Über Ernst Brunners Bellman-Roman


Dichterleben voller Sinnlichkeit. Rezension von Frank Schlößer im Hanseanzeiger, Rostock
Ein bewegter und bewegender Roman. Präsentation des Romans durch Albert Bonniers Förlag
Mit Tinte aus flüssigem Fleisch. Aus der Rezension von Graziella Hlawaty (Spectrum) in der Presse, Wien
Ein Mann mit Pferdeschwanz. Aus der Rezension von Stefan Opitz in Südd. Zeitung, München
Ein unbezopfter Dichter. Replik von Klaus-Rüdiger Utschick auf Stefan Opitz
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Frank Schlößer im Hanseanzeiger, Rostock, 27. Juli 2005

Dichterleben voller Sinnlichkeit

Es gibt Menschen, die machen jeden Sommer Urlaub in Schweden und haben noch nie etwas von Carl Michael Bellman (1740-95) gehört. Doch das ist nicht unbedingt ihre Schuld. Die Schweden tragen die Lieder ihres Nationaldichters so alltäglich in ihrer Seele und auf der Zunge, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, ihn zum Gegenstand der touristischen Souvenir-Industrie zu machen. Statt dessen kann es ohne weiteres vorkommen, dass man auf einem x-beliebigen Campingplatz aus einer beschwipsten Schwedenrunde Bellmans "Haga" oder "Vater Noah" zu hören bekommt.

So wird auch der biografische Bellman-Roman "Ich lebte von Liebe und Wein" von Ernst Brunner in Deutschland wohl nur von Eingeweihten gelesen werden, obwohl die Resonanz auf das Werk mit dem Titel Fukta din Aska! (Befeuchte deine Asche!) in Schweden enthusiastisch war und die Auflage die 100 000er-Grenze überschritt.

Das ist aus zwei Gründen schade: Bellman ist ein Dichter, dem – fast möchte man sagen: trotz seiner Popularität – ohne weiteres ein künstlerisches Lebenswerk von Weltrang zugesprochen werden kann. Und: Brunners Buch ist gut. Es ist erdig, geradlinig und malt in kräftigen Bildern das Bild Stockholms im 18. Jahrhundert.

Ernst Brunner hat sich in die erste Person begeben und so ist eine fiktive Autobiografie Carl Michael Bellmans entstanden. Seine umfassende Recherche rechtfertigt diesen Anspruch: Historische Präzision ergänzt sich mit detaillierten Schilderungen des Alltags in der "stolzen Stadt" und einer außergewöhnlich plastischen Darstellung der Charak­tere.

Wenn das Dichtergenie Bellman in einem seiner wenigen Selbstzeugnisse schreibt, dass er "ein Mensch von wenig Tiefsinn" sei, dann hat das durchaus seine Berechtigung. Denn Bellman reflektierte selten. Er blieb dran. Am Leben, an den Menschen – hier im besonderen an den Frauen, an der Natur, an der Flasche und am Tod. Das hat Brunner aufgenommen: Er beschreibt, was Bellman auf seinem Weg zugestoßen ist. Seine Kämpfe um Anerkennung beim geliebten König Gustav und dessen wechselhafter Gegenliebe. Sein Erstaunen und die Gewöhnung an ein unversiegbares Genie, alles, aber auch alles in Versen niederschreiben zu können. Seine Begegnungen mit dem Bellman, der in den Kneipen der Stadt Stockholm geboren wird – einem Mann, der so zu scheißen vermag, dass dabei der Latrinekahn im Hafen Stockholms in die Luft flog. Was nur natürlich ist – wird doch mit diesem energiereichen Rohstoff die Salpeterfabrik beliefert, die das königliche Schießpulver herstellt.

Diese Popularität ist durchaus zweischneidig: Bellman bekommt das Kleid für seine Mamsell Ulla Winblad zwar um einiges billiger, muss aber dafür auch erleben, wie sich die Buchdrucker seines populären Liedgutes annehmen, ohne dass er auch nur ein paar Kupfermünzen sieht. So bleibt ihm zeitlebens der Kampf ums Geld. Oder besser: Der Kampf um Kreditwürdigkeit, denn Bellman war jederzeit ebenso großzügig wie verschuldet.

