Wunderbarer Karneval! Lars Lönnroths neues Buch über Bellman

Inger Dahlman schreibt in Gotlands Allehanda, Freitag 15. April 2005: Alte Mythen werden geschlachtet.
Anders Cullhed schreibt in Dagens Nyheter, 22. März 2005: Karnevalischer cross-over.

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Gotlands Allehanda, 15. April 2005

Alte Mythen werden geschlachtet in neuem Buch über Bellman

Lars Lönnroth, emeritierter Professor der Litera- turwissenschaft an der Universität Göteborg und bestens vertraut mit den Gestalten des schwe- dischen Parnaß, nimmt den großen Hammer zu Hand. In seinem Buch "Wunderbarer Karneval", das von Carl Michael Bellmans Dichtung handelt, schlachtet er einen 200 Jahre alten Mythos, der immer noch die Sicht auf Bellman dominiert, und er deutet an, daß all die Experten, die Bellman- Biographien hervorgesprudelt haben, teilweise im Dunkeln herumgetappt sind. Lönnroths Text wird begleitet von einem phantastischen Bildmaterial aus dem 18. Jahrhundert.

Der Bellman-Mythos wurde von dem Dichter und Mitglied der Schwedischen Akademie Johan Henric Kellgren geschaffen. In dem Vor- wort, das er 1790 zur Erstausgabe von Fredmans Episteln schrieb, behauptete er, daß Bellman immer "er selbst" ist. Das bedeutete für die Romantiker seiner Zeit, daß Bell- man seine Werke in der Eingebung des Augenblicks schrieb, getrieben von göttlicher Inspiration.

Nein, sagt Lars Lönnroth; er stellt klar, daß Bellman "fast niemals ‘er selbst’ ist" in dem, was er schreibt, sondern daß er ununterbrochen Rollen spielt, bewußt geschaffen in "planmäßiger Komposition und sorgsamer Bearbeitung".

Nun schreitet der Professor ans Werk, um seine These zu beweisen. Er stützt sich dabei u.a. auf den vor kurzem verstorbenen Bellmankenner Gunnar Hillbom. Schritt für Schritt holt er die ganze Masse unbekannter und vergessener Werke ans Tageslicht, um die sich bisher kaum einer gekümmert hat. Da gibt es die religiöse Dichtung, Über- setzungen und mißglückte Versuche in anderen Genres, von der Scherzzeitung bis zur Oper. Auch peinlich servile Gedichte und Briefe, die an König Gustav III. gerichtet sind, sind darunter. In einigen von diesen versucht Bellman, sich erträgliche Lebensumstän- de und literarischen Respekt zu erbetteln, arm und verachtet wie er ist aufgrund seiner burlesken und obszönen Lieder zu Bacchus’ und Freias Lob. Unter den Bettelbriefen findet sich die Erstversion des Liedes "Schmetterling in Haga", von Anfang an dazu gedacht, eine Anstellung seiner Frau Lovisa als Haushälterin auf Schloß Haga zu erbit- ten. "Wunderbarer Karneval" ist gespickt mit herrlichen Beispielen, nicht nur Analysen von Bellmans totgeschwiegenen Werken, sondern auch von Fredmans Episteln, Bacchi Orden und Fredmans Gesängen. Unermüdlich tut Lönnroth dar, wie Bellman an seinem Stil feilt, wie er nach all seinen mißlungenen Versuchen zu der Meisterschaft vordringt, die gekennzeichnet ist von dem Nebeneinander von Hohem und Niedrigem, von Ana- chronismen und Zweideutigkeiten, und die schließlich in den Episteln ihre Vollendung erreichte. Einige dieser Stilzüge sind übrigens später in unsere tradtionellen Studen- tenspektakel Übernommen worden.

Man wird unaufhörlich daran erinnert, wie intim Bellmans Kunst mit dem mündlichen Vortrag vor einem Publikum verknüpft ist. Und man versteht, warum er keinen inter- nationalen, ja nicht einmal einen skandinavischen Nachfolger fand – bis schließlich in letzter Zeit "Estradeure" wie der Russe Vladimir Vysotskij und andere in seine Fuß- spuren traten.

In Schweden führte Lars Hjortsberg, der hervorragendste Schauspieler jener Zeit, Bell- mans Tradition hinüber ins 19. Jahrhundert. Er hatte selbst den Skalden noch erlebt. Später begriffen Birger Sjöberg und Evert Taube, worum es sich hier handelte.

