Aus der Bellman-Postille Nr. 3
BellmandagenAm 26. Juli 1829 wurde die von J. N. Byström modellierte Büste Bellmans auf der Insel Djurgården am Fuße einer Eiche aufgestellt, an der Bellman oft gesessen haben soll. Von daher rührt auch der Name des nahe gelegenen Wirtshauses Bellmansro (gesprochen Bellmans Ruh). "Bellmans Büste wurde in großer Feierlichkeit von der Gesellschaft Par Bricole enthüllt. Der König, der Thronfolger und Menschen aller Volksschichten waren anwesend. Seit 1829 wird jedes Jahr der 26. Juli in Erinnerung an dieses große Ereignis als Bellmandagen (Bellmantag) gefeiert, als Volksfest mit Musik und Gesang von Par Bricoles Chor rund um die Bellman-Büste. Seit 1893 feiert auch Nordiska Museet jährlich diesen Tag auf Skansen mit festlichen Aufzügen, in denen Bellmans Lieder, gustavianische Tänze und eine Prozession von Bellmanfiguren aufgeführt werden" (Nordisk familjebok). Bellmandagen (früher war die Form Bellmansdagen gebräuchlich) wird auch anderenorts in und außerhalb von Stockholm, wie z.B. in Mariefred/Gripsholm oder in Huddinge/Fållan, um den 26. Juli herum mit Musik und Theater gefeiert.
Erinnerung an Paul Britten AustinVor fast genau zwei Jahren, am 27. Juli 2005, starb Paul Britten Austin. Paul erblickte das Licht der Welt am 5.4.1922 in Dawlish in England. 1951 heiratete er die Schriftstellerin Margareta Bergman, mit ihr wohnte er in dem Stockholmer Vorort Farsta. Zunächst machte er sich einen Namen mit Erzählungen und Essays. Ein besonderes Gewicht legte der begabte Orgelspieler auf die musikalischen Bezüge der Literatur. Wie kein anderer hat er Schwedens Dichtung in der Welt bekannt gemacht: als Schriftsteller, als Übersetzer und als unwiderstehlicher Rezitator, der auch auf CD zu hören ist. Die beste Bellman-Biographie stammt aus seiner Feder. Für seine Verdienste um die Verbreitung der schwedischen Literatur in englischer Übersetzung wurde er mit dem Nordstjärneorden geehrt. 1979 erhielt er für seine Arbeiten von der Schwedischen Akademie den Extrapreis und einen Übersetzerpreis. Was in der Bellman-Szene relativ wenig bekannt ist: Paul war ein hervorragender Napoleonkenner; mehrere umfangreiche Bände stammen aus seiner Feder. Sein Arbeitszimmer war zugleich eine kleine Werkstatt, in der er die Gelände der napoleonischen Schlachten und deren Schlachtordnungen nachbaute. Die Zinnsoldaten, die Standarten, die Uniformen der Soldaten und Offiziere sowie deren Abzeichen hatte er selbst aufgemalt. Eine unvorstellbare Arbeit, für die er eine sehr ruhige Hand und eine Uhrmacherlupe brauchte. Dabei war die schwierigste und langwierigste Arbeit die vorausgegangene Recherche-Arbeit! Im Stockholmer Spielzeug-Museum konnten wir ein Dutzend seiner Arbeiten bewundern. Es ist die gleiche unübertreffliche Perfektion, die auch Austins Bellman-Übersetzungen auszeichnet. K.U. Bellman "in Britten" Der folgende Beitrag wurde abgedruckt in Hwad behagas? N° 1, 2007. Vorher war er in Stockholm Universitets studenttidning GAUDEAMUS Nr 4, 1982, erschienen. Wer sich darauf einläßt, Bellman zu übersetzen, muß über viele mehr oder weniger bemerkenswerte Eigenschaften verfügen. Aber vor allem muß er Geduld besitzen. Unendlich viel Geduld. Das sagt der Bellman-Übersetzer Paul Britten Austin, der für seine Übersetzungen ins Englische zweimal den Preis der Schwedischen Akademie erhielt. Bellman bekam den Preis ebenfalls verliehen, allerdings nur einmal. Als Paul Britten Austin vor 34 Jahren zum ersten Mal seinen Fuß auf schwedischen Boden setzte, war Bellman ihm völlig unbekannt. Der erste Kontakt war eine verkratzte Tonbandaufnahme von Fredmans Gesang Nr. 35, Gubben Noak, gesungen von einem Dänen! Damit begann das Karussell zu laufen. Paul Britten Austin entdeckte, daß die Übersetzungen ins Englische meistens Trinklieder waren, und daß die Übersetzer manchmal eine etwas eigenartige Einstellung zu ihrer Arbeit hatten. Übersetzen mit Bacchi Saft?