Brunners Lebensbeschreibung ist dabei nicht oberflächlich, sondern sinnlich – voller Atem und Blut. So dass der Leser selbst Schlussfolgerungen zieht – wie eben diese: Ihre größten Fortschritte hat die Menschheit seit Bellman wohl nicht im Streben nach einer gerechten Gesellschaft gemacht. Sondern im erfolgreichen Kampf gegen die ständige Anwesenheit von Ungeziefer jeder Art: Läuse, Schaben, Milben, Wanzen, Ratten. Und gegen die verschiedenen Möglichkeiten, zu früh das Zeitliche zu segnen: Pocken und Skorbut, Gicht und Trunksucht, Schwindsucht und Pest, Cholera, Flecktyphus, Faulfieber, Hunger oder ein gewaltsamer Tod – wiederum bei verschie­denen Gelegenheiten: Massenpanik, Stadtbrand, Krieg, Aufruhr oder ein Schafott. Die Gelage, zu denen Bellman geladen wurde, um mit seiner Fähigkeit zur Improvisation und Stimmimitierung die Anwesenden zu unterhalten – diese Gelage waren dem Leben und dem Tod abgetrotzt.

Kann es sein, dass Brunner den Roman gar nicht selbst geschrieben, sondern ein Tagebuch von Bellmans Hand gefunden hat? Natürlich nicht. Aber die Illusion ist per­fekt.

Ein solches Buch kann man leicht kaputtübersetzen: Ein paar stilistische "Verschönerungen", ein leichtes Danebenliegen bei Formulierungen, ein bisschen weniger grammatikalisches Feingefühl – und Brunners Buch wäre hinüber gewesen. Er hatte Glück: Mit Klaus-Rüdiger Utschick und Ursula Menn-Utschick hat er Partner mit Erfahrung erwischt: Sie übersetzten und publizierten bereits das Gesamtwerk Bellmans. Für Bellmans Hauptwerk "Fredmans Episteln" auf Deutsch erhielten sie 1995 einen Extra­preis von den Damen und Herren der Schwedischen Akademie. Und die müssen es ja wissen!


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Präsentation des Romans durch Albert Bonniers Förlag

>> Originaltext >>

Ein bewegter und bewegender Roman

slusstornet.jpg (17056 Byte)Stockholm 1756. Polhems ziegelroter Schleusenturm steht auf seinem Platz. Lärm, Gewalt, Armut, Rinnsteinbäche, Läuse, Lust, Suff & Gestank. Schöne zahnlose Mädchen mit leicht aufzuschnürenden Miedern. Eine muntere und waghalsige Zeit. Auf wen kann man sich verlassen? Wer gibt einem begabten armen Teufel einen Kredit? Und wer den nächsten? Wem muß man in den Hintern kriechen, um Brot für die Kinder zu bekommen?

Doch sieh, Carl Michael Bellman, halbwegs ausreichend beschenkt, mitten im Gewimmel mit eleganter Perücke und geliehenen Herrschaftskleidern in glänzender farbiger Pracht. Seine Augen sind klar, sein Gehör schenkt ihm Ge­schichten und Klänge. Doch leider ist sein Cithrinchen gerade verpfändet. Seine Stimme aber trägt. Und bald werden seine Lieder überall zu hören sein. In Bierstuben, am Hofe Gustafs III. und bei den bacchanalischen Ausflügen nach Djurgården. Wo Ulla Winblad mit Strümpfen aus Seide im Grase liegt und etwas widerstrebend seine Muse wird.

Intrigen gedeihen. Wie die Schwindsucht. Säuglinge verlöschen, ehe das erste Lächeln ihre Züge erhellt. Gelegentliche Festgelage nach Tagen wühlenden Hungers. Wechsel verfallen, und Schuldhaft droht. Wenn nicht irgendein Bürge eintritt. Carl Michael Bellman hustet Blut und stirbt verarmt am 11. Februar 1795. Doch sein Werk lebt.

Ein bewegter und bewegender Roman, der ein ganz neues und facet­tenreiches Bild unseres Nationalskalden gibt. Zugleich ein bestürzender Einblick in die Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts.

 


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Aus der Rezension von Graziella Hlawaty (Spectrum) in der Presse, Wien, 5.3.2005

>> Die Presse - Vollständiger Text >>

Mit Tinte aus flüssigem Fleisch

"Ich schrieb über wirkliche Menschen, gab ihnen am Schreibpult Körper und Gewicht und Geruch und Wärme. Ich tauchte meine Gänsefeder in Tinte aus flüssigem Fleisch." Dies berichtet Carl Michael Bellman (1740 bis 1795), der schwedische Nationalskalde, dessen Lieder aus den "Fredmans Episteln" noch heute in Skandinavien gesungen werden. [...]