Der Mensch Carl Michael kommt in den Texten nicht vor, stellt Lönnroth fest. Bellman verbirgt sich vielmehr die ganze Zeit hinter einer Maske, er ändert seine Haltung und auch das Genre je nach dem Publikum, vor dem er gerade auftritt. Auch das erhellt Lönnroth mit Beispielen; die schlagendsten stammen aus der Spätzeit des Dichters, nach 1790, als er in einer eiskalten, verlausten Zelle des Stockholmer Schlosses ein- sitzt, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte – an Schwindsucht leidend, ster- benskrank, unter Vormundschaft gestellt und vom Konkurs bedroht.

Dennoch strahlt seine "Lebensbeschreibung", die er in der Haft zu schreiben beginnt, Humor und Charme aus und belegt Lönnroths These, daß Bellman nie die Maske ab- nimmt, und daß es immer sein Hauptziel bleibt, zu unterhalten. Selbst in den vielen Texten, in denen die Todesangst greifbar ist, dreht Bellman zur Freude seiner Zuhörer halsbrecherische Pirouetten, durch die Wahl seiner Worte und Gleichnisse.

Lönnroth wirkt, gelinde gesagt, irritiert über diejenigen, die glaubten, von Bellman- Texten ausgehend Bellman-Biographien schreiben zu können, und man kann nicht um- hin ihm zustimmen. Der einzige, dem er anscheinend ein gemurmeltes "Naja" zubilligt, ist Ernst Brunner, der sich entschloß, einen Roman zu schreiben und keine regelrechte Biographie. Aber wie streng auch immer Lönnroth den Gedanken abweist, man könne den Menschen Bellman hinter seinen Masken ahnen, so glaubt man doch Züge eines nachlässigen, freundlichen, närrischen, genialen und geplagten Menschen zu erkennen, begabt mit göttlicher Langmut gegenüber den Schwächen anderer und seiner selbst.

Inger Dahlman
04.04.2005 / 06.00


Ljuva karneval! Om Carl Michael Bellmans diktning. Författare: Lars Lönnroth. Förlag: Albert Bonniers förlag. Bandtyp: Inbunden. Språk: Svenska. Utgiven: Mars 2005. Upplagenummer: 0. Vikt i gram: 743. Antal sidor: 403. ISBN: 9100572454. Pris: 171:–


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Illustration von Elis Chiewitz

Dagens Nyheter, 22. März 2005

Karnevalischer cross-over

Bellman war nicht nur Dichter, sondern auch ein Mime und Estradeur von Rang. In seinem neuen Buch Ljuva karneval! (sprich: jüva karnevál) – zu deutsch etwa "Wunderbarer Karneval!" – rückt Lars Lönnroth den Conférencier und Performance-Künstler Bellman ins Blickfeld.

Schweden ist ein kleines Land in Europas kultureller Peripherie. Umso verwunderlicher ist es, daß wir so viele herausragende Dichter gehabt haben. Unter ihnen ist Carl Michael Bellman der bemerkenswerteste.

Seine früheren und späteren "Standesgenossen" im schwedischen Parnaß sind leich- ter zu etikettieren. Lucidor ist dem Barock zuzuordnen, Stagnelius der Romantik und Lindegren dem Modernismus. Doch Bellman? Wie wenige andere Dichter testet er Grenzen, "legiert" Genres und maskiert oder demaskiert. In Schweden ist wohl nur Ekelöf so drastisch über seine Voraussetzungen hinausgewachsen. Seine große Mölna-Elegie von 1960 ist auch – auf ihre Weise – ein Gruß an den gustavianischen Vorgänger.

DIE LITERATURWISSENSCHAFTLER haben es nicht leicht gehabt mit diesem chamäleonhaften poetischen Werk. Auf die romantische Vergötterung des genialen Naturkindes folgten förmliche Tieftauch-Unternehmungen in die Stockholmiana des 18. Jahrhunderts und Untersuchungen á la "Wer ist wer?" in Bellmans Dichtung. Die For- scher der Nachkriegszeit wurden der Wortkunst des Dichters mehr gerecht, legten aber ihr Augen­merk fast nur auf die Episteln. Damit wurde die Sicht auf die Bell­mansche Ex- perimentierwerkstatt, das Verständnis von Hintergrund und Entstehung der Genre-Mischformen verdunkelt. Diesem Mangel hilft Lars Lönnroth in seiner neuen Monogra- phie über Bellmans Dichtung gründlich ab. Hier liegt der Fokus auf der Berichterstat- tung über die vielen vorgeformten Literatursorten, die der "Söderkis" (wie man die im Stadtteil Söder aufgewachsenen Burschen und Männer nennt), Festefeierer und nach- lässige Beamte zu beherrschen lernte. Sein Glück als Poet war, nach allem zu urteilen, die wirtschaftliche Unsicherheit, in die er als junger Mann geriet. Das zwang ihn, sich in mehreren Genres zu versuchen: Gelegenheitsversen, dramatischen Versuchen, Pasto- ralen, Satiren, religiösen Betrachtungen, Parodien, Ordens-Possen.