Der genarrte Professor Paul Britten Austin gibt auch zu, daß er sich manchmal ein wenig schämt, nicht immer den Farbton wiedergeben zu können, in dem Bellman selbst gemalt hat. Die Farben der englischen Kopie sind vielleicht blasser. Aber Bellman muß es sein, unverkennbar Bellman, das auf jeden Fall! Er erzählt dann, wie sein Freund, der Bellmanforscher Nils Afzelius, nach England fuhr, im Gepäck Austins Übersetzung von Fredmans Gesang Nr. 32 Träd fram du nattens Gud, auf handgeschöpftem Papier und in alten Lettern gedruckt. Dieses Kleinod landete in den Händen eines Literaturprofessors in Cambridge, der Feuer und Flamme war, da er glaubte, einen bisher unbekannten englischen Dichter des 18. Jahrhunderts entdeckt zu haben. Die Erfindung des WCs Was sind das für Probleme, auf die man beim Übersetzen stoßen kann? "Die sprachlichen Aspekte sind unerhört wichtig. Bellman war ein Kind seiner Zeit; seine Sprache desgleichen. Viele der heute altertümlich wirkenden Ausdrücke und Wörter, die bei Bellman vorkommen, haben im Englischen jener Zeit ihre eigenen, saftigen Entsprechungen. Und genau diese hat man zu suchen. Manchmal kann man von einem Wort in die Irre geführt werden. Ich hatte einmal eine längere Auseinandersetzung mit Carl Michael betreffend das Wort crap (Schiet), ich brauchte eigentlich einen Reim auf up später entdeckte ich, daß das englische Wort crap sich ableitet von dem Namen eines gewissen Herrn Krapp, der in Deutschland im 19. Jahrhundert das Wasserklosett erfunden haben soll. Aber wir befanden uns ja im 18. Jahrhundert! Die Reime müssen treffend sein falls ein reiner Reim fehlt, darf man unreine Reime verwenden. Ein anderes Problem ist, daß das Schwedische eher eine trochäische Sprache und das Englische eigentlich eine jambische Sprache ist; so wird z.B. aus dem schwedischen huset [ ´ ] in der englischen Übersetzung the house [ ´ ]. Und das bereitet dem Übersetzer die größten Kopfschmerzen, weil er ständig Wörter umstellen muß und durch die geänderte Wortfolge der realistische Zusammenhang leidet." Ist das singbar? Paul Brittens Übersetzungen werden von vielen Sängern gesungen und sind auch auf Platten und CDs aufgezeichnet. Das heißt sicher, daß hohe Anforderungen an das Musikalische gestellt werden?
45 Minuten bis 1 Jahr Noch immer hat Paul Britten Austin nicht alle Episteln und Gesänge übersetzt,und das läßt sich durch die lange Zeit erklären, die der Übersetzer für jedenText braucht. Für Fredmans Epistel Nr. 26 Vår Ulla låg i sängen och sov benötigte er fünf Wochen. Böljan sig mindre rör kam in 45 Minuten zustande,während er für Käraste Bröder, systrar och vänner Epistel Nr. 9 ein ganzes Jahrbrauchte. Es ist sehr wichtig, daß man sich an das hält, was gut ist, und nicht zögert, die eine oder andere Übersetzung in den Papierkorb zu werfen. "Man soll sich nicht ärgern, wenn etwas mißlungen ist. Denn irgendetwas mißlingt ständig ... was nicht heißt, daß man aufhören soll zu versuchen." Paul Britten Austin hofft, daß Carl Michael Bellman von den himmlischen Höhen des Parnaß mit Nachsicht herunterblickt auf die eine oder andere nicht so gut gelungene Wortwahl in einer Übersetzung. Der Übersetzer gibt sich unendlich viel Liebesmühe; Bellman, der ja selbst Gellerts Fabeln ins Schwedische übersetzte, weiß vermutlich, was für ein schwieriges Unterfangen das sein kann. Bengt Jonshult Bengt Jonshult ist Vorsitzender der schwedischen Mozart-Gesellschaft sowie Redakteur von Hwad Behagas?, dem Mitgliedsblatt von Bellmanssällskapet, deren Vorstand er angehört.
