahre. Wann und von wem soll die Aufschrift gemacht worden sein? Eine Vermutung ist, dass Dr. Blad sie machte, bevor er das Cithrinchen an seinen Freund in Åbo schickte. Adolf Bellman schrieb in seinen Erinnerungsnotizen, dass der Schiffer ihn aufsuchte, weil der Name Bellman auf dem Instrument stand. Dies muss aber nicht die Aufschrift auf der Vorderseite gewesen sein. Aber es ist glaubhaft, dass Blad, der vielleicht nicht selbst Musiker war, den Wert seines Geschenkes an seinen Gönner Professor Böcker unterstreichen wollte. Ein Vergleich der Proben der Handschriften von Carl Michael Bellman, Anders Blad und Adolf Bellman geben keine Hinweise auf eine Ähnlichkeit. Die von Dr. Minton steht nicht zur Verfügung.

Viele Fragen bleiben offen und ungeklärt. Doch schauen wir uns das Instrument näher an:

Nach einer Untersuchung des Instruments hat Cary Karp, (Kurator für Musikinstrumente der Musikinstrumentensammlung des Musik Museums in Stockholm von 1973 bis 1990) folgendes Gutachten abgegeben: 16

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Abb. 4

Der Typ des Instruments ist sehr nahe verknüpft mit Joachim Tielke, der das derzeit älteste vorhandene Instrument dieser Art gebaut hat. Es trägt das Datum 1676. Besonders die Art des Frauenkopfes zeigt seine Handschrift. Das aktuelle Instrument trägt viele deutliche Zeichen eines nicht besonders geschickt ausgeführten Umbaus. Seine ursprüngliche Form war die eines Instruments mit 5 Paarsaiten. In seiner heutigen Form hat es 4 Paarsaiten plus drei einfache Bass-Saiten. Eine solche Erweiterung im Umfang kann als Angleichung zum schwedischen Geschmack hin angesehen werden. Und auch die Ausführung deutet darauf hin, dass die Arbeit hier im Land ausgeführt wurde. Dass ein ausübender Musiker auf ein Instrument schreibt, in der Art wie es hier der Fall ist, scheint total unwahrscheinlich. Parallele Fälle, auf die man diese Hypothese stützen könnte, fehlen gänzlich.

Mir ist kein anderes Cithrinchen jener Zeit bekannt, das in dieser Art umgebaut wurde und auch nicht, wann und von wem der Umbau erfolgte. Der Instrumentenbauer Lars Jönsson 17 hat 1992 das Cithrinchen ausgemessen und zwei Kopien hergestellt. Die eine ist im Besitz von Martin Bagge, die andere ging an das Bellman-Museum auf Långholmen. Während Martin Bagge sein Instrument wie eine Gitarre, nur eine Quart höher, gestimmt hat, wurde das Instrument im Museum nach einem in der Universitätsbibliothek Lund befindlichen Manuskript folgendermaßen gestimmt: a’, e’, c’, a, f, c, A. 18

Die letzte Information, die ich zu dem Cithrinchen bekommen konnte, stammt von der Kulturseite des Svenska Dagbladet vom 12. Februar 2006 19 , darin heißt es, dass es Streit um die Restaurierung von Bellmans Cithrinchen gibt:

Das im Stadtmuseum verwahrte Instrument sollte schon vor einigen Jahren vom Geigenbauer Lars G. Lundell vermessen und gezeichnet werden. Dieser hatte beim Anschauen des Instrumentes entdeckt, dass es sich in einem bedauernswerten Zustand befindet. Das Holz hatte sich gesetzt, der Deckel war geschrumpft, und das ganze Instrument war fürchterlich schmutzig. Vor allem das Ausstellen des Instrumentes in einer Vitrine mit einer Spot-Light-Beleuchtung hätte dem Instrument geschadet. Es sei ein großer Skandal, dass man einen so wertvollen Kulturschatz nicht repariert. Der finanzielle Aufwand liege etwa bei 30.000 Kronen und die (schwedische) Bellmangesellschaft, Gesellschaft Par Bricole und die Freunde des Liedes hätten Kontakt mit dem Kultusminister aufgenommen. Problematisch seien aber auch die ungeklärten Besitzverhältnisse. Zwar werde das Instrument im Stadtmuseum aufbewahrt, es gehöre jedoch der Kungliga Vitterhetsakademien. Letztere konnte aber bisher in ihren Inventarverzeichnen nicht feststellen, dass sie die Eigentümerin des Instrumentes sei. Gunilla Rehnström-Olander vom Stadtmuseum teilt mit, dass es Aufgabe des Eigentümers sei, das Instrument zu restaurieren. Man habe es 1997 eingehend untersucht und schon damals seien Risse und Schäden vorhanden gewesen.

