12.03.2005: Replik von Klaus-Rüdiger
Utschick auf Stefan Opitz Rezension
"Ein Mann mit Pferdeschwanz"Ein unbezopfter Dichter
Ernst Brunner, der zu den bekanntesten skandinavischen Schriftstellern
der Gegenwart zu zählen ist, erhielt für seinen Roman über Schwedens größten Dichter
Carl Michael Bellman den Bellman-Preis der Stadt Stockholm. Er hat ihn verdient. Nicht
verdient hat er aber Stefan Opitz Schelte in der Süddeutschen Zeitung von
18.2.2005.
Verwendung von Klischees?
Keineswegs "bedient" Brunner, wie Opitz moniert, "die
ewig-dämliche Nachricht vom Säufer". Aber er blendet den Trunk auch nicht aus.
Bellman selbst erzählt, wie er als 19jähriger "zum ersten Mal vollgeladen"
war. "In jungen Jahren war Bellman ein trinkfreudiger Epikureer gewesen [...] Aus
seinen späteren Jahren liegen uns keine so klaren Aussagen vor, nur soviel, daß er,
wenn er auch kein zweiter Fredman war, doch ein starkes Bedürfnis hatte zu trinken."
(Paul B. Austin) Über den älteren Bellman berichten Augenzeugen, "wie er mit
ansehnlichen Mengen Wein aufgeputscht werden mußte, bevor er in Stimmung kam, und wie
er dann die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und verzauberte [... oder] wie er nur
ganz einfach vor seinem Glas sitzt, still und mürrisch." (Magnus v. Platen) Und
Bellmans Dichterkollege Leopold berichtete, daß er "in seinen letzten Jahren
überhaupt nichts mehr trank, weil er sich dann körperlich nicht wohlfühlte". Mit
diesen Aussagen und Befunden stimmt der Roman überein.
Brunner stellt Bellman auch nicht als "Schürzenjäger"
hin, wie Opitz behauptet. Im Gegenteil: Er zeichnet das Bild eines Mannes, der, als er
37jährig heiratet, einen Schlußstrich unter "alle raschen Junggesellenvergnügungen"
zieht und ein treuer Ehemann und liebevoller Vater wird. Wir sehen ihn bei
gelegentlichen Festivitäten, wo er als Sänger, Spaßmacher oder Schauspieler auftritt,
nach dem Schmaus die anderen fleischlichen Genüsse ausschlagen und zu Fuß den langen
Heimweg antreten, um dort an Fredmans Episteln, an Bacchi Tempel oder einem
Kirchenlied zu arbeiten. Und wir sehen ihn, wie er über einem Poem für den Gedenktag
des Augustiordens brütet oder säuberlich einen Hymnus für das Königshaus zu Papier
bringt, oder wie er den Text einer Kantate oder ein Lustspiel entwirft.
Sorgfältige Recherchen
Brunner recherchierte in Originalquellen des 18. Jahrhunderts: Gerichtsakten,
Zeitungen, Briefen. Über die Details von
politischen Ereignissen wie dem Staatsstreich Gustafs III., dem
schwedisch-russischen Krieg 1778-1780, dem Attentat auf den König beim Maskenball. Über
den Bildhauer Sergel, den Philosophen Swedenborg, den Komponisten Josef Martin Kraus und
andere Zeitgenossen. Über die Lebensumstände der schwedischen Bevölkerung und über
Stockholms Baugeschichte. Und baute Stockholm gleichsam zurück auf den damaligen Zustand.
Opitz wettert: "Wie vertraut Brunner
die Kultur- und Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts ist, mag pars pro toto
der Pferdeschwanz verdeutlichen, den sich Bellman bei ihm immer mal wieder
umbindet". Bellman bindet ihn, aber nicht "um", und zwar ein
Mal und nicht "immer wieder", wie jeder Leser feststellen kann. Und
warum sollte Bellman seinen Zopf nicht als Pferdeschwanz bezeichnen dürfen? Bellman
benutzt zuhauf bildhafte Ausdrücke, die damals so nicht im Konversationslexikon
standen; z.B. in der Szene, wo Ulla in "Neptuns Zimmer" tritt und "ihren
Rock läßt fallen, steigt gespreizt in Bett und Daun, nach ihr Mowitz mit Posaun
..." (Epistel 48). Muß man näher ausführen, daß hier nicht das Musikinstrument
gemeint ist? Wie auch immer, ein bezopfter Dichter war Bellman nicht!
Bellmans Charakterzüge sind in
zeitgenössischen Berichten gut dokumentiert: Er war die Gutmütigkeit selbst,
mitfühlend, freigiebig, spontan, aber auch zu verbalem Zorn fähig, dünnhäutig, zur
Leichtfertigkeit neigend. Aber seine Gefühle und Gedanken schien Bellman weitgehend für
sich behalten zu haben. "Sehr wenige Berichte über ihn belegen [...] eine
Meinungsäußerung von ihm selbst [...] Es ist, als ob er nie Gespräche geführt
hätte." (v. Platen) Auch seine Briefe sind eher poetische Miniaturen, die
"wenig den Charakter einer persönlichen Botschaft tragen". Bellman singt, wie
Olof Lagerkrantz es ausgedrückt hat, "mit
halb abgewandtem Gesicht". Eine gute Forschungslage,
wie Opitz meint? Wir besitzen lediglich zwei autobiographische Fragmente und eine
begrenzte Anzahl von Briefen und Schriftstücken Bellmans in eigener Sache. Brunner hat
sie sorgfältig in seinen Roman eingearbeitet, wie der kundige und aufmerksame Leser
entdecken wird. Die Ereignisse werden freilich nicht rapportiert, sondern aus der
subjektiven Wahrnehmung des Romanhelden geschildert.
Opitz tadelt: "Zu allem
ehrfurchtslosen wie kenntnisfreien Überfluss schreibt Brunner [...] in der
Ich-Perspektive." Kenntnisfrei? Nein, aber gewiß frei von unangebrachter Ehrfurcht! Brunner ist es mit diesem
biographischen Roman gelungen, Bellman greifbar und begreifbar zu machen, dazu trägt die
Form der Ich-Erzählung wesentlich bei. Fazit: Ein glaubhaftes und lebendiges Bild des
Dichters.
Übersetzungsfehler?
Auch die Übersetzung wird bemäkelt: "Es kommen [...]
reichlich Übersetzungsfehler dazu: Ein Ich-Erzähler des 18. Jahrhunderts legt
niemanden flach". Oh doch, und der etwas vulgäre Ausdruck ist hier auch durchaus
gewollt. Opitz aber meint, in Stilkunde unterweisen zu müssen. Auch Bellman wurde einst
vorgeworfen, die Regeln "des guten Geschmacks" zu mißachten, an die er sich
tatsächlich nicht immer hielt, z.B. in der ursprünglichen Fassung der Epistel 48, in
der er eine Symphonie von Klängen malt: Segel knattern, Wogen klatschen, während der
"Kutter knarrt und ächzend geht, Wimpel hoch am Maste weht, Kerstin furzt und Gockel
kräht." ("Tuppen gal och Kerstin fes") Bellmans Dichterkollege Kellgren
meinte es allerdings gut, als er Bellman zu einer Änderung der anstößigen Zeile
drängte. "Glocke schlägt und Gockel kräht."
"Und in den Kneipen Stockholms aß
damals niemand ein Steak." Aha? Wir müssen einräumen, daß wir das nicht
überprüft haben. Da das Wort Steak mehrmals vorkommt, gäbe es also
reichlich Übersetzungsfehler. Pardon. Nur wer nicht übersetzt, macht keine
Übersetzungsfehler.
Am Romantitel haben auch wir unsere Zweifel.
Die Bezeichnung Liedermacher wird dem bedeutendsten Dichter Schwedens nicht
gerecht; einen Dichtersänger (der ohne Vorbild war und ohne Nachfolger
blieb) könnte man ihn dagegen wohl nennen. Und natürlich vermissen wir an dem Titel
"Ich lebte von Liebe und Wein" die Tiefe, die dem Originaltitel eigen ist: Fukta
din aska! Tränk deine Asche! Das ist Trunk und Tod, Lebenslust und
Memento mori: der Spannungsbogen von Fredmans Episteln.
Opitz hätte sich bei den zitierten Gedichten "zum
Trost" zumindest teilweise "die Verwendung anderer als der
Utschick-Übersetzungen" gewünscht. Aber wäre dem Roman gedient, wenn er mit
Highlights unterschiedlicher Übersetzer-Nachdichter garniert würde? Und warum sollten
wir auf Übersetzungen verzichten, die von der Schwedischen Akademie mit einem Extrapreis
und einem Stipendium belohnt worden sind?
Dank der Bellmankenner
"Gnadenlos kolportiert Brunner das Bellman-Bild des 19. und
frühen 20. Jahrhunderts",
kritisiert Stefan Opitz. Nein; aber er selbst scheint nostalgisch der Bellman-Rezeption
der 60er und 70er Jahre nachzutrauern. Anita Ankarcrona, die Vorsitzende der schwedischen
Bellmanssällskapet, schrieb in deren Mitgliedsblatt 1/2003: "Ernst Brunners Roman
ist ein großer Erfolg geworden. Von den über fünfzig Rezensionen waren gut vierzig
glühend enthusiastisch [...] Das Wissen über Bellman und seine Zeit gelangt also in die
ganze Welt; dies dürfte den Boden bereiten für ein Interesse am Werk des Dichters
selbst, vor allem an den in fast alle europäischen Sprachen übersetzten Fredmans
Episteln. Danke, Bruder Brunner!"
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