Die Deutsche Bellman-GesellschaftDie Deutsche Bellman-Gesellschaft wurde am 4. Dezember 1999 als "Carl Michael Bellman Society zu Berlin e.V." gegründet. Ort des denkwürdigen Geschehens war die Bellman-Bar in Berlin-Kreuzberg. Spiritus rector und treibende Kraft war Dr. Patrick Wilkinson. Außerdem anwesend bei der konstituierenden Versammlung, die von Notar Häusler beurkundet wurde, war der Wirt der Bellman-Bar Andreas Schmidt, außerdem Borghild Niemann, Ankin Häusler, Ursula Menn-Utschick, Klaus-Rüdiger Utschick und damit die Mindestzahl von 7 Gründungsmitgliedern erreicht wurde noch ein inzwischen vergessener Passant. Auch ihm Lob und Dank! Im Jahr 2002 erhielt die Society dann ihren heutigen Namen. Der Gründungstermin war passend gewählt: der 4. Dezember ist der Barbaratag. Es ist der Tag der Schutzheiligen des von Bellman, Hallman und Kexél gegründeten Bacchusordens Par Bricole. Am 4. Dezember 1766 wurde im Hause von Anders Lissander das allererste Kapitel des Bacchusordens abgehalten. Die Zeremonien fanden in den folgenden Jahren jeweils am 4. Dezember ihre Fortsetzung und in Fredmans Sånger Nr. 1-4 ihre Verewigung. Auch die Deutsche Bellman-Gesellschaft feierte einige denkwürdige Feste! Ein herausragendes Ereignis in vollen Hallen waren die Wismarer Bellman-Festtage im Oktober 2003, organisiert und geleitet von unserer 2. Vorsitzenden Borghild Niemann. Darüber wurde ausführlich in der Bellman-Postille Nr. 1 berichtet. Am 4. und 5. Februar 2005 fand auf der Waldeck ein Burgfest zu Bellmans Geburtstag statt, von Jürgen "Jacky" Jacobi-van Beek organisiert und von Pit Klein moderiert. Wir hörten den Tenor Hans Erich Halberstadt, den Sänger und Liedermacher Günther Gall mit dem Gitarristen Konstantin Vassiliev, Dieter Möckel mit Sybille von Soden (Flöte) und Claudia Koch (Cello), und wir bekamen ein szenisches Potpourri serviert von einem Ensemble von acht Instrumentisten und weiteren Mitwirkenden unter Leitung unseres Mitglieds Joachim Buch. Und der schwedische Schriftsteller Ernst Brunner las aus der deutschen Fassung seines Bellman-Romans Fukta din aska, der in mehr als 10 Sprachen übersetzt wurde. Brunner gab dabei auch eindrucksvolle Kostproben seiner Fähigkeit, wie Bellman mit dem Mund und den Fingern die verschiedensten Laute wie etwa Pferdegetrappel auf Pflaster, auf weichem Boden, von schwappenden Wellen usw. zu erzeugen. Sein 526 Seiten umfassender Roman, deutscher Titel Ich lebte von Liebe und Wein, wurde als Jahresgabe an die Mitglieder ausgegeben. Erneut auf der Waldeck trafen wir uns am 19. Mai 2006 im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Organisator war diesmal Ali Kuhlmann. Das dreitägige Bellmanfest zog viele Zuschauer und Zuhörer zur Burg Waldeck (siehe nächsten Artikel). Weitere Bellman-Konzerte fanden anläßlich von Jahresversammlungen statt. Wir erinnern uns an Konzertabende, u.a. auf einem Theaterschiff, in der Bellman-Bar, im Labsalon von Lübars, im Kulturhaus Spandau. Wir hörten Andreas Frye mit dem Klarinettisten Tim Beeger, Achim Maas, das Möckel-Trio, Günter Gall mit dem Gitarristen Konstantin Vassiliev, Thelonius Dilldapp, Bömmes, Jörg Hensel und Hennes & Movitz! Und wer von den Glücklichen, die bei diesen Konzerten dabei waren, erinnert sich nicht an die anschließenden Allsång-Abende mit den unermüdlichen Achim Maas und Martin Bagge? Mit Jörg Hensel und seiner Geige, und Jacky van Beek und seiner Tuba? Die Gesellschaft hat eine Internet-Präsenz: www.bellmangesellschaft.de. Es gibt einen kleinen internen Bereich, wo man z.B. die Adressen der Mitglieder einsehen kann. Und es gibt es einen großen öffentlichen Bereich. Man findet dort eine Bibliographie deutscher Bellman-Bücher und Bellman-Noten sowie eine Diskographie und eine Übersicht über die nächsten Bellman-Konzerte im deutschsprachigen Raum (alles von Uta Helmbold-Rollik bereitgestellt). Man kann nach beliebigen Wörtern in der Fredmandichtung suchen. Man findet eine Übersicht über das gesamte Werk von Bellman. Man findet ein Archiv über bisherige Veranstaltungen (auch Wismar mit Diaschau und Tonaufnahmen), Buchrezensionen, Postillenbeiträge und ein Forum mit Gästebuch und Pinntafel. Und man kann man sich natürlich über die Bellman-Gesellschaft informieren und über die nächste geplante Veranstaltung. Wir halten engen Kontakt zur schwedischen Bellmanssällskapet. Mehrere Mitglieder der schwedischen Bellmanssällskapet und der dänischen Selskabet Bellman i Danmark sind auch bei uns Mitglieder. Bei einer Feier in Stockholm im März 2004, zum Gedächtnis des im Januar verstorbenen Gunnar Hillbom, u.a. mit Bellmanianern aus Finnland und Dänemark, war unsere Gesellschaft ebenfalls vertreten. Die Gesellschaft möchte jährlich eine neu erschienene Publikation an ihre Mitglieder ausgeben. Bisherige Jahresgaben waren: 2002: Beiträge zu Bellman, Heft 1 (Artikel von M. v. Platen, H. Ritte, S. Sørensen und K. Utschick); 2003: Bellmans Singspiel Das Bacchusfest (mit dem von James Massengale redigierten Melodieteil); 2004: Bellmans Singspiel Trauerzeremoniell für Lundholm; 2005: Ernst Brunners Bellman-Roman Ich lebte von Liebe und Wein; 2006: Bellman, Bacchi Tempel (mit einem Vorwort von Lars Lönnroth). Außerdem wurden 2003 und 2004 die ersten beiden Ausgaben der Bellman-Postille versandt.
Bellmanfest auf der Waldeck 2006Ein gutes Jahr nach der so gelungenen Jahresversammlung Anfang Februar 2005 war die Deutsche Bellman-Gesellschaft vom 19. - 21. Mai 2006 erneut auf der Waldeck im Hunsrück zu Gast, und auch dieses Fest wurde ein außergewöhnliches Erlebnis. Ali Kuhlmann hatte alle Register gezogen, hatte alle seine Beziehungen im Himmel und auf Erden spielen lassen und ein Fest zustande gebracht, bei dem alles mitspielte: Das Gästehaus mit seinen Mitarbeitern, die schöne Umgebung und sogar das Wetter. Und natürlich vor allem das Programm. Hochkarätige Musiker und Texter gestalteten den ersten Abend. Zum Auftakt sang Thelonius Dilldapp (Jürgen Thelen) zu seinen historischen Instrumenten, und als Moderator glänzte Pit Klein mit seinen launigen Versen. Dann wartete Jörg Hensel mit einer umwerfenden Neuentdeckung auf: Bellman hatte auf seiner Flucht vor den Schuldeneintreibern mitnichten in Norwegen Unterschlupf gefunden, sondern vielmehr unweit von Berlin, in Lübars. Dort entdeckte Jörg vor Jahren auf einem Dachboden eine Kiste mit angestaubten Manuskripten, lauter Bellmanlieder: "Bellman mit Berliner Schnauze". Diese Lieder sang Jörg nun zur Geige, einfühlsam begleitet von seinem Gitarristen Christian Kühn. Nach dem Konzert ging der Abend an der Bar weiter bis spät in die Nacht hinein mit bündischen Waldeck-Liedern. Das Programm am Sonnabendnachmittag begann mit dem Auftritt des Möckel-Trios, mit Bellman-Liedern im Rokokostil. Dieter Möckel, unser ältester Bellman-Interpret, sang zur Barockgitarre, begleitet von Claudia Koch auf dem Barockcello und Sybille von Soden auf der Traversflöte. Beim Vortrag von Fredmans Epistel Nr. 51, betreffend das Konzert im "Drei Bütten", wirkte gar der Windgott Äolus mit, denn just als Dieter Möckel sang: "Äol kommt mit Sturmeswut, löscht die Fackeln der Nacht ..." da riß der Wind