Schon aus wirtschaftlichen Gründen hatte er nicht die geringste Chance, sich zurück- zuziehen und hübsche Verse der französischen Schule zu klöppeln. Zudem begann er früh, sein szenisches Talent zu nutzen. Bellman war ein Mime und Estradeur von Rang. Lönnroth interessiert sich seit langem für mündlich vorgeführte Poesie, von Edda bis Abba, und große Teile seiner aktuellen Studie stellen den Conférencier Bellman in den Mittelpunkt, den Performance-Künstler, dessen Mienenspiel, Gestik und Stimmwandel von mehreren Augenzeugen dokumentiert worden sind.

BEIM LESEN VON Ljuva Karneval! merkt man, daß der Verfasser sich mit seinem Thema jahrzehntelang beschäftigt hat. Die Kenntnisse sind solide und die Betrach- tungs­winkel klug gewählt. Die Inspiration aus der wissenschaftlichen Theoriebildung und der Intertextualitätsforschung oder aus den Studien in Dialogizität und Polyphonie sind greifbar, doch Lönnroth schreibt gepflegt und ausgewogen. Sein Buch zu lesen ist ein Vergnügen.

Das Konzept der Arbeit kann man indes diskutieren. Daß Lönnroth die "biographische Schiene" aus der Arbeit heraushalten wollte, ist am wenigsten bedenklich; sie ist trotz allem von Anfang bis Ende sichtbar. Aber ich finde es schade, daß Lönnroth auf so viele Texte zurückgreift. Seine Erläuterungen stehen auf sicherem Grund, aber machen nicht selten Halt, wo es gerade richtig spannend wird. Dann richtet er den Blick auf den nächsten Text. Die Breite der Perspektive erhält den Vorzug vor der Tiefe der Analyse.

GENUG DAVON. Hier haben wir ein farbenprächtiges Panorama der Poesie Bell- mans, das sich schon im Zeitpunkt des Erscheinens als ein Standardwerk darbietet. Es zeigt die wundersame Episteldichtung als ein umfassendes karnevalisches Produkt, geboren aus dem wechselnden Gebrauch von Andachtspoesie und Bibelparodie, hochge­stimmter Rhetorik und Gassensprache, dramatischer Aktion und klassizieren- dem Ton, Vision und Reportage. Dieses Interesse für Bellmans Doppelbelichtungen und seine leichtfüßigen Schritte zwischen Stilen oder Genres ist natürlich nicht neu, aber es ist noch nie so umfassend und überzeugend dargelegt worden wie hier.

Hätte Bellman hundert Jahre später gelebt oder wäre er von Thorilds revolutionärem Pathos beseelt gewesen, so hätte er dem kleinkarierten literarischen Etablissement eine Schlacht liefern können! Nun wollte er nichts lieber als Anerkennung finden bei denen, die ihn – zum Teil – verachteten. Keiner von ihnen, nicht einmal Gustaf III., der sein Wohltäter wurde, scheint die Weite seines Genies verstanden zu haben. Keiner bis auf einen: der einzige, der sich mit ihm messen konnte, auch wenn er sozusagen aus einer anderen Richtung zu Literatur kam, von der Regelästhetik und der satirischen Revue der Aufklärungstradition.

BELLMAN EIGNETE Kellgren eine seiner letzten Episteln zu (Nr. 80). Dort zeigt Lönnroth, wie der Dichter seinem ehemaligen Widersacher entgegenkam: So nett und adrett konnte ein Hirtengedicht aussehen. Aber zugleich fordert die abschließende Burleske der Epistel das Regelwerk heraus: "Doch Ulla, hingestreckt im Bett, / mit Mollberg nun schnarcht im Duett." Bellman wußte trotz allem, daß der Kgl. Sekretär Königlicher Sekretär war und er selbst: Bellman. Zum Glück. Für die Hirtin, für ihre Kavaliere und für die schwedische Poesie.

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