Die Presse, 05.03.2005:Mit Tinte aus flüssigem Fleisch
Romanbiografie über einen Nationaldichter Schwedens.
"Ich schrieb über wirkliche Menschen, gab ihnen am Schreibpult
Körper und Gewicht und Geruch und Wärme. Ich tauchte meine Gänsefeder in Tinte aus
flüssigem Fleisch." Dies berichtet Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), der
schwedische Nationalskalde, dessen Lieder aus den "Fredmans Episteln" noch
heute in Skandinavien gesungen werden. Ihr Thema: Liebe und Tod - und dazwischen ein
kräftiges "Skål!" auf das Leben.
Am Ende seiner Tage aber beginnt Bellman seine Biografie mit den
Worten: "Ich bin nur ein Herr von sehr wenig Tiefsinn und frage nicht danach, ob die
Sonne geht oder die Erde sich dreht." Und selbst diese Lebensbeschreibung bleibt
ebenso bruchstückhaft wie alle Sekundärliteratur über Bellman. Der Skalde wurde zu
einem Mythos. Niemand vermochte es, den Menschen Bellman in seiner Ganzheit sichtbar zu
machen.
"Ich schrieb über wirkliche Menschen", dies gilt auch für
den Schriftsteller Ernst Brunner. Seine österreichischen Eltern sind 1948 nach Schweden
ausgewandert, 1950 wurde Brunner in Tumba, einem Vorort von Stockholm, geboren. Heute ist
er einer der wichtigsten Vertreter der schwedischen Gegenwartsliteratur, Verfasser
zahlreicher Bücher, ausgezeichnet mit vielen Preisen. Im vorliegenden Roman sucht
Brunner, zwischen Mythos und Fakten, den wirklichen Menschen Bellman. Scharfäugig,
gleichsam mit Filmkamera und Mikrofon, ausgerüstet mit den Ergebnissen jahrelanger
intensiver Quellenforschung, begibt sich Brunner als Reporter und Zeitzeuge ins Stockholm
des 18. Jahrhunderts. Sein Auftrag lautet: Bellman erstattet in Ichform Bericht. Er lebt
in seiner Stadt so, wie damals gelebt wurde. Verschwendungssucht, bitterste Armut bis zum
Hungertod, prunkvolle Feste am Königshof, Pest, Cholera in den kotigen, stinkenden Gassen
und stickigen Behausungen der Armenviertel. Branntwein zu jeder Tageszeit und der Tod
immer in nächster Nähe.
Es ist ein historischer Monumentalfilm, der hier in Prunk und Elend vor
uns abläuft, unterbrochen von schwärzesten Sequenzen der Armut, von gefühlvollen
Naturschilderungen - fast geht Bellman, als Protagonist, in dieser Vielfältigkeit
unter. Das Leben und Sterben um ihn, alle historischen Ereignisse scheinen, nein: sind
wichtiger - für ihn. Und geht Bellman nicht auch in Wirklichkeit unter, in diesem
Getriebe der Gegensätzlichkeit? Er durchhastet in dem über 500 Seiten starken Roman sein
Leben von Geburt bis Tod. Langeweile gibt es da nicht! Dafür sorgt Brunners Textflut und
Wortgewaltigkeit - zumeist in einer Sprache des krassesten Realismus.
Überall ist Bellman zu Hause, als Liedersänger und als blendender,
beliebter Unterhalter: in Kneipen bei den Zechbrüdern, in den noblen Salons, am
Königshof von Gustav III., dessen "Hofnarr" er zu spielen hat, um sich als
"Günstling" Gelegenheitsarbeiten und Geldzuschüsse zu beschaffen. Durch
seinen Leichtsinn gerät Bellman in Armut, macht Schulden, landet im Gefängnis, im
Schuldturm. Aber immer schreibt er: Romane, Theaterstücke, Gelegenheitsgedichte. Erfolg
jedoch haben nur seine "Fredmans Episteln". Hie und da rafft er sich auf,
fragt nüchtern erwachend, seiner Entertainer-Rolle gedenkend: "Das Grobe, das
Gemeine, das Lügenhafte - war es nicht das, was Bewunderung weckte?" Und antwortet:
"Ein Korn auf dem Mist wachsen zu lassen, das war das größere Werk." Und
stellt fest: "Ich hatte mit den Fredmansgedichten etwas gefunden. Sie entstanden
nicht geplant wie in einem Laboratorium. Nein, sie stiegen herauf wie der Saft in den
Bäumen." Bellman ahnte, ja: wusste von seinem Genie.
Was für ein Roman, welch ein grandioses Zeit- und Sittengemälde! Es
fällt schwer, sich seiner Suggestion zu entziehen.
GRAZIELLA HLAWATY
Ernst Brunner: Ich lebte von Liebe und Wein. Roman. Aus dem Schwedischen
von Klaus-Rüdiger Utschick und Ursula Menn-Utschick. 526 S., geb., 22,70 (Ullstein
Verlag, Berlin)
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