die Fenster auf, und die Regenflut peitschte unter Blitz und Donner in den Saal! Doch Äolus wurde wieder friedlich und still, als Möckel die von ihm komponierten Variationen über das Thema des Haga-Liedes vortrug. Danach berichtete Margarete Löwensprung über das Werk des Bellman-Übersetzers Peter Paul Wrede (1909 - 1975), der als erster in akribischer Kleinarbeit in zwanzig Jahren alle Episteln und Gesänge ins Deutsche übersetzte, aber leider keinen Verleger fand. Sie hat vor kurzem den Wrede-Nachlaß von dessen Familie übernommen und lädt alle Interessierten herzlich nach München ein. Hochinteressant war der Vortrag, in dem Peter Ulrich Hein, ergänzt durch Gert Kreuzer, zwei deutsche Bellman-Romane aus den dreißiger Jahren vorstellte: Werner Jansen "Die Insel Heldentum" und Haro Trüstedt "Schänke, Gott und Saitenspiel". Beide Romane sind von der herrschenden Ideologie jener Zeit nicht zu trennen. In Jansens Roman wird Bellman völlig verzeichnet und völkisch für das Deutschtum vereinnahmt; bei Trüstedt wird ihm keine Gewalt angetan, er wird allerdings in seiner Deutschstämmigkeit gegen das Französische mobilisiert. Am Abend dann ein besonderes "Highlight": Martin Bagge, Günter Gall und Bömmes (Hans Dietrich Mohr) traten zum ersten Mal gemeinsam in einem Konzert auf. Die drei Künstler ergänzten sich wunderbar, es war ein Genuß zu erleben, wie sie einander mit ihrer Spielfreude befeuerten. Dieses Konzert gab wohl den Ausschlag, daß in uns der Wunsch zu reifen begann, dieses herrliche Fest möge keinesfalls "einmalig" gewesen sein. Am Sonntag klang das Fest sachte aus mit "Allsång" in Schwedisch und Deutsch ein wenig wehmütig, doch glücklich gingen wir auseinander. Großen Dank an Ali Kuhlmann und an die Waldecker für die beispiellose Gastfreundschaft. Borghild Niemann, Sybille von Soden
Verse von Pit Klein
Bellmantradition der Burg WaldeckNun war die Deutsche Bellman-Gesellschaft schon zweimal auf der Burg Waldeck im Hunsrück, diesem traditionsreichen Ort kultureller Begegnungen, zu Gast zum ersten Mal zur Jahreshauptversammlung im Februar 2005, und dann wieder im Mai 2006 zu einem höchst gelungenen Konzert-Wochenende. Sie hat sich dort wohl gefühlt, und das ist wohl der Grund dafür, daß Klaus-Rüdiger Utschick mich gebeten hat, für die, die nicht dabei waren, einmal aufzuschreiben, was denn die Waldeck mit Carl Michael Bellman zu tun hat. Das ist gar nicht so einfach, vieles verliert sich im Dunkel der Überlieferung. Fest steht jedenfalls, daß Carl Michael Bellman nie auf der Waldeck war; zu seinen Lebzeiten war die Burg längst (seit 1689) eine Ruine. Erst in den 1920er Jahren erwachte sie als Treffpunkt junger Musikenthusiasten zu neuem Leben. Fest zu halten ist aber auch, daß die Musik von Bellman auf der Waldeck seit langem eine große Rolle spielt. So ist es zu erklären, daß einige Waldecker auch Mitglieder der Deutschen Bellman-Gesellschaft sind. Ungefähr ein halbes Dutzend Namen fallen mir da ein. Ich vermute, daß bereits die Jungen vom "Nerother Wandervogel", dem Vorläufer der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW), von ihren Fahrten nach Schweden in den 1920er Jahren Bellman-Lieder mitgebracht haben; in den Liedersammlungen aus dieser Zeit findet sich jedoch kein Beleg dafür. Während der legendären Festivals in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts trat das Musikantenpaar Hai und Topsy aus Stockholm mehrfach auf der Waldeck auf. Zu ihrem Repertoire zählten natürlich auch Lieder von Bellman. Spätestens damals und bei vielen weiteren Konzerten der beiden sprang