Über Carl Michael Bellman

 

Carl Michael Bellman

Carl Michael Bellman (1740 – 1795), Schwedens bedeutendster Dichter, ist eines der strahlendsten Genies der europäischen Poesie. Er war ein brillanter Mime und Improvisator, der ein pralles Bild vom Stockholm seiner Zeit malte. Schon den jungen Bellman nannten seine Zeitgenossen „den schwedischen Anakreon“ nach dem berühmten Dichtersänger der griechischen Antike.

Bellmans bekannteste Werke sind seine beiden Liederzyklen Fredmans Episteln und Fredmans Gesänge. Daneben hat er Poesie und Prosa in großem Umfang geschrieben: kleine Schauspiele, Satiren, Gelegenheitslyrik, hochgestimmte patrioti
sche Gedichte, religiöse Betrachtungen und vieles andere.

Jeder Schwede kann das eine oder andere Lied von Bellman singen. Im deutschen Sprachraum war Bellman bisher nur einem kleineren Kreis von Enthusiasten bekannt. Seit Ernst Moritz Arndt sind auch immer wieder Dichter – wie Carl Zuckmayer, H.C. Artmann, Fritz Graßhoff – von Bellman fasziniert gewesen. Der englische Schriftsteller und Historiker Paul Britten Austin schreibt im Vorwort zu seiner großen Bellman-Biographie: „Nach zwei Jahrhunderten wird Bellman endlich ein Bestandteil unse
res gemeinsamen Kulturerbes. So lange brauchte auch Shakespeare.“

Fredmans Episteln
sind ein Zyklus von 82 kleinen „Dramen“ – Komödien und Tragödien in Liedform. Es sind Szenen aus dem Stockholm des späten 18. Jahrhunderts, der Stadt der engen, dunklen Gassen und Kneipen, aber auch der Wasserflächen und weiten Parks. Die handelnden Personen sind nicht der Dichter
phantasie entsprungen, sondern stadtbekannte Originale, Trinker, Freudenmädchen und biedere Stockholmer Bürger. Lebensfreude und Tod, Verzweiflung und Trost, und immer wieder augenzwinkernder Humor oder unwiderstehliche Komik begegnen und bezaubern uns in dieser Dichtung.

Wer war Fredman?
Es war der nach Schönheit und Branntwein dürstende Stockholmer Hofuhrmacher, der bei seinem Tod 1767 weder Uhr noch Werkstatt noch Laden besaß; ihn machte der Dichter zum Apostel der Lebensfreude, zum Verkünder von Bacchus und Venus und von Apoll. „Laß den Dummen sein Joch nur tragen / und den Schlauen sein Hirn zerplagen! / Fredmans Sang, Wein und Weib behagen / uns im Nachtquartier!“

Fredmans Gesänge
sind eine bunte Sammlung von Liedern, die im Laufe von Bellmans ganzem Dichterleben entstanden sind. Da finden wir Trinklieder und Gesellschaftssatiren, Bibel
travestien und Couplets mit den skurrilen Riten des Bacchusordens sowie eine Folge von Liedern über ein Konkursverfahren gegen Bacchus, geschrieben für unterschiedliche Zuhörer, vom fröhlichen Freundeskreis der lebensfrohen Jugendjahre bis hin zu den Mäzenen des etablierten Künstlers in den vermögenden Bürgerkreisen und bei Hofe. Es sind die Lieder des Imitators, des Szenenkünstlers Bellman. Und hier finden wir Naturschilderungen wie das von allen Schweden so geliebte und vielgesungene Lied Haga, die Fischeridylle Auf, Amaryllis sowie das göttlich schöne Abendlied Tritt vor, du Gott der Nacht.

Selbst in Schweden ist wenig bekannt, daß Bellman auch be
deutende religiöse Lyrik hinterlassen hat. Es sind keine theologisierende Traktate, sondern zutiefst persönliche, oft originelle poetische Betrachtungen und Appelle, Gedichte tiefer Innigkeit und feuriger Gläubigkeit, weit entfernt von jener erbarmungslosen Strenge, von der die offizielle Kirche Schwedens damals geprägt war. Nicht Furcht vor der Verdammnis, sondern Trost und Hoffnung will der Dichter den Menschen geben. „Mit dreister Hand ich hiermit wag, / diesen Band zu übergeben, / der die Herzen will erheben, / mildern ihren wilden Schlag“, schrieb Bellman als Motto seiner religiösen Dichtung Zions Fest.

Ursula Menn-Utschick und Klaus-Rüdiger Utschick

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