Eine Nachfrage beim Stadtmuseum über die aktuelle Situation wurde bisher (Stand Februar 2014) nicht beantwortet. 20

Zusammenfassend kann man über Bellman und das Cithrinchen sagen: Zweifelsohne hat sein Großvater ein solches Instrument erworben. Es wurde in der Familie vererbt, und Carl Michael hat es in seiner Jugend gespielt. Es scheint aber nicht sein “Arbeitspferd” gewesen zu sein, sonst hätte er es u.a. nicht 1788 verschenkt. Ob das Instrument, welches als das von Bellman heute im Stadtmuseum in Stockholm zu finden ist, wirklich jenes ist, welches Johan Arndt 1698 erworben hat, kann nicht hundertprozentig nachgewiesen werden.

Jürgen Thelen


1 Vgl.: Andreas Schlegel, Joachim Lüdke: Die Laute in Europa 2, Menzinken (Schweiz) 2011, 144 ff.

2 Vgl.: Andreas Schlegel, Joachim Lüdke: Die Laute in Europa 2, Menzinken (Schweiz) 2011, S. 158

3 Aktuell: Veranstaltungen der Bellman-Gesellschaft

4 Günter Hellwig: Joachim Thielke - Ein Hamburger Lauten- und Violenmacher der Barockzeit, Frankfurt 1980, S. 47

5 Günter Hellwig: Joachim Thielke - Ein Hamburger Lauten- und Violenmacher der Barockzeit, Frankfurt 1980, S. 47

6 Günter Hellwig: Joachim Thielke - Ein Hamburger Lauten- und Violenmacher der Barockzeit, Frankfurt 1980, S. 49

7 www.sim-web.biz/MUSEUM/zist_hamb_cith.htm

8 Kirsch (Hrsg.)/Meierott (Hrsg.) Berliner Lautentabulaturen in Krakau, Mainz 1992, XII

9 Eine Übersicht über die Aufbewahrungsorte der derzeit bekannten historischen Hamburger Cithrinchen findet man unter: www.sim-web.biz/MUSEUM/zist_hamb_cith.htm

10 Impressum → Satzung

11 Zit.: Paul Britten Austin: Carl Michael Bellman. Sein Leben und seine Lieder, München 1998, S. 65

12 Paul Britten Austin: Carl Michael Bellman. Sein Leben und seine Lieder, München 1998, S. 49

13 www.bellman.net/oxenstie.html; deutsch im Vorwort zu: Carl Michael Bellman, Bacchi Tempel, München 2006, S.3

14 Marianne Nyström: Citrinchen & porträtt som tillhört Carl Michael Bellman, o.O. 1990, S. 16

15 Marianne Nyström: Citrinchen & porträtt som tillhört Carl Michael Bellman, o.O. 1990, S. 17

16 Marianne Nyström: Citrinchen & porträtt som tillhört Carl Michael Bellman, o.O. 1990, S. 24

17 www.luthier.se

18 Emailverkehr mit Lars Jönsson 2014

19 www.svd.se/kultur/strid-om-bellmans-instrument_275893.svd

20 Kurz vor Redaktionsschluss für diese Ausgabe der Bellman-Postille traf die Antwort des Stadtmuseums ein. Demnach ist das Instrument Anfang 2014 an das Musik- und Theatermuseum zurückgegeben worden. Über den weiteren Fortgang wurde keine Aussage getroffen.



Bildquellen:

Abb. 1: Wikipedia; Abb. 2: Uppsala universitet; Abb. 3 + 4: Stockholms stadsmuseum.

Impressum:

Aus der Bellman-Postille Nr. 5
Mitteilungsblatt der Deutschen Bellman-Gesellschaft e.V., © Februar 2015

Herausgeber:
Deutsche Bellman-Gesellschaft e.V.

Redaktion:
Walter Barth, per E-Mail:

Beiträge:
Wilhelm C. F. Cohrs, Gabriele Frühwald, Margarete Löwensprung, Hans Ritte, Jürgen Thelen, Peter-Paul Wrede

Bildnachweis:
Walter Barth, Thomas Däbritz, Deutsche Bellman-Gesellschaft, Gabriele Frühwald, Udo Heer, Claas Marquart, Stockholms stadsmuseum, Uppsala universitet, Wikipedia, Wrede-Archiv