der Bellman-Funke auf die Waldecker über. Angefacht wurde das Feuer immer wieder durch den Waldecker Hans-Dietrich (Bömmes) Mohr, sicher einer der besten Bellman-Interpreten Deutschlands, der seine Waldeckfreunde immer wieder zu später Stunde mit Bellman-Liedern erfreut. Diese Nähe der Waldecker zu Bellman ist leicht zu verstehen. Das Lebensgefühl, das aus den Liedern Bellmans spricht, ist auch das vieler Waldecker. Wie sollten wir ihn da nicht mögen? Nur logisch ist es deshalb auch, daß das große Bellman-Konzert im Mai 2006, das viele für das beste halten, das sie je gehört haben, auf der Waldeck stattfand, mit drei kongenialen Interpreten, von denen neben dem unbestritten berühmtesten Bellman-Sänger Martin Bagge zwei (Bömmes und Günter Gall) Waldecker sind. Waldeck und Carl Michael, das ist eine alte und sich immer wieder erneuernde Liebe. Ali Kuhlmann Ali Kuhlmann gehört wie Jacky (Jürgen Jacobi-van Beek) und Bömmes zu den rührigen Waldeckern, die auch Mitglieder der Bellman-Gesellschaft sind; über ihre erfolgreichen Aktivitäten kann man sich auf der Webseite www.burg-waldeck.de informieren.
So wurde Bellman "Der nordische Anakreon"Der legendäre griechische Poet Anakreon (etwa 580 495 v.Chr.) war zur Bellmanzeit in aller Munde. Nie war der Dichter, der die Lebens- und Liebesfreude darunter nicht zuletzt den Weingott Dionysos und seine Freuden verherrlichte, ganz aus der Literatur Europas verschwunden gewesen; und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert erlebte er eine Europa übergreifende Renaissance. Vor allem deutsche Dichter begeisterten sich für Anakreon; auch Goethe und Schiller wandelten zeitweise auf seinen Spuren. Im August 1773 erschien ein kleines Gedicht von Olof Bergklint in der Göteborger Zeitung Hwad Nytt? Hwad Nytt?, die im Mai 1772 gegründet worden war und deren Hauptanliegen kulturelle Neuigkeiten waren. Was Neues? Was Neues? Von Bellman gab es immer wieder was Neues zu berichten und abzudrucken. "Über diesen frohen und glücklichen Skalden", so liest man dort im August 1773, "hat der kunstreiche Herr Bergklint dieser Tage folgendes Impromptu geschrieben." Hier das Gedicht, daneben die Prosaübersetzung:
Von da an titulierte ihn des öfteren auch der König mit dem ehrenvollen Beinamen "Anacreon des Nordens". Und als der Dichter Kellgren 1778, soeben aus Finnland gekommen, in Mina Löjen schrieb "Anacreon, wo ist dein Lob? / Ein andrer raubte dir die Leier ...", genügten diese Anfangszeilen, daß jedermann sofort wußte, wer gemeint war. Kellgren wurde mit der Zeit ein Bewunderer Bellmans und schrieb 1790 in seinem glänzenden Vorwort zu Fredmans Episteln, daß der Beiname ihm vielleicht "nicht genug Ehre antut":
Kellgren kommt zu dem Schluß:
Ursula Menn-Utschick Anakréon oder Anácreon?Schon im Altertum gab es beide Schreibweisen und Betonungen. Bekanntlich wird das griechische k im Lateinischen als c geschrieben und umgekehrt; es gibt nur 1 lateinisches Wort mit k: kalendae (das soviel wie Monatsanfang bedeutet). Gebildete Römer konnten selbstverständlich griechisch sprechen und schreiben. Cicero hat in seinen Briefen seine Gedanken häufig in griechischer Sprache formuliert oder griechische Zitate verwendet. Und Caesar konnte mit der griechisch sprechenden Kleopatra, wie man sicher annehmen kann, ohne Schwierigkeiten in ihrer Sprache parlieren. Das c im Namen dieser beiden römischen Politiker wurde übrigens stets wie k gesprochen, wie auch die Schreibweise der Namen (hier in lateinischer Umschrift) zeigt: Kaisar und Kikeron. Der Name Anakreon wurde im Altertum so betont, wie es die griechische Schreibweise, mit einem Betonungszeichen auf der vorletzten Silbe, anzeigt (lat. Umschrift): Anakréon. Im Mittelalter und in der Renaissance (teilweise bis in die neuere Zeit) schrieb man in den Klöstern und an den Universitäten in lateinischer Sprache. So wurde um 1200 die erste Geschichte der Dänen, die Gesta Danorum, in lateinischer Sprache geschrieben. Griechische Namen wurden latinisiert: Auf dem Olymp wohnten nun nicht etwa Zeus, Athene, Poseidon, Dionysos, sondern deren römische Ebenbilder Juppiter, Minerva, Neptunus, Bacchus. Griechische Namen wurden nun in lateinischen Lettern geschrieben und nach der lateinischen Betonungsregel betont. Diese besagt: Der Ton liegt auf der vorletzten Silbe, wenn sie lang ist (Neptunus), andernfalls auf der drittletzten Silbe (Juppiter, Helena). Da im Namen Anacreon das e kurz ist, wurde der Name nun Anacreon betont. Im Gegensatz dazu gilt im Griechischen: Wörter mit langem Vokal in der Endsilbe können nicht auf der drittletzten Silbe betont werden; entsprechend wird betont: Penelópe, Sokrátes, Aristotéles, Anakréon. Beide Schreibweisen und Betonungen sind also korrekt: Anakreon ebenso wie Anacreon. Heute gebräuchlich ist die Schreibweise mit k und die Betonung auf der drittletzten Silbe [ ´ ].
Anakreon erwachteIn Hwad Nytt? Hwad Nytt? waren immer wieder Gedichte von Bellman abgedruckt. Am 17. Sept. 1777 liest man in einem Bericht des Stockholmer Korrespondenten von Hwad Nytt? Hwad Nytt?: "Ich beginne mit einem Stück unseres glücklichen Anacreon. Als er in diesem Sommer am Schloß Ulriksdal vorbeifuhr, wo gerade Ihre Majestät die Königin weilte, da ließ sich in diesem Moment ein Gewitter hören, vor welchem unser Skald eine angeborene Furcht hat." Hier das Gedicht (StU 7, S. 41), dessen Überschrift lautet Vid Förbifarten af Ulrichsdal den 25. Juni 1777:
Jedoch Anakreon findet das Weinglas zerbrochen und die Leier zersplittert, und traurig dämmert er wieder fort, während er in Tränen und unter Seufzern nur einen Namen flüstert: Dalin! Nach obenAnakreon-Verse und Bellman-Verse im Vergleich Anakreon, der berühmte Dichter der Antike, besang die Liebe und den Trunk. Den Trunk? Eher war es der maßvolle und verständige Genuß des Weins, den Anakreon anmahnte: "Zehn Teile Wassers füll ein, und fünfmal schöpfe vom Wein". Und auch der bittere Wermut der Vergänglichkeit und des Todes fehlt nicht im Freudenbecher. Hier die ersten Zeilen eines Gedichts in lateinischer Umschrift und mit Unterstreichungen, die das Versschema mit seinen drei Hebungen je Zeile verdeutlichen. Hinweis: ou wird wie u gesprochen):
Mehr als bei Anakreon ist bei Bellman das Thema Tod beinah allgegenwärtig. Ein Beispiel dafür finden wir in einem Versbrief von 1793. Wenn man die Alexandrinerverse (mit ihren 6 Hebungen pro Zeile und der "Atempause" nach der 3. Hebung) sozusagen aus Platzgründen jeweils auf 2 Zeilen aufteilt, sehen die (Halb-)Zeilen wie beliebige dreihebige Verse aus. Die Nähe zu Anakreons Gedicht ist merkbar.
Anakreon in Bellmans DichtungDer Name des griechischen Dichters taucht in Bellmans Werken nur ganz sporadisch auf. Bellman läßt Anakreon z.B. in Gesellschaft mit Göttern und unsterblichen Helden auftreten oder verwendet den Namen sozusagen als Alias für sich selbst, so wie er später mit dem Namen Mowitz unterschrieb. Bellman war allerdings erstaunlich zurückhaltend damit. Ich habe den Namen Anacreon in nicht mehr als acht Gedichten bzw. Briefen gefunden (davon einmal in der Schreibweise mit k).
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