"Ich schrieb über wirkliche Menschen", dies gilt auch für den Schrift­steller Ernst Brunner. Seine österreichischen Eltern sind 1948 nach Schweden ausgewandert, 1950 wurde Brunner in Tullinge, einem Vorort von Stockholm, geboren. Heute ist er einer der wichtigsten Vertreter der schwedischen Gegenwartsliteratur, Verfasser zahlreicher Bücher, ausgezeichnet mit vielen Preisen. Im vorliegenden Roman sucht Brunner, zwischen Mythos und Fakten, den wirklichen Menschen Bellman. Scharfäugig, gleichsam mit Filmkamera und Mikrofon, ausgerüstet mit den Ergebnissen jahrelanger intensiver Quellenforschung, begibt sich Brunner als Reporter und Zeitzeuge ins Stockholm des 18. Jahrhunderts [...]  Er lebt in seiner Stadt so, wie damals gelebt wurde. Verschwendungssucht, bitterste Armut bis zum Hungertod, prunkvolle Feste am Königshof, Pest, Cholera in den kotigen, stinkenden Gassen und stickigen Behausungen der Armenviertel. Branntwein zu jeder Tageszeit und der Tod immer in nächster Nähe.

Es ist ein historischer Monumentalfilm, der hier in Prunk und Elend vor uns abläuft, unterbrochen von schwärzesten Sequenzen der Armut, von gefühlvollen Naturschilderungen [...] Er durchhastet in dem über 500 Seiten starken Roman sein Leben von Geburt bis Tod. Langeweile gibt es da nicht! Dafür sorgt Brunners Textflut und Wortgewaltigkeit – zumeist in einer Sprache des krassesten Realismus.

Überall ist Bellman zu Hause, als Liedersänger und als blendender, be­liebter Unterhalter: in Kneipen bei den Zechbrüdern, in den noblen Sa­lons, am Königshof von Gustav III., dessen "Hofnarr" er zu spielen hat, um sich als "Günstling" Gelegenheitsarbeiten und Geldzuschüsse zu be­schaffen. Durch seinen Leichtsinn gerät Bellman in Armut, macht Schul­den, landet im Gefängnis, im Schuldturm. [...] Hie und da rafft er sich auf, fragt nüchtern erwachend, seiner Entertainer-Rolle gedenkend: "Das Grobe, das Gemeine, das Lügenhafte – war es nicht das, was Bewunderung weckte?" Und antwortet: "Ein Korn auf dem Mist wachsen zu lassen, das war das größere Werk." Und stellt fest: "Ich hatte mit den Fredmansgedichten etwas gefunden. Sie entstanden nicht geplant wie in einem Laboratorium. Nein, sie stiegen herauf wie der Saft in den Bäumen." Bellman ahnte, ja: wusste von seinem Genie.

Was für ein Roman, welch ein grandioses Zeit- und Sittengemälde! Es fällt schwer, sich seiner Suggestion zu entziehen.

 


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Aus der Rezension von Stefan Opitz in Südd. Zeitung v. 18.02.2005


>> Südd. Zeitung - Vollständiger Text >>


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12.03.2005: Replik von Klaus-Rüdiger Utschick auf Stefan Opitz’ Rezension "Ein Mann mit Pferdeschwanz"

Ein unbezopfter Dichter

Ernst Brunner, der zu den bekanntesten skandinavischen Schriftstellern der Gegenwart zu zählen ist, erhielt für seinen Roman über Schwedens größten Dichter Carl Michael Bellman den Bellman-Preis der Stadt Stockholm. Er hat ihn verdient. Nicht verdient hat er aber Stefan Opitz’ Schelte in der Süddeutschen Zeitung von 18.2.2005.


Verwendung von Klischees?

Keineswegs "bedient" Brunner, wie Opitz moniert, "die ewig-dämliche Nachricht vom Säufer". Aber er blendet den Trunk auch nicht aus. Bell­man selbst erzählt, wie er als 19jähriger "zum ersten Mal vollgeladen" war. "In jungen Jahren war Bellman ein trink­freudiger Epikureer gewesen [...] Aus seinen späteren Jahren liegen uns keine so klaren Aus­sagen vor, nur soviel, daß er, wenn er auch kein zweiter Fredman war, doch ein starkes Bedürfnis hatte zu trinken." (Paul B. Austin) Über den älteren Bellman berichten Augenzeugen, "wie er mit ansehnlichen Mengen Wein aufge­putscht werden mußte, bevor er in Stimmung kam, und wie er dann die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und ver­zauberte [... oder] wie er nur ganz einfach vor seinem Glas sitzt, still und mür­risch." (Magnus v. Platen) Und Bellmans Dichter­kollege Leopold berich­tete, daß er "in seinen letzten Jahren überhaupt nichts mehr trank, weil er sich dann körperlich nicht wohlfühlte". Mit diesen Aussagen und Befunden stimmt der Roman überein.

    Brunner stellt Bellman auch nicht als "Schürzenjäger" hin, wie Opitz behauptet. Im Gegenteil: Er zeichnet das Bild eines Mannes, der, als er 37jährig heiratet, einen Schlußstrich unter "alle raschen Junggesellen­vergnügungen" zieht und ein treuer Ehe­mann und liebevoller Vater wird. Wir sehen ihn bei gelegentlichen Festivitäten, wo er als Sänger, Spaß­macher oder Schauspieler auftritt, nach dem Schmaus die anderen fleischlichen Genüsse ausschlagen und zu Fuß den langen Heimweg an­treten, um dort an Fredmans Episteln, an Bacchi Tempel oder einem Kir­chenlied zu arbeiten. Und wir sehen ihn, wie er über einem Poem für den Gedenktag des Augustiordens brütet oder säuberlich einen Hymnus für das Königshaus zu Papier bringt, oder wie er den Text einer Kantate oder ein Lustspiel entwirft.


Sorgfältige Recherchen

Brunner recherchierte in Originalquellen des 18. Jahrhunderts: Gerichts­akten, Zei­tungen, Briefen. Über die Details von politischen Ereig­nissen wie dem Staatsstreich Gustafs III., dem schwedisch-russischen Krieg 1778-1780, dem Attentat auf den König beim Maskenball. Über den Bildhauer Sergel, den Philosophen Swedenborg, den Komponisten Josef Martin Kraus und andere Zeitgenossen. Über die Lebensumstände der schwe­dischen Bevölkerung und über Stockholms Baugeschichte. Und baute Stockholm gleichsam zurück auf den damaligen Zustand.

    Opitz wettert: "Wie vertraut Brunner die Kultur- und Sozialgeschichte des 18. Jahr­hunderts ist, mag pars pro toto der Pferdeschwanz verdeut­lichen, den sich Bellman bei ihm immer mal wieder umbindet". Bellman bindet ihn, aber nicht "um", und zwar ein Mal und nicht "immer wieder", wie jeder Leser feststellen kann. Und warum sollte Bellman seinen Zopf nicht als Pferdeschwanz bezeichnen dürfen? Bellman be­nutzt zuhauf bildhafte Ausdrücke, die damals so nicht im Konversations­lexikon standen; z.B. in der Szene, wo Ulla in "Neptuns Zimmer" tritt und "ihren Rock läßt fallen, steigt gespreizt in Bett und Daun, nach ihr Mowitz mit Posaun ..." (Epistel 48). Muß man näher ausführen, daß hier nicht das Musikinstrument gemeint ist? Wie auch immer, ein bezopfter Dichter war Bellman nicht!

    Bellmans Charakterzüge sind in zeitgenössischen Berichten gut dokumentiert: Er war die Gutmütigkeit selbst, mitfühlend, freigiebig, spon­tan, aber auch zu verbalem Zorn fähig, dünnhäutig, zur Leichtfertigkeit neigend. Aber seine Gefühle und Gedanken schien Bellman weitgehend für sich behalten zu haben. "Sehr wenige Berichte über ihn belegen [...] eine Meinungsäußerung von ihm selbst [...] Es ist, als ob er nie Gesprä­che geführt hätte." (v. Platen) Auch seine Briefe sind eher poetische Miniaturen, die "wenig den Charakter einer persönlichen Botschaft tra­gen". Bellman singt, wie Olof Lager­krantz es ausgedrückt hat, "mit halb abgewandtem Gesicht". Eine gute Forschungs­lage, wie Opitz meint? Wir besitzen lediglich zwei autobiographische Fragmente und eine begrenz­te Anzahl von Briefen und Schriftstücken Bellmans in eigener Sache. Brunner hat sie sorgfältig in seinen Roman eingearbeitet, wie der kundi­ge und aufmerksame Leser entdecken wird. Die Ereignisse werden frei­lich nicht rapportiert, sondern aus der subjektiven Wahr­nehmung des Roman­helden geschildert.

    Opitz tadelt: "Zu allem ehrfurchtslosen wie kenntnisfreien Überfluss schreibt Brun­ner [...] in der Ich-Perspektive." Kenntnisfrei? Nein, aber gewiß frei von unangebrachter Ehrfurcht! Brunner ist es mit diesem biographischen Roman gelungen, Bellman greifbar und begreifbar zu machen, dazu trägt die Form der Ich-Erzählung wesentlich bei. Fazit: Ein glaubhaftes und lebendiges Bild des Dichters.


Übersetzungsfehler?

Auch die Übersetzung wird bemäkelt: "Es kommen [...] reichlich Über­setzungsfehler dazu: Ein Ich-Erzähler des 18. Jahrhunderts legt nieman­den flach". Oh doch, und der etwas vulgäre Ausdruck ist hier auch durch­aus gewollt. Opitz aber meint, in Stilkunde unterweisen zu müssen. Auch Bell­man wurde einst vorgeworfen, die Regeln "des guten Geschmacks" zu mißach­ten, an die er sich tatsächlich nicht immer hielt, z.B. in der ursprüng­lichen Fassung der Epistel 48, in der er eine Sym­phonie von Klängen malt: Segel knattern, Wogen klatschen, während der "Kutter knarrt und ächzend geht, Wimpel hoch am Maste weht, Kerstin furzt und Gockel kräht." ("Tuppen gal och Kerstin fes") Bellmans Dichterkollege Kellgren meinte es allerdings gut, als er Bellman zu einer Änderung der anstößigen Zeile drängte. "Glocke schlägt und Gockel kräht."

    "Und in den Kneipen Stockholms aß damals niemand ein Steak." Aha? Wir müs­sen einräumen, daß wir das nicht überprüft haben. Da das Wort ‘Steak’ mehrmals vor­kommt, gäbe es also reichlich Übersetzungsfehler. Pardon. Nur wer nicht über­setzt, macht keine Übersetzungsfehler.

    Am Romantitel haben auch wir unsere Zweifel. Die Bezeichnung ‘Liedermacher’ wird dem bedeutendsten Dichter Schwedens nicht ge­recht; einen ‘Dichtersänger’ (der ohne Vorbild war und ohne Nachfolger blieb) könnte man ihn dagegen wohl nennen. Und natürlich vermissen wir an dem Titel "Ich lebte von Liebe und Wein" die Tiefe, die dem Originaltitel eigen ist: Fukta din aska! – Tränk deine Asche! Das ist Trunk und Tod, Lebenslust und Memento mori: der Span­nungsbogen von Fredmans Episteln.

    Opitz hätte sich bei den zitierten Gedichten "zum Trost" zumindest teilweise "die Verwendung anderer als der Utschick-Übersetzungen" gewünscht. Aber wäre dem Roman gedient, wenn er mit Highlights unter­schiedlicher Übersetzer-Nachdichter garniert würde? Und warum sollten wir auf Übersetzungen verzichten, die von der Schwedischen Akademie mit einem Extrapreis und einem Stipendium belohnt worden sind?


Dank der Bellmankenner

"Gnadenlos kolportiert Brunner das Bellman-Bild des 19. und frühen 20. Jahrhunderts", kritisiert Stefan Opitz. Nein; aber er selbst scheint nostalgisch der Bellman-Rezeption der 60er und 70er Jahre nachzutrauern. Anita Ankarcrona, die Vorsitzende der schwedischen Bellmanssällska­pet, schrieb in deren Mitgliedsblatt 1/2003: "Ernst Brunners Roman ist ein großer Erfolg geworden. Von den über fünfzig Rezensionen waren gut vierzig glühend enthusiastisch [...] Das Wissen über Bellman und seine Zeit gelangt also in die ganze Welt; dies dürfte den Boden berei­ten für ein Interesse am Werk des Dichters selbst, vor allem an den in fast alle europäischen Sprachen übersetzten Fredmans Episteln. Danke, Bruder Brunner